Der Radierer Luigi Kasimir

Von Arthur Roeßler

Wer von Grinzing aus, dem auch heute noch dörflich anmutenden Teil des Wiener Gemeindebezirkes Döbling, die busch- und baumbestandene, gemächlich bergwärts führende Himmelstraße hinan steigt, die auf einem langgestreckten Kuppenrücken zwischen Wingerthängen zu dem schlossartigen Landsitz Bellevue und im weiteren Verlauf, in weich geschwungenem Bogen, zum Kobenzl hinleitet, gewahrt man, ein kurzes Stück oberhalb des auffallenden, großen Atelierbaues, den der Akademieprosessor Delug für sich und seine Schüler errichtete – leider nicht zur Zierde der Landschaft und nicht zum Ruhm seines Baumeisters – rechts am Weg, in einem leicht verwilderten Garten mit verwitterten barocken Steinfiguren, kleinem, halb versandetem Brunnenrund und silbrig-grauer Terrassenbalustrade, ein gelb getünchtes Haus mit Mansardgeschoß, ein Haus von der Art, der in Wien Maria-Theresia-Stöckel genannten, anmutigen Eigenwohnstätten.

Die Stille und träumerische Stimmung verschollener Zeiten scheinen das friedliche Haus zu umweben, das den Wanderer gleich einem von Lavendelduft und gedämpften Spinettklängen durchzogenen Behälter alt und müde gewordener Menschen anmutet, sieht er es im Frühling aus dem blassen Lila blühender Fliederbüsche, im Herbst aus den verglühenden Farben des wilden Weines, der Ebereschen und verblichenen Sonnenblumen herausschimmern. Verweilt man aber nur ein wenig im Anschaun der an landschaftlichen und baulichen Reizen reichen Siedlung, vernimmt man bald das laute Reden, Lachen und Jauchzen heller Knabenstimmen, und ab und zu den in Güte mahnenden Ruf eines klangvollen Baritons; denn hier haust nicht dem Ende zudämmerndes, hier trudelt junges, gegenwärtiges, daseinsfreudiges Menschenleben, hier ist Luigi Kasimir, der Meisterradierer daheim, mit seiner anmutigen, zierlich-schönen, selbst auch künstlerisch hochbegabten Gattin und seinen beiden blonden Buben, die man für jüngere Brüder ihrer jungen Mutter ansehen könnte.

Das barockisierende Gartenhaus mit der vermuteten Stifterischen Nachsommerstimmung ist also nicht der Schauplatz eines pastellartig verblassten Daseins lebensabgeklärter, stiller, weil alter Menschen, alter Geschehnisse und Geschichten, sondern der werkmäßig gediegene und in wohlgefälliger Form errichtete, gut bergende Behälter des blutwarmen Familienglückes und der schaffensfrohen Tätigkeit eines ungewöhnlichen Mannes in den Jahren, die man nicht nur die besten nennt, die die besten, weil fruchtbarsten sind. Eines ungewöhnlichen Mannes insofern, als eine, von Anbeginn ihres Erdendaseins stark ausgeprägte, kraftvolle und eigenwillige Wesensartung als Merkmal einer, im gesetzlichen Wechsel der Natur die Gesetze selbst genügsam vollziehenden Männlichkeit erachtet wird. Denn es ist so, dass wir es in Luigi Kasimir mit einem Manne zu tun haben, dessen Wesen, Sein und Dasein auch dann von nicht geringer Bedeutung wäre, wenn er nicht als der meisterliche Radierer gepriesen würde, der er ist. Die Aufzählung der Beweise für die Tatsache der ungewöhnlichen Befähigung Kasimirs auf sehr verschiedenartigen Gebieten der menschlichen Wirksamkeit würde mich von der hier zu lösenden Aufgabe allzu weit entfernen und zum tastenden Vorwagen auf ein Feld verlocken, das in der Tiefe eines fremden Bewußtseins verborgen liegt. Wir müssen uns schon deshalb, aber auch weil des Künstlers privates Leben sein ureigenstes persönliches Besitztum ist, an dem Teil zu nehmen die Öffentlichkeit kein Recht hat, darauf beschränken, Luigi Kasimirs augenfälligste und wirkungsreichste Lebensbetätigung, woran er selbst die Menschen in freigebigster Weise Teil haben lässt, sein Kunstschaffen allein, der näheren Betrachtung zu unterziehen.

Luigi Kasimir ist in dem südsteirischen, seither unfreiwillig zu Jugoslawien gekommenen Städtchen Pettau vor vierzig und einigen Jahren als Enkel zweier Bäckermeister, die beide mit viel Geschick in biedermeierischen Erinnerungsbildchen und Gelegenheitsgedichten dilettierten, zur Welt gekommen. Sein Vater, der vorher Offizier war, ist Maler, Landschafter, Vedutist und rühmlich bekannter Darsteller architektonischer Vogelperspektiven geworden, wollte aber eigentlich dramatischer Dichter werden. Luigi Kasimir ist demnach erblich stark „belastet“. Seine Entwicklung bis zum Jüngling soll sich dennoch, der Familientradition zur Folge, von der Entwicklung gesunder Knaben in ähnlichen, gutbürgerlichen Verhältnissen kaum unterschieden haben: es wäre denn, dass man seinen besonders munteren, Wohl wissbegierigen, aber keineswegs lerneifrigen Geist und seine körperliche Lebhaftigkeit und Kraft, wie auch eine stark ausgeprägte Schaulust etwa, als besondere Unterscheidungsmerkmale gelten lassen wollte. Dass er frühzeitig emsig zu zeichnen begann, war weiter nicht verwunderlich: nicht nur deshalb, weil er das Beispiel des Vaters täglich vor Augen hatte, sondern weil ja
die meisten Kinder gerne zeichnen und dieses Tun gemeinhin weiter nichts ist als eine Abart des Spieltriebes. Luigi Kasimir war kein Wunderkind: Er war ein spielfreudiger, zu allerlei übermütigen Bubenstreichen stets bereiter Knabe. Zur Malerei gelangte er erst als Jüngling. Was durchaus natürlich ist, da sich das Gefühl für Malerei, gleich dem Geschmack, erst nach und nach und mit Hilfe der Erziehung zu entwickeln Pflegt. Das Gefühl für Malerei ist allerdings, wie Jean Paul sagte, der frühesten Erziehung wert, weil es das Gitter wegnimmt, das uns von der schönen Natur absondert, weil es die phantasierende Seele wieder unter die äußeren Dinge hinaustreibt, und weil es das deutsche Auge zur schweren Kunst abrichtet, schöne Formen zu fassen: Es war auch von Anbeginn in Luigi Kasimir vorhanden, nur wurde es zunächst noch nicht „erzogen“, sondern sich selbst überlassen. Luigi Kasimir hatte kein „Sitzfleisch“ und nur geringes Interesse für die bildlichen Arbeiten anderer. So kam es, dass seine Erziehung zur malerischen Naturanschauung weniger in einer besonderen lehrhaften Anleitung bestand, als in den persönlichen Augenerlebnissen der Umwelt und dem Bestreben, diesen Erlebnissen sinnfälligen Ausdruck zu verleihen; ja, durch letzteres am meisten. Kasimir liebte schon in früher Jugend die sehsinnlich erfassbaren Wirklichkeiten der Erdenwelt: die altertümliche Stadt, in der er lebte, die malerischen Dörfer, in die er hinauswanderte, die vereinzelten romantischen Bauwerke, den undurchdringlich geheimnisvoll düsternden Wald und den lichten Hain, das goldene Feld und die bunte Wiese, die mit topasenen und rubinenen Trauben behangenen Weingärten, den schimmernden und rauschenden Fluss und die blaudunstigen Berge. Er liebte die klare Frühlingskühle ebenso wie die Novembernebel, die wie Dunst gewordener Schnee aussehen. Er liebte die graunebelbleichen, lilablassen, milchigblauen und zartgrünen Tönungen der Dämmerung. Das fahle Licht, das auf den entfärbten Spätherbststraßen liegt, an deren Ränder entlaubte Bäume ihr kahles Sparrenwerk in gespenstigen Krümmungen, gleichsam klagend, in die graue Luft recken, liebte er; aber er liebte auch das goldgüssige Licht des prangenden Mittsommers und das farbig turbulente Sprühlicht des verglühenden Spätsommers. Die Erscheinungen der Dürre, wie die der Feuchtigkeit, den Morgen, Mittag und Abend, und die nie gänzlich lichtlose Nacht liebte er und das Leben der Menschen im Wechsel der Zeiten und Stimmungen. Und was er liebend erschaute, das hätte er immer schon in Bildern festhalten mögen.

Vorerst war ihm dies jedoch nicht vergönnt. So gern er auch seiner Liebe zur Landschaft und ihrer bildkünstlerischen Wiedergestaltung gelebt hätte, musste er sich wohl oder übel doch dazu bequemen zunächst einmal in Graz das Gymnasium zu besuchen, um die Matura zu machen, da die eine seiner Großmütter – es war wohl die energischere oder sonstwie einflussreichere – die vorsichtige Meinung hegte, dass das „Sicherste doch eine Pension sei!“

Um zu dieser Sicherheit bürgerlicher Existenz zu gelangen, sollte Luigi Kasimir Mittelschulprofessor oder Staatsbeamter werden. Nun, Kasimir wusste diesem „Unheil“, wie er launig selbst sagte, mit „List und Geschick“ zu entgehen. Er erbettelte, erschmeichelte, ertrotzte sich die Erlaubnis, zum Studium der Malerei an die Wiener Kunstakademie gehen zu dürfen. Von den Vorteilen, welche dieses Kunstinstitut seinen Frequentanten gewährt, machte er allerdings, wie er in einer autobiographischen Skizze bekannte, nur „ab und zu Gebrauch“; hauptsächlich dann, wenn es galt, seine „Stipendiengelder zu beheben“; ansonsten „trieb er sich tagediebisch umeinander“, wie man das schaulustige Schweifen und Streifen der Künstler in bürgerlich streng gesinnten Familien zu benennen pflegt. Luigi Kasimir wanderte, schaute, zeichnete. Sein nachmals gleich ihm berühmt gewordener Landsmann und Freund Rudolf Hans Bartsch leistete ihm dabei oft Gesellschaft. Wochenlang hausten die beiden jungen Männer, gleichsam als Flüchtlinge der Zivilisation, in der Burgruine Aggstein oder in irgend einer abseitig gelegenen einstigen Kartause. And es bekam ihnen diese waldhegerhafte Absonderung nicht schlecht; jedenfalls besser als anderen das Herumknotzen im Kaffeehaus. Eines versäumte Kasimir dabei: den Anschluss an die jeweils „neueste Richtung“. Das heißt, er versäumte ihn nicht, denn er hatte ihn niemals gesucht. Er vertraute ganz allein auf die Kraft seines Willens, die Geschicklichkeit seiner Hand, die Feinfühligkeit seines Geschmacks, die Wirkung der Gemüthaftigkeit seiner Kunstleistung. And tat recht daran; wie er recht tat, an die Stelle der Anschauung nicht die Idee, an die Stelle des Lebens nicht die Theorie zu setzen. Stets verblieb er in einem sozusagen natürlichen Verhältnis zur Natur, ihr äußerlich und innerlich immer gleich nahe. Auch heute noch lässt er sich als Künstler von der Natur wohl ergreifen, doch nie beherrschen; denn er weiß nicht nur, dass Natur und Kunst zweierlei ist, sondern auch, dass die Schönheit der Natur auf die Schönheit der Kunst eifersüchtig ist, wie eben jede Schönheit auf die andere, und dass die Naturnachahmung nur da einen künstlerischen Wert bildet, wo die Natur für, nicht gegen das Auge arbeitet.

Auf dem Umweg über die Steinzeichnung, die Lithographie, hatte er den Übergang zur Radierung, als der ihm kunsttechnisch wesensgemäßesten Ausdrucksart, gefunden. Da er für diese finessenreiche und heikle Technik keinen Lehrer hatte, weil er keinen suchte, um sich nicht dem qualvollen Zwang der Nachahmung unterwerfen zu müssen, eignete er sich als Autodidakt eine eigene Handwerklichkeit der Radierung und des farbigen Kupferdruckes an. Im Jahre 1906 ätzte Kasimir seine erste gebrauchsfähige Platte. Begabt mit einer Geschicklichkeit, die nicht so bald ihresgleichen findet, und getrieben von einem unersättlichen Verlangen nach Beherrschung aller bekannten und mehr noch: unbekannten technischen Ausdrucksmittel, entstanden unter seinen flinken Händen hunderte Blätter; zunächst als Antworten auf irgend welche vertrackte technische Fragen. Auf diese Weise allein wurde das graphische Werk des erst Vierzigjährigen kaum übersehbar. Es umfasst Zeichnungen in Kohle, Kreide, Graphit, Silber- und Farbstift, Tusch- und Biesterfeder, Lithographien mannigfachster Art, Gebrauchsgraphik, Plakate, Buchtitel, Vignetten, Ex Libris, Illustrationen, radierte Landschaften und Städtebilder, in Einzelblättern und zyklischen Folgen. Ohne die mindeste Gewaltsamkeit, ja, ganz ohne Absichtlichkeit, bildete sich bei Luigi Kasimir ein eigener Stil, das heißt: eine höchst persönlich wirkende Ausdrucksweise heraus. Ein Kasimir-Blatt ist auch vom Nicht-Fachmann unter hundert Radierungen anderer Graphiker sogleich unverkennbar herauszufinden: denn Kasimir sank nie zur Nachahmung herab, selbst der größten, von ihm neidlos bewunderten Griffelkünstler nicht: was er zu sagen hatte, das sagte und sagt er stets in seiner Weise, einer eingeborenen, individuell handschriftlichen Ausdrucksart.

Vielleicht hat diese Tatsache ihren inneren Grund in der Überzeugung, die Kasimir mit Overbeck teilt, nämlich der Überzeugung, dass die „Kunst im allgemeinen weiter nichts ist als der volle und lebendige Ausdruck, sei es in Formen, in Farben, in Tönen, von demjenigen, was das Innerste oder das ganze Gemüt des Künstlers erfüllt und bewegt“. Dieses Erfüllende und Bewegende ist nun bei Kasimir jeweils etwas gegenständlich Anderes, stets aber Sinnfälliges, das heißt Augenscheinliches und im Ausdruck individuell Verdichtetes. Ihm wird jedes Naturphänomen zum persönlichen Erlebnis, und jedes Stück erschaubarer Wirklichkeit gilt ihm als staunenswertes Naturphänomen. Darum ist Luigi Kasimir mehr Darsteller als Gestalter. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn Kasimir im Frühwinter in das freie Land hinausschreitet und die Felderbreiten vom Raureif gebleicht sieht, als wäre unsäglicher Kummer über das Land gekommen, wird er seinen Eindruck hievon nicht in einer Komposition gestalten, zumal keiner figürlichen, sondern ihn in einer Darstellung zum Ausdruck bringen, die künstlerisch verdichtet, die gleiche Stimmung bewirkenden Elemente enthält, deren Kräftestrom er vor der Natur empfand. Das bedeutet, dass alte Juden in seiner Darstellung nicht zu Hohepriestern oder Propheten werden, dass jedermann auch in der Bilderscheinung bleibt, was er in Wirklichkeit ist; ja, kaum ist der Mensch mehr als Staffage in seiner Darstellung. So gänzlich ohne Pathos ist Kasimir. Und doch: Die eigenartige Ergriffenheit, in die uns die Kunst zu versetzen vermag, gerade sie am stärksten und nachhaltigsten, sie bleibt nicht aus bei der eindringlichen Betrachtung der meisten von Kasimir radierten Blätter; selbst bei jenen nicht, die dazu verlocken, die dargestellte Natur mehr zu lieben als die sie darstellende Kunst. Den Grund hiefür werden wir wohl in Kasimirs hochentwickelter Fähigkeit zur Umwandlung des Naturzufälligen in eine für das Auge notwendige Bildgestaltung zu erkennen haben.

Bei Kasimir befinden wir uns ganz und gar im Reiche des Schauens. Nur durch unsere Augen haben wir noch mit dem Erdenleben zu tun. Und der Geschmack regiert in diesem Reiche. Der Geschmack als Takt, als feinst entwickelter Sinn für das, was uns erregt, bewegt, was unser Gefühl, und durch das Gefühl unser Bewusstsein von den Sichtbarkeiten der Welt vermehrt.

Motiv aus Penzing. Eine Radierung von Luigi Kasimir
<p><b>Motiv aus Penzing</b></p><p>Eine Radierung von Luigi Kasimir</p>

Damit mir nicht zum Vorwurf gemacht werde, dass ich meine literarische Bildnisskizze dieses Künstlers, aus wer weiß was für Rücksichten oder gar aus Erlahmung des kritischen Vermögens, „Rosa in Rosa“ halte, will ich nicht verfehlen, zur schärferen Charakteristik, den hellen Farben nunmehr auch ein wenig Grau und Schwarz beizumengen und sagen:

Viele Vorzüge besitzt Luigi Kasimir als Künstler, viele noch außer den bisher erwähnten, nur zwei nicht: Er besitzt keine Leidenschaft und keine Phantasie. Darum ist er ohne Pathos, undramatisch, untragisch. Das von den Künstlern aller Völker, aller Zeiten zu den wichtigsten körperhaften Sichtbarkeiten der Erdenwelt gezählte, rätselreichste aller irdischen Lebewesen, der Mensch, interessiert ihn künstlerisch nicht, oder besser gesagt, interessiert ihn künstlerisch nicht unmittelbar. Ob aus genauer Kenntnis der Unzulänglichkeit menschlichen Wesens, ob aus einem tiefen Gefühl oder einer tiefen Erkenntnis, das bleibt unentschieden: Tatsache ist es, dass Kasimir alle großen, wie alle kleinen Erscheinungen der Welt mit nahezu gleicher Liebe umfasst. Er liebt allem Anscheine nach einen Baum nicht minder als einen Menschen. Aber halt! Doch nur dem trügenden äußeren Anscheine nach. Denn er liebt, wenn wir seinem graphischen Werk als Beweis dafür trauen wollen, am meisten die Städte, die hundertfältigen, phantastischen, geheimnisvollen, architektonischen Szenenaufbauten des uralten Welttheaters, auf dessen lebendiger Bühne sich in bald übertrieben ausgelassenen, bald in ergreifend traurigen, in heldisch überhöhten und parodistisch erniedrigten Auftritten, überronnen von Schweiß, Tränen und Blut, die endlose Tragikomödie der Menschheit abspielt. Kasimir wird nicht müde, die architektonisch umrahmten Schauplätze dieser unendlichen Tragikomödie immer wieder aufzusuchen und abzubilden: meist ohne die Akteure, die lebenden, liebenden, leidenden Menschen. Aber er tut dies mit solch erlesener Kunst der Stimmungsgewalt, dass wir die nicht Mitdargestellten vermeinen agieren zu sehen über alle unausdenklich vielen Zwischenstufen des Daseins hinab bis zum bitteren Ende.

An den Fassaden alter Bauten versteht Kasimir zu lesen, wie nicht viel andere in den Gesichtern der Menschen. Er hat den eindringenden Blick, dem sich in der steinernen Architektur die Merkmale blut-und nervigen Lebens offenbaren, des Lebens, das vormals in Lust und Leid, in Ehre und Schande, in Schönheit und Elend gelebt worden ist. Alte, vergangenheitsreiche Städte waren und sind ihm stets liebstes Reiseziel, bevorzugter Anlass zur Arbeit. Wenn andere Maler und Graphiker die freie Landschaft, den Wald, das Gebirge, die weithin sich dehnende Heide oder den brandungumspülten Meeresstrand aufsuchen, begibt er sich in eine alte Stadt, es mag Dinkelsbühl oder Gent sein, München oder Siena, Hamburg oder Venedig, Lübeck oder Bologna, Nürnberg oder Palermo, Kronburg oder Amalfi, Passau oder Brügge, London oder Rom. Solche Örtlichkeiten zu sehen, den Anhauch ihres Wesens zu spüren, Sonderlichkeiten ihrer Gestaltung mit dem Stift graphisch zu fixieren, fühlt er sich stets stärker getrieben, als schwärmerisch im Anblick des Dachsteins oder Ortlers, der Bernina oder Jungfrau, des Strandes von Trouville, Lido oder Heringsdorf zu schwelgen. Denn in ihm hat sich, wie ich schon sagte, aber da es nicht genug betont werden kann, wieder sage, die Fähigkeit überaus fein entwickelt, die Schauseiten alter Bauten wie die Antlitze von Menschen zu schauen.

Bei der Oper in Wien. Ein Werk von Luigi Kasimir
<p><b>Bei der Oper in Wien</b></p><p>Ein Werk von Luigi Kasimir</p>

Seinem technischen Vortrag, der oft der angestrebten Wirkung zuliebe ein kompliziertes, handwerklich sehr schwieriges Gemisch der, von akademischen Radierern fein säuberlich und streng getrennten Ätztechniken ist, eignet die gesund robuste Selbstverständlichkeit, die kein Schwanken, keine Unsicherheit mehr kennt. Kasimir hat es in der Anwendung und Beherrschung der technischen Ausdrucksmittel, dank seinem Fleiß und seiner Leistungsfähigkeit, die sogar in wochenlanger zehn- bis zwölfstündiger Tagesarbeit noch nicht erlahmt, ungemein weit gebracht. Denn gerade in der Kunst der Radierung sind die Schätze der technischen Ausdrucksmittel so reich und mannigfaltig, wie kaum bei irgend einem anderen graphischen Verfahren. Nicht nur, dass die Unmittelbarkeit der Werkzeugführung, verbürgt durch den fast völligen Mangel materiellen Widerstandes, dem die Radiernadel auf dem mit Ätzgrund überzogenen Kupfer führenden Künstler es ermöglicht, sich mit größter Freiheit und Feinheit zu bewegen, sich restlos linear auszudrücken, gewährt ihm überdies der Ton tausendfältige, wirkungsvolle Gegensätze, vom einfachen Gegensatz zwischen hell und dunkel, bis zu den tonalen Gegensätzen, die ebensovielen farbigen Gegensätzen in der Natur entsprechen. Der Radierer kann nicht nur die Striche nach Belieben führen, in gleichlaufenden oder gekreuzten, geschlängelten oder sonstigen Lagen, und Partien mehr oder minder stark ätzen, er kann auch durch Polieren, Schaben, Aufrauen, Schleifen, Körnen, kurzum durch allerlei Überarbeitungen aufs Wechselvollste die Ausdrucksart abwandeln. Kasimir, in seiner leidenschaftlichen Vorliebe für alles Technische, ließ nichts unversucht; ja, mitunter verquickte er, sehr zum Verdruss mancher, die dann nicht mehr recht zu unterscheiden vermochten, in welchem Gemisch von Techniken eigentlich die eine oder andere seiner Radierungen gemacht ist, die verschiedenen handwerklichen Ausdrucksarten. Er tat das ohne Bedenken, aus reiner Lust am Wagnis und aus Gefallen an der Wirkung, die er durch sein Tun erzielte. Sehr bald ging er vom Strich zur malerischen Flächentechnik über, und in den letzten Jahren steigerte er deren Anwendung dermaßen, dass manche seiner Radierungen schon mehr Gemälden als Graphiken gleichen. Nicht nur, weil er die Farbe zu Hilfe nimmt und sie in überaus geschickter Weise, in pikant wirkenden Flecken, Drückern und Wischern an passender Stelle einzusetzen versteht, sondern weil er den Gegenstand massiger, großformiger, aufgelockerter sieht und wiedergibt, so dass seine Blätter in ihrer dekorativen Art neuerdings mehr für die Wand als für die Mappe geschaffen zu sein scheinen. Kasimir, der ein bewunderungswürdig formsicherer Zeichner geblieben ist, wie seine meisterlichen Naturstudien in Graphik und farbiger Kreide beweisen, liebt als Radierer nunmehr die malerische Fassung des Gegenstandes, die räumlich wirkende Beleuchtung mit starken Schlagschatten und betont gerne den besonderen, ungewöhnlichen, den romantischen Charakter, den die Architektur aller Zeiten, Stile und Länder unter gewissem Gesichtswinkel, in gewisser Beleuchtung, gewisser Stimmung des Klimas gesehen, zu gewinnen vermag.

Vielleicht hat er es mehr den impressionistisch wirkenden Effekten, als seiner doch nur von gewiegten Kennern entsprechend ihrer künstlerischen Bedeutung gewürdigten Technik zu danken, dass seine Radierungen aus aller Herren Ländern in aller Welt beliebt sind. Tatsache ist es jedenfalls, dass man seinen Arbeiten überall begegnet, wo die Erde zivilisiert ist, im skandinavischen Norden Europas ebenso wie im türkischen Osten, in England ebenso wie in Kanada, in Indien wie in Australien; ja, sogar in Ostasien. Durch Zufall erhielt ich Kenntnis davon, dass ein Farmer in Okanogan, einer Ortschaft im Staate Washington, ganz „oben“ im Westen der Vereinigten Staaten, angrenzend an die Indianer-Reservation, die „Hall“ seines Bungalows in ähnlicher Weise mit Radierungen von Luigi Kasimir schmückte, wie dies, weit, weit davon, ein holländischer Pflanzer in Soerabaia auf Sumatra getan hat. Ich wunderte mich deshalb schon gar nicht mehr, als mir ein bekannter englischer Graphik-Liebhaber, der eine berühmte Sammlung von Zeichnungen, Stichen, Holzschnitten und Radierungen besitzt, sagte: „Oh! Mr. Kasimir (es klang wie Käschmir) ist ein großer Meister der Radier- und Ätztechnik! Man kennt und schätzt ihn überall. Unser größter Stichelmeister Brangwyn ist anders, aber kaum größer. Wenn in der Welt Leute wissen, dass es ein Österreich gibt und dass dies ein Land von kultureller und künstlerischer Bedeutung ist, so ist das der Fall auf Grund der Arbeiten von Luigi Kasimir. Dieser Mann ist eine Art Kunstgesandter Ihres Landes, der dessen Interessen in der Welt mit besserem Erfolg vertritt, als so mancher Ihrer diplomatischen Vertreter. Oh, gewiss, es ist so.“ –

Nun, wenn dem so ist, wollen wir uns darüber freuen und die neidhämischen Immermäkler so lange wispern lassen, bis sie von selbst verstummen, dass Luigi Kasimir eigentlich kein Künstler ist, sondern nur ein virtuoser Handwerker und ein arger „Bourgeois“ dazu, ja, schlimmer noch: ein „Philister“! Weiß man ja jetzt doch schon, wie Fontane sagte, dass ein Philister ersten Ranges dennoch ein großes Genie sein kann, ja gerade wegen des ersteren das zweite, während man sich früher das Genie ohne recht merkbare moralische Defekte nicht gut vorstellen konnte. Nicht bloß die schlampige Frisur und das schlampige Gewand, auch die schlampige Seele und der geradezu lumpige Charakter schienen die notwendige Voraussetzung für das wahre Künstlertum zu sein. – Heute denkt man darüber schon anders, wesentlich anders; denn es fiel auf, dass viele, um schon nicht die meisten zu sagen, also dass viele Großmeister der Kunst unverkennbare Philister waren. Man braucht dabei nur an Alt und Menzel, Delacroix und Manet zu denken. Kasimir kann sich daher über den Vorwurf trösten, sofern er sich von ihm überhaupt angefochten fühlt.
Bewegt wird des wahren Kunstfreundes unverdorbener Sinn und Geist weniger durch das aus einer geringen Menschlichkeit auf kaltem Wege hervorgebrachte Werk, es sei so interessant wie nur möglich, als durch das, aus voller und gütiger Menschlichkeit, in gleichnishafter Inhaltsfülle erwachsene Werk. Denn jedes wahre, echte Kunstwerk hat seinen Urgrund nicht im Intellekt, sondern in der Seele.

In vollem Vertrauen auf die Richtigkeit seines vorherbestimmten Tuns, ist Kasimir mit einem liebenden Herzen, das ruhig und stark in gleichmäßiger Wärme pulst, daran, sein künstlerisches Lebenswerk zu fördern. Es ist ihm dies bisher mit bestem Erfolg gelungen. In überraschendem Aufstieg hat Kasimir binnen kurzem eine erstaunliche Höhe der kunsttechnischen Meisterschaft und der weitreichenden Berühmtheit erlangt und es hat ihm auf der Höhe der Schwindel nichts anzuhaben vermocht, durch den andere in die Höhe kommen. Anschauung und Erfahrung in Natur und Welt verstärken nur immer mehr seine Liebe zur Kunst.

Die einzelnen Stücke, aus denen sich seine bisherige Kunstleistung zusammensetzt, zu schildern, halte ich für unnötig, da sie für jedermann ihre unmissverständlichen Schönheiten üppig und offen prangend darbieten. Wer sehen kann und dies ohne Voreingenommenheit tut, dem offenbart sich die, jeglichen literarischen Beigeschmacks bare Kunst Luigi Kasimirs gernwillig; dem wird es dann aber auch deutlich, dass dieser Mann aus dem deutschen Süden Österreichs einer der besten Graphiker des gegenwärtigen Mitteleuropas ist.

Quellen:
Der getreue Eckart, 4. Jahrgang 1926/27, Heft 8, Seite 366ff

Übertragen von hojos
im Juli 2025