Vergessene Wiener Sommertheater

Von Valeska Elsbeth Riebe
16.07.2025

De Erfolge der Aufständischen in den Märztagen des Jahres 1848 hatten die Wiener in einen wahren Freiheitstaumel versetzt. Mit der eben erlassenen Pressfreiheit wälzte sich eine Hochflut von Flugblättern und neuen Zeitungen durch das Land. Der in der Aula wiedererweckte „Lederne Fuchs“ durchschwirrte, zur Landplage geworden, die Straßen der Stadt und seine Spottverse auf die verhassten Machthaber von gestern riefen ein tausendstimmiges Echo wach, ja, das Fuchslied vertrat, wie der „Wiener Postillon" von 1848 meldet, sogar die Volkshymne, stimmte doch die Musikkapelle der akademischen Legion bei ihrer Parade vor dem Kaiserpaar auf dem Exerzierplatze vor dem Schottentor das „Was kommt dort von der Höh'“ an. Strauß Vater begeisterte die Wiener mit seinen neuen Tondichtungen „Freiheitsmarsch“, „Schwarz-Rot-Gold“ und den „Marsch der Studentenlegion“ und seine mit eingestreutem Fuchslied aufgeführten Konzerte lösten einen fast grenzenlosen Jubel der von einem schwer lastenden Drucke befreiten Bevölkerung aus. Es lag nahe, dass der Freiheitsgedanke auch auf die Bühne drängte und der Zeitpunkt für die Gründung eines eigenen nationalen Theaters war überaus günstig, nicht allein wegen der Volksstimmung, sondern auch wegen der drohenden Erwerbslosigkeit einer Schauspielergruppe. Die Mitglieder des Josefstädter Theaters hatten nämlich am Palmsonntag die Mitteilung von der Sperrung dieser Bühne erhalten und in ihrem hierauf gebildeten Verein tauchte der Plan auf, ein neues Theater zu gründen, das mit Rücksicht auf die nahende warme Jahreszeit eine Freilichtbühne werden sollte.

Zwar berichtet schon die Theaterzeitung vom 30. Mai 1830 von dem Bau eines Tagtheaters in Hernais auf dem Grunde des Herrn Heim (Hernalser Hauptstraße), das der damalige Leiter des Josefstädter Theaters, Matthäus Fischer, mit Bewilligung des Kaisers errichten ließ, doch kam es nicht zur Eröffnung, da der Unternehmer früher zugrunde ging. So erhielt Wien erst 1848 das erste Sommertheater: die Nationalarena in Hernals.

Nach Erlangung der mit großem Nachdruck vom Minister Pillersdorf geforderten Baubewilligung und Beschaffung der Geldmittel durch Aktionäre, wurde in wenigen Wochen auf einem weiten Gartengrund in der Bergsteiggasse (bei der Ottakringerstraße) ein freundliches Sommertheater errichtet. Baumgruppen und Blumen bildeten die Bühne. Der Zuschauerraum umfasste 10 Logen, ein großes Parterre und die Galerien. Blumig gemusterte Wachsleinwand bedeckte die Holzwände und ein Leinwanddach schützte gegen Sonnenhitze.

Am 23. Juli 1848 eröffnete Direktor Pokorny die Nationalarena mit einem von Anton Langer verfassten Prolog, dem die Aufführung des Stückes „Das Fest der Arbeiter“ von W. Just – Paraphrase des Stückes „Das Fest der Landwerker“ von Angely – folgte. Kraftvolle Auftritte, witzreiche Gespräche, Tanznummern und besonders die zeitgemäßen Anspielungen brachten einen vollen Erfolg und der Chor „Das deutsche Vaterland“ entfesselte rauschende Beifallstürme.

Wenn nach dem verheißungsvollen Anfang die späteren Aufführungen im ersten und zweiten Spieljahr nicht den gehegten Erwartungen Pokornys entsprachen, so waren daran vor allem die Stücke schuld. Mit wenigen Ausnahmen wertlose Mache, hatten sie nichts mit Kunst gemein und die Kritik bringt die abfälligsten Urteile über „Verzerrung der Poesie und Schauspielkunst“, über den „sinn- und herzlosen Quark, mit dem die edle Zeit vergeudet wird“, über den „Mischmasch von Ideenlosigkeit“, über die „wüste Zerstreuungssucht, die Wohllüstelei der Kunst“ u. a. Die guten Kassenerfolge waren zum Teil der Einstellung ins Örtliche (z. B. „Das Kirchweihfest in Hernals“ von Schönstein, „Die Steinbrüderln“ von Kola), zum Teil der bizarren, mit einem Kunterbunt sinnfälliger Mittel arbeitenden Aufmachung der sogenannten Spektakelstücke zu verdanken, die dem Geschmack oder vielmehr der Geschmacksverirrung einer nach Aufsehen erregenden Handlungen und Befriedigung niedrigster Schaulust heischenden Menge entsprachen. So war es beispielsweise die Posse „Dummer Teufel und böses Weib“, die mit ihrer Fülle an derbem Witz, urkomischen Szenen und dem Feuerwerk, der Höllenschlund, ganz Hernals und Lerchenfeld ins Theater lockte.

Nach dem Tod Pokornys unternahm sein Nachfolger Megerle bei prächtigem Herbstwetter 1851 den Versuch, Schillers „Räuber“ unter Mitwirkung der Kunstreitergesellschaft Beraneks aufzuführen, der aber kläglich scheiterte, so dass die Theaterzeitung darüber bemerkt: „Außer Leuchert, der den Karl Moor spielte, gelang es nur den Pferden Beraneks, aus ihrer Umgebung hervorzutreten.“

Die für die Theatergeschichte der Arena bedeutungsvollste Spielzeit war die des Jahres 1852. Nach einem misslungenen Versuch mit der Weberschen Oper „Freischütz“ hatte Megerle wieder zur Posse gegriffen. Am 16. Juni gab man die „Entführung vom Maskenball“. Ein Gast aus München trat darin auf: die nachmals so berühmtgewordene Sängerin Geistinger, die das Stubenmädchen spielte. Über ihr erstes Auftreten in Wien urteilt die Kritik wenig günstig: „Sie ist noch lange nicht über die Mittelmäßigkeit hinaus und wird noch einige Zeit an die Nachsicht des Publikums appellieren müssen.“ Aber schon in der nächsten Neuaufführung, in Scheibes „Pagatl“ begeisterten Jugend, Schönheit und Talent der Sängerin und sie wurde als eine hervorragende Kraft der Arena geschätzt, die auch in der folgenden Spielzeit viel Beifall fand.

Trotz schlechter Erfahrungen und geringer Einnahmen im Sommer 1853, eröffnete Megerle doch bereits am 21. Mai 1854 wieder das Theater, das Oper, Schauspiel, Posse und Volksstück zu bringen versprach. Es kam Goethes „Götz“ zur Aufführung, über die die Kritik urteilt: „Was nicht aus eigener Dutzendfabrik stammte, wurde geringschätzig behandelt, Götz von Berlichingen hier auf empörende Weise profaniert.“ Wieder gelangten die alten Stücke auf den Spielplan. Auch „Griseldis“ von Halm wurde aufgeführt. Mit „Ein Florentiner Strohhut“ beschloss die Arena ihre Tätigkeit, am 1. August trat der Konkurs Megerles ein. Am 29. August wurde das Theater bei der Versteigerung von dem Grundbesitzer Seitz um 700 fl. erstanden und fast ein Jahr später bringt die Theaterzeitung unter dem 1. und 8. Juli 1855 die Anzeigen: „Das Hernalser Sommertheater wird abgetragen. Der Platz, den dasselbe einnahm, iss zur Verbauung von Zinshäusern bestimm“ und – „Wer billiges Holz kaufen will, der füge sich in die Hernalser Arena. Das Holzwerk der abgetragenen Theatergebäude wird jetzt dort in größeren und kleineren Quantitäten billig verkauft.“

Ähnlich in Bau und Anlage war das zweite Wiener Sommertheater: die Arena in Fünfhaus (Braunhirschengrund), die Pokorny erbauen ließ und gleichfalls leitete. Sie wurde im Pereira-Arnsteinschen Park nach den Plänen des Ingenieurs Konrad Hatzel hergestellt und gewährte, inmitten eines prachtvollen Gartens gelegen, einen überaus gefälligen Anblick, übertraf aber in ihrem Innern, „zu einer prächtigen Tempelhalle, zu einem freundlichen Altar der komischen Muse gestaltet“ alle Erwartungen. Der halbkreisförmige Zuschauerraum für 3500 Menschen bestand aus dem Parterre und drei Galerien.

Am 1. Juli 1849 wurde die Arena mit Verlas Posse „Gervinus, der Narr auf dem Unterberg“ eröffnet, worüber der „Wiener Beobachter“ schreibt: „Gewiss hat noch kein so geschmackvolles Theater bestanden wie dieses und es besuchte dasselbe wohl niemand, der nicht über die Schönheit und Zweckmäßigkeit des Baues in lautes Lob ausgebrochen wäre. Wenn anders die Witterung schön bleibt, wird es ungewöhnlichen Zuspruch finden, vereinigt sich hier doch alles, die Lage, der Park, der Schauplatz, die Gesellschaft, dem Publikum höchst angenehme Genüssezu bereiten.“ Die Eröffnungsvorstellung wurde mit großem Beifall aufgenommen. Aber auch bei dieser Bühne machten sich die Fehler in der Leitung unangenehm bemerkbar.

Statt guter Volksstücke brachte Pokorny wie in der Hernalser Arena Spektakelstücke und Possen zur Aufführung, die durch ein Chaos der Effekte nichts als Blendwerk waren und mit Hilfe des „platten schwulstigen Wortkitts“ eine Mache ergaben, die jeder Kunst fern stand. Trotzdem erfreute sich das Theater guten Besuches und nach Pokornys Tod, unter der Leitung seines Sohnes, war die Arena die heilige Kaba, nach der die Wiener in langen Zügen wallfahrteten oder mittels Gesellschaftswagen, die vom Peter über den Graben rollten, in Massen zuströmten. Man liebte diese Freilichtvorstellungen, ergötzte sich an der Musik von Suppe und den Lachstürmen, die die Komiker Rott und Treumann entfesselten.

Fast vergessen sind heute die meisten der Possendichter jener Zeit und ihre Erzeugnisse, die mit den kurzlebigen Bühnen für immer versunken zu sein scheinen.

Nur wenige Jahre überlebte die Arena in Fünfhaus die in Hernals. Kaum hatte jene am 9. Mai 1862 wie alljährlich ihre Pforten den Wienern wieder geöffnet und „Den Werkelmann und seine Familie“ zur Aufführung gebracht und am 11. Mai noch eine Neuinszenierung von Kolas „Steinbrüderln“ durchgeführt, so schlossen sich wenige Tage später unter einem Komitee nach Alois Pokorny die Räume. An seine Stelle trat das Rudolfsheimer Theater; auf demselben Grundstück hatte Schwender die neuen Baulichkeiten zur Vergrößerung seiner Unterhaltungsstätte errichtet, in welcher das Theater einen Bestandteil bildete und für Varietévorstellungen während des Faschings benützt wurde. Als öffentliche Schaubühne, genannt „Schwender Theater“, wurde es unter Karl Lößl am 7. Mai 1867 mit A. Langers „Strauß und Lanner“, einem Stück, das vor einem Jahre anlässlich des 100. Geburtstages von Johann Strauß wieder gespielt wurde, eröffnet. Nach wiederholtem Wechsel in der Leitung hatte Dr. Neuber 1876 in dem „Geschundenen Raubritter“ sein Sensationsstück gefunden – einem Berliner Ulk, den alles sehen wollte –, das auch in dem damit verbundenen Sommertheater in der „Neuen Welt“ noch seine Zugkraft ausübte. Aber auch weiterhin wechselte die Leitung fast jährlich, bis sie von 1892 in der Hand Czerniawski-Löwes blieb. Am 26. April 1897 wurde dort zum letztenmal gespielt.

Für die Wiener Theatergeschichte weit bedeutungsvoller ist das als dritte Sommerbühne in Wien errichtete Thaliatheater, weil es den Schauplatz der ersten Wagner Aufführung in Wien bildete. Der Leiter des Josefstädter Theaters, Johann Hoffmann, ließ es im Sommer 1856 vom Architekten Fellner und dem gleichnamigen Zimmermann herstellen. Diese schufen in der kurzen Zeit von sechs Wochen auf dem ausgedehnten Faßlgrund (heute Grundsteingasse 2: Gasthaus „Zum goldenen Faßl“), damals zu Fünfhaus gehörig, ein freistehendes stattliches Theater, das als „schönste Sommerbühne, die bisher in Österreich und Deutschland existiert“, in der Theaterzeitung beschrieben wird. Der geräumige Bau hatte für 4000 Zuschauer Platz. Die Ausschmückung der Logen (darunter auch die kaiserliche), des Parterre, des Kredenzsaales, der drei Stockwerke und der Galerie zu der Schaubühne war ebenso großartig wie geschmackvoll. Um von den Launen der Wettergötter unabhängig zu sein, hatte Hoffmann dem Gebäude ein Glasdach geben lassen, das aus 36 schweren Aachener Glastafeln bestand, über 9000 Pfund wog und bei schöner Witterung mittels einer Vorrichtung aufgehoben werden konnte, wodurch frische Luft in das Haus strömte. (Ein Bild des Thaliatheaters nach einem Aquarell von A. Weber im Museum der Stadt Wien ist diesem Beitrag als Startfoto vorangestellt. Darin ist rechts das Heidelberger Riesenfass zu sehen.)

Am 15. August 1856 wurde die Bühne mit dem Saphirschen Prolog „Ein billiges Publikum“ eröffnet. Hierauf hielt Hoffmann eine längere Ansprache, der die Posse „Aus dem Wiener Leben“ von Böhm folgte, die mit ihren wirkungsvollen Couplets einschlug und längere Zeit auf dem Spielplan blieb. Der neue Bau bildete in Wien das Tagesgespräch und in Scharen strömten die Neugierigen dem Theater zu, dessen Kassen sich füllten. Das folgende prächtig ausgestattete Stück des als Dichter dem Thaliatheater verpflichteten Karl Haffner „Purzel und seine Familie“, Bilder aus Wiens Vorstädten, hatte solchen Zuspruch, dass weit mehr Besucher als verfügbare Plätze waren. Die Wiederaufnahme der Posse „Blumengeister“ von Gaßmann erwies sich ebenfalls erfolgreich. Aber zu einem ausgesprochenen Zugstück brachte es erst Bäuerles Stück „Zwei schöne Wirtstöchter von Neulerchenfeld“. Ende Oktober 1856 fesselten die akrobatischen Kunststücke dreier Athleten die Schaulust der Theaterbesucher.

Im zweiten Spieljahr gelangten hier eine Reihe meist belangloser, größtenteils längst verschollener Stücke zur Aufführung: „Die Geheimnisse von Wien“, von Therese Megerle, ein schales Machwerk, das den armen Hahnreiter, eine volkstümliche bedauernswerte Figur jener Tage, zur Zielscheibe des Spottes machte, das historische Gemälde „Wien oder Blätter der Geschichte“ von Karl Juin, „Der 13. Juni 1857 oder Weltuntergang“, Gelegenheitsschwank von B. Eiden, „Marco Spada“, Oper von Scribe, Musik von Auber, „Lord und Postmeister“ von H. Röser, „Eine Million“, Zauberposse von Böhm, „Der Sohn des Räubers“ von Th. Megerle; „Der Riese und der daumenlange Hansel“, Gelegenheitsschwank; „Leder und Papier“, von Pirzel, einem Gumpendorfer Schuhmacher, der Wiener Hans Sachs genannt; „Der Graf von Bonneval“ von Th. Megerle; „Der Scharfrichter von Amsterdam“, Schauspiel von Lembert; „Der Bahnwächter“, Zauberspiel von Böhm; „Ein lockerer Vogel“, Erstlingsstück von J. Wimmer.

Fällt schon in dem bunten Gemisch der Vorstellungen die Oper „Marco Spada“ auf, um wieviel mehr der „Tannhäuser“, welche Aufführung den Einzug Richard Wagners in Wien bedeutete. Jedenfalls hat sich der unternehmende Theaterdirektor ein nicht hoch genug anzurechnendes Verdienst damit erworben. Fast unglaublich klingt es heute, dass es damals niemand wagen wollte, Wagnersche Musik öffentlich aufzuführen. Vor allem wohl deshalb, weil nach der in Österreich in jener Zeit landläufigen Meinung Wagnersche Musik und Narretei ein und derselbe Begriff waren; aber auch darum, weil Wagner als Revolutionär galt, witzelten doch die „Signale“, als er im Sommer 1848 in Wien war, dass der Kapellmeister Wagner eine neue Oper schreibe, betitelt „Die zinnoberrote Republik“. Indes war Hoffmann doch nicht der erste Apostel Wagners in Wien, vielmehr war dies Johann Strauß, der in einem Nachmittagskonzert im Volksgarten am 27. März 1853 die ersten Posaunenstöße und Tam-Tam-Klänge – Zwischenaktmusik aus Lohengrin und den Pilgerchor aus Tannhäuser – in Wien erschallen ließ. Am 2. Jänner 1854 trug Strauß im Sophiensaal zum erstenmal die „Tannhäuser-Ouverture“ mit verstärktem Orchester vor. Ihm nachhinkend, nahmen die Veranstalter eines im Kärntnertortheater am 25. März 1855 abgehaltenen Wohltätigkeitkonzertes zugunsten des Bürgerspitalfonds die Entreemusik des Lohengrin in den Spielplan auf. Aber eine der vier großen Opern Wagners aufzuführen, konnte sich das Operntheater am Kärntnertor noch immer nicht entschließen, obwohl auch Prag schon seit 1854 den „Tannhäuser“ im Spielplan hatte. Einen weiteren unverzeihlichen Fehler beging das Kärntnertortheater ferner damit, dass es Wagners Anerbieten, ein neues Werk eigens für Wien zu schreiben, mit dem Bescheid abfertigte, dass man es für gut finde, auch einen anderen Tonsetzer zu Wort kommen zu lassen“: Offenbach, der Gift zischelte gegen die „unmusikalische Natur“ Wagners.

Es gehörte Mut dazu, allen Vorurteilen zum Trotz, unter größtem Aufwand an Geld und Mühe, an die Aufführung des „Tannhäuser“ zu gehen. Und das Wagnis glückte. Oftmals hinausgeschoben, fand die denkwürdige erste Vorstellung am 28. August 1857 im Thaliatheater statt. Auch an diesem Abend war die Aufführung wieder in Frage gestellt. Eine Viertelstunde vor Beginn wurde der Bassist Reichmann von starker Heiserkeit befallen. Hoffmann wollte in Heller Verzweiflung forteilen, um nicht Zeuge des Unwillens der bereits sehr zahlreich erschienenen Theaterbesucher zu sein. Da bemerkte er zufällig im Foyer den Bassisten Schott vom Hoftheater in Hannover mit einer Theaterkarte in der Land. Sofort stürzte Hoffmann auf ihn zu und beschwor ihn, die Partie Reichmanns zu übernehmen. Der Künstler sagte zu, die Aufführung war gerettet. Die Oper hatte einen durchschlagenden Erfolg. Die Darsteller und Direktor Hoffmann ernteten reiches Lob, Max Friedländer und Michael Etienne, die später die Neue Freie Presse gründeten, sowie der Schriftsteller Friedrich Uhl entfesselten wahre Beifallstürme und die Theaterzeitung äußerte sich: „Das Publikum Wiens wurde ebenso gepackt von der Macht, welche durch die Gleichstellung der Worte mit den Noten erzeugt wird, von dem Zusammenwirken der dramatischen und musikalischen Kraft, von den großartigen musikalischen Zügen, die das Werk Wagners aufzuweisen hat, wie das Publikum aller Städte, wo ,Tannhäuser' gehört wurde.“

Freilich gab es auch viele Gegner der neuen Musik, aber der Siegeslauf Wagners ließ sich nicht mehr aufhalten.

Schott musste die Rolle noch einige Male singen, bis die Heiserkeit Reichmanns gewichen war. Hoffmann machte mit dem „Tannhäuser“, der im Herbst im Josefstädter Theater weitergespielt wurde, glänzende Geschäfte.

Leider verblasste der Ruhm des Thaliatheaters sehr bald. In den folgenden Jahren waren auf dieser Bühne die sonderbarsten Gestalten anzutreffen: Zauberkünstler, Riesen, Zwerge, Kunstreiter, Akrobaten, allerlei Tänzer. Spektakelstücke, mit Vorliebe romantische Räubergeschichten, beherrschten nebst diesen Schaubuden- und Zirkusvorstellungen den Spielplan, auf dem sich ab und zu auftauchende wertvolle Stücke – 1867 „Preciosa“, „Die Räuber“ mit Hofburgschauspieler Lewinsky – ganz eigenartig ausnahmen. Nachdem Direktor Hoffmann sich längst von der Bühne zurückgezogen hatte, gelangte das Thaliatheater nacheinander unter die Leitung der Herren Höller, Lößl, später wurde es gar von einer Choristin zu kläglichen Vorstellungen benützt. Im Jahre 1869 wurde dort zuletzt gespielt. Mit dem Spektakelstück „General Bems Feldzug und die Honvedarmee“ unter der Leitung Guido Valentinis unseligen Andenkens beschloss die Bühne ihr zuletzt wenig rühmliches Dasein. Zimmermeister Reinhart kaufte den Bretterbau um 2000 fl. und am 13. Jänner 1870 wurde mit der Abtragung des Theaters begonnen, zur größten Befriedigung der Neulerchenfelder, die in dem Holzpalast, der wiederholt nahe daran war, in Flammen aufzugehen, eine stete Feuersgefahr erblickten. Die Thaliastraße in Neulerchenfeld erinnert noch heute an den längst versunkenen Musentempel.

Wenn auch den drei genannten Sommertheatern nur eine kurze Lebensdauer beschieden war, so hatte trotz ihres Niederganges der Wiener seine Vorliebe für die Freilichtbühne in der schönen Jahreszeit bewahrt.

Außer dem bereits genannten Sommertheater in der „Neuen Welt“ erfreute sich das Sallmayersche im Kasino Elterlein in Hernals großer Beliebtheit. Es wurde am 27.Juni 1868 mit „Das Königreich der Weiber“ oder „Krinoline und Chignon“, einer Posse von Karl Haffner, eröffnet und gehörte zum Josefstädter Theater, dessen Direktor die Verfügung traf, dass an verschiedenen Orten in der Stadt und in Dornbach Karten zum Verkauf für jede Vorstellung ausgegeben wurden. Mit dem Untergang des alten Elterlein-Kasino verschwand es.Über den Boden der einst so beliebten Unterhaltungsstätte rollt heute die Stadtbahn dahin.

Quellen:
Der getreue Eckart, 3. Jahrgang 1925/26 23. Heft Seite 1067 ff

Übertragen von hojos
im Juli 2025