Glück in der Liebe – Unglück im Spiel
Eine lustige Geschichte mit niederschmetterndem Ausgange von Franz Resl
16.07.2025
Es ist ein Glück von unabsehbarer Größe für die Menschen, dass so
ziemlich die ganzen Sprichwörter, die sich abergläubische Opti- und Pessimisten im Laufe der Jahrhunderte für alle Tätigkeiten und Lagen des Lebens zurechtgelegt haben, nicht stimmen.
Bitte, denken Sie doch einmal über das Sprichwort nach: „Glück in der Liebe – Unglück im Spiel.“ Ja, glauben Sie denn wirklich daran? Wenn ich nur meine Wenigkeit im Zusammenhänge mit diesem verlogenen, irreleitenden und zu allen Lastern verführenden Satze herausgreife, so werden Sie sehen, dass seine ganze dezidierte Weisheit in ein Nichts zusammenfällt.
Stellen Sie sich vor, ich hätte so viel Glück in der Liebe, als ich Unglück im Spiele habe. Wenn ich nur daran denke, stellen sich die Reste meines längst in alle Winde zerstreuten Haarwaldes zu Berge, denn da müsste ich entweder der berühmteste und erfolgreichste „Don Johann“ sein, oder als türkischer Pascha einen bis zu neunzig Prozent abbaufähigen Harem besitzen. So viel Glück in der Liebe, wie Unglück im Spiel! Und statt dessen könnte ich heute noch – mit meinen ehrlich erworbenen vierzig Jahren – die größte Korbhandlung Mitteleuropas haben, wenn ich mir alle „Körberln“ aufgehoben hätte, die ich seit meinem fünfzehnten Jahre, dem Jahre meiner ersten unglücklichen Liebe, bekommen habe, bis ich eines Tages plötzlich von der Ehe hinweggerafft wurde. And als Ehemann glaubte ich selber bis vor wenigen Tagen an die Wahrheit des erwähnten Sprichwortes, denn durch volle siebzehn Jahre habe ich nichts gewonnen, da mich meine Frau mit fürsorglicher Liebe umgibt und mich bei festlichen Anlässen, zum Beispiel Überreichung des Wirtschaftsgeldes, gemeinsame Besichtigung der „letztmodernsten“ Hüte u.s.w. auch auf diese ihre treue Liebe besonders aufmerksam macht: Ich habe daher auch nie gespielt, weder beim „Kraner“, noch im Kaffeehaus, weder Karten noch Billard noch Grammophon.
Vor wenigen Tagen aber – wie gesagt – hat ein krasser Fall neuerdings die Unwahrheit dieses Sprichwortes aufgedeckt. Ich habe trotz der unerschütterlichen Liebe meiner Frau etwas gewonnen! Jawohl! And zwar eine Lampe. Eine herrliche Lampe. Also Glück in der Liebe und Glück im Spiel!
Es war im Vereine der Antivereinsmeier, wo ich das Vergnügen und die Ehre hatte, nach einem eineinhalbstündigen Vortrage des Obmannes über die Gründung von Ortsgruppen des Antivereinvereines in der Provinz das zum Großteile sanft aber fest entschlummerte Publikum durch mein kräftiges Organ und meine lustigen Geschichten wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem die nun wieder muntergewordenen Zuhörer durch das entzückende Geigenspiel eines Wunderknabens und durch den „Lenz“ von Hildach, gesungen von Fräulein Elfrieda Gehtnimmer, gewaltsam am Einschlafen verhindert wurden, erschien im Saale eine Anzahl noch zu habender Mädchen in duftigen Kleidern, mit Körbchen in der Land, gefolgt von Jünglingen, und sie verkauften Lose in großer Zahl, das Stück zu zweitausend Kronen, wobei sie stets auf den reich ausgestatteten Glückshafen verwiesen.
Dieser türmte sich in einem Winkel des Saales bis zur Decke auf und die Tische, Stellagen und Kraxen, aus welchen er gebaut war, brachen fast zusammen unter der herrlichen Last. Da gab es Bilder mit schweren goldbronzierten Rahmen, Würste, Reibeisen, Riesenkipfeln und Guglhüpfe, Weinflaschen, Seifen und Wollhandschuhe, Hosenträger und Nadelkissen, Puppen und Gipsköpfe berühmter Männer, einen Amor, dem zwei Zehen fehlten und die drei Grazien, deren Rückseite ziemlich verrußt war, da sie der edle Spender wahrscheinlich jahrelang auf seinem Kachelofen stehen hatte.
Ganz oben auf der Spitze der Pyramide stand der erste Preis – eine herrliche Lampe. Ein Märchen von einer Lampe, ganz aus Glas, mit milchigem Schirm und blauem Fuße. Sie war entzückend, fabelhaft, reizend!!!
Und diese Lampe habe ich gewonnen! Mein Glück, mein Stolz kannten keine Grenzen. Wie ein heiliges Gefäß trug ich sie zu meinem Tische und stellte sie vor mir auf und war so versunken in ihren Anblick, dass ich ganz übersah, dass ein Zipfel meines Smokings sich's im Gullasch meines Nachbars bequem gemacht hatte. Wir haben zwar das „Elektrische“ zu Hause und meine Frau wird mir in alle Ewigkeit nicht gestatten, dieses Prunkstück in der Wohnung unterzubringen, aber ich war trotzdem glücklich, weil ich wieder einen Beweis hatte, dass das Sprichwort von der Liebe und vom Spiel unwahr ist. Und ich nahm mir ernstlich vor, von nun an zu spielen, wo und was ich nur konnte. Zu Hause, im Kaffeehaus, auf der Börse, am Turf und in der Lotterie; Karten, Würfel, Billard und Hasard. Meinerseel! Ich hatte es mir fest vorgenommen. –
Das Komitee wollte mir die Lampe nach Hause schicken, ich ließ sie aber nicht los. Und mit der Lampe in der Hand, mit glückdurchwühltem Herzen und begleitet von einer neidischen Menge zog ich durch die nächtlichen Gassen der Stadt, von einem Kaffeehaus in das andere, vom letzten in die Bar und um fünf Uhr früh landete ich vor meinem Hause.
Wohl teilten nicht alle, die ich in dieser Glücksnacht traf, meine Begeisterung. Ich hörte Reden wie: „Ja, wo hab'n S' denn dös Glumpert z'samm'klaubt?“ – „Wann er's halt glei' um d' Erd hauert, wenigstens brauchert si' ka Mensch mehr z' schrecken d'ran.“ – „Dös is ja a Kasglock'n auf aner Bierflaschen!“ –Hörst, schau da den an mit seiner Grablatern!“ –
Aber diese Reden prallten ab an meinem Glücksgefühl, wie die Logik an den Frauen.
Lautlos sperrte ich die Tür meiner Wohnung auf, schlich durchs Vorzimmer, plötzlich stieß, ich im Dämmerlichte an die halb offene Küchentür, die Lampe fing an zu
rutschen, statt sie aufzufangen, gab ich ihr blöderweise noch einen Stoß und mit einem lauten „Tschinn!“ „Klesch!“ zersprang sie am Boden in tausend Scherben.
Meine Frau sprang aus dem Bette und rief entsetzt und schlaftrunken: „Um Gottes willen, was war das?“
Da senkte ich mein Haupt und sprach voll Trauer: „Das war eine herrliche Lampe.“
Und als ich ihr dann alles erzählte, da sagte sie, dass ich erstens froh und dankbar sein sollte, weil sie mich so liebe, dass ich im Spiel kein Glück habe, und zweitens glaube und baue sie nun aufs neue auf alle Sprichwörter, denn mein Pech beweise es, dass sie wahr sind. „Oder,“ sagte sie, „ist das vielleicht nicht wahr: ‚Glück und Glas, wie leicht bricht das‘ oder ‚Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht‘, oder ‚Wie gewonnen, so zerronnen‘ u.s.w.?“ And sie beschloss ihre Rede mit einem vorwurfsvollen „Sixt das, da hast das!“
Ich legte mich hundsmüde und seelisch vollkommen zermürbt ins Bette, hörte schweigend den Ausführungen meiner Frau zu, seufzte tief und schwer, sagte „recht hast d', Scherben bedeuten Glück“, drehte mich auf die andere Seite, murmelte „wer weiß, für was 's gut ist“ und schlief ein. Und hatte einen grässlichen Traum.
Die Sprichwörter zogen in langen, unabsehbaren Reihen demonstrierend zu meinem Bette, jedes stellte sich mit drohender Stimme vor und setzte sich dann auf meine Brust. Es war entsetzlich! Die Luft wurde schwerer und schwerer, türmte sich zu einer Pyramide auf, von deren Spitze meine Lampe in alter Pracht auf mich herabgrinste. Da ergriff ich das Wasserglas auf meinem Nachtkästchen, warf es der Lampe mitten ins höhnische Gesicht – und sprang aus dem Bette, denn ich hatte mir das Wasser selber ins Gesicht geschüttet.
„Herrgott, bin ich blöde!“ rief ich.
Meine Frau aber sagte, als spräche sie im Schlafe: „Kinder und Narren sagen die Wahrheit.“
Jetzt glaube ich beinahe selber wieder, dass die Sprichwörter doch wahr sind!