Etwas über die alpine Malerei
Ein Beitrag von Kunstmaler Emmerich Schaffran anlässlich der österreichischen alpinen Ausstellung im Hagenbund (Wien)
1909
Den Malkasten und das Skizzenbuch im Rucksack, das getreue Eisbeil geschultert, wie herrlich, wie frei wandert es sich im taufrischen Hochwald, durch den der Bergwind wie Orgelton zieht, den eisumgürteten Felsgraten zu, hinauf zu den himmelragenden Gipfeln und Firndomen. Glücklich, unsagbar glücklich ist der Künstler im Hochgebirge, zeigt ihm doch sein durch langjährige Übung geschärftes Auge viel mehr an reizenden und packenden Einzelheiten, als der Bergwanderer sonst sieht. Und ginge es hundert Mal auf einen unserer Hochgipfel, in die waldstillen, felsumstarrten Hochtäler, jedesmal würde das Auge des Malers neue, ungeahnte Schönheiten entdecken.
Dennoch ist das Hochgebirge ein von den Künstlern noch viel zu wenig gewürdigtes Reich herrlichster Motive, so großartiger und mächtiger, wie sie kaum das Meer und der vielgepriesene Süden bietet. Vielleicht ließe sich dies auf das gegenüber anderen Darstellungsgebieten noch geringere Verständnis der großen Schichten des Publikums zurückführen, welches den aus der hochalpinen Zone geholten Motiven meist fremd und daher auch nicht kauflustig gegenüber steht, so dass der Künstler, will e 'seine Werke an den Mann bringen, gezwungen ist, in die Täler und Wälder herabzusteigen, wo zwar die Landschaft minder großartig aber dafür sinnfälliger ist.
Und doch ist mangelnde Anteilnahme des Publikums an der Hochgebirgsmalerei in unserer, im Zeichen der ausgesprochensten Individualität stehenden Zeit kaum erklärlich. Heute gehört die Welt der kraftvollen Persönlichkeit; der Kastengeist früherer Epochen ist geschwunden, jener Epochen, in welchen Originalität mit Achselzucken betrachtet wurde, in welchen auch die bildende Kunst über einen bestimmten, schweren überschreitbaren Kreis von Darstellungen nicht hinauskam. In der Landschaftsmalerei herrschte der italische Süden vor. Was ist aber unpersönlicher als die südliche Landschaft mit ihren gemäßigten, der objektiven Latinität nahe kommenden, oft stereotypen Formen und Vegetationsbildern? Wie subjektiver, wie eminent persönlich ist hingegen das Hochgebirge, wie zeitgemäß ist es daher! Wo finden wir wieder jene grandiose Wucht, welche in den urweltlichen Formen des in schweigender, hehrer Gletscherpracht liegenden Urgebirges sich zeigt, wo wieder das titanenhafte Ringen zum Licht der Dolomiten oder der einsamen, weltentrückten Grate in der Kalkalpenzone.–
I.
Es war kaum Mitternacht vorüber, als wir von der einsamen, gletscherumbrandeten Schutzhütte zum Gipfel aufbrachen. Vor dem Haus seilten wir uns an, entzündeten die Laternen und stiegen den gewölbten Firnkamm bergan. Die Fittiche der Nacht schlugen bald um die Hütte zusammen und um uns war das erhabene Schweigen einer sternhellen Bergnacht. In der Tiefe donnerte der nimmermüde Gletscherbach, unsere Nagelschuhe knirschten im hartgefrorenen Schnee und die Laternen warfen zuckende, warm goldige Lichter auf den Firn, welcher sich tiefblau, kaum von schwarzen Gesteinsmassen unterbrochen in dem schweigenden Dunkel verlor. Ein jäh aufgetürmter Felsgrat führte zum wächtengekrönten Gipfel. Hier standen wir nun, fröstelnd in die Wettermäntel gehüllt, mit sehnsüchtigen Blicken des sich täglich erneuernden Wunders harrend. Rings in der weiten Runde war alles so still, so feierlich! Gegen Sonnenaufgang begannen sich einzelne Bergzüge schärfer abzuheben, denn der Himmel hinter ihnen wurde hell. Ein grauer, fahler Schimmer lag im Osten. Langsam lösten sich Grate und Gletscherfelder aus der sie umklammenden Finsternis, und wir sahen, wie die Täler unter einer dichten, grauen, noch unbeweglichen Wolkenschicht lagen. Rosig zuckte es auf. Die hievon getroffenen Felswände und Eishänge begannen zu leuchten, orange und purpurn kam es im Osten herauf, hochauf schossen magische Lichtstrahlen und weit hinaus glühte der Himmel. Ein klingendes Jauchzen ging durch die Luft; der morgendliche Wind kam mit ungestümen Jugendmut herangebraust, wirbelte den Schneestaub auf, verfing sich in den Spalten und Klüften des Gewändes, der Gletscherbrüche, und die Felsen sangen mit ihm das hohe, hehre Lied des Morgens. Mir war, als sänke die ganze Natur anbetend nieder und erwarte mit sehnsüchtigem Hoffen das Unvergleichliche, das Wunder, das ausgehende Tagesgestirn.
Der Osten stand in Bewegung; Licht auf Licht stieg vielfarbig auf, glühend rot brannte der Himmel und immer röter, feuriger, bewegter wurde es: da, feierlich, majestätisch, unsagbar groß und erhaben kam die Sonne herauf. Der Wind jubelte heller, lauter rauschten die Gletscherbäche und im rosigsten Licht standen mit einem Schlag Fels und Firn. O, immerschönes, herrliches, anbetungswürdiges Wunder!
Wohlige Wärme durchrieselte uns und einen langen blauen Schatten warfen wir auf den Schnee. Wie rasch und doch wie machtlos arbeitet der Pinsel, um die geschaute Pracht festzuhalten. „Sag' Talbewohner, der du noch unter dem Nebelmeer in qualmiger Stube schläfst, wer ist der Glücklichere, du oder ich?“ „Ich“ singt der Wind über uns.–
II.
Wenn ich so recht allein sein will, so weiß ich ein Plätzchen in den Nordtiroler Kalkalpen. Dort ist es schön und still, dort lässt sich gut träumen. Und sinkt der Stift oder der Pinsel aus der müden Hand, so breite ich meinen Mantel auf das feine Geröll aus und lege mich zur stillen, beschaulichen Betrachtung darauf. Sei nicht neugierig, lieber Leser, wo dieses herrliche Fleckchen Hochgebirgserde ist; es liegt weit ab von der begangenen Touristenstraße und was das Malerauge dort alles sieht, das will ich kurz Dir erzählen.
In einem nicht allzugroßen Bogen umragen mich bleiche, rot und gelb gesprenkelte Kalkfelsen und steigen mit mächtigem Schwung hinauf zum herabdräuenden Grat. Mit Türmen und mit seltsam geformten Zacken ist er besetzt, während die Felswände von schönlinigen Bändern durchzogen sind, auf welchen grauqelber Schutt oder kleine blitzernde Schneereste liegen. Zwischen den Wänden eingebettet liegt ein kleines Kar und dort, ganz oben, wo es an das Geschrofe anstößt, ist mein Rastplatz. Im tiefsten Winkel des Kares, wo selten die Sonne und dann mit abendlicher Milde hinscheint, liegt ein dicker alter Schneerest grau und verschlafen, der ganze Rest von der blinkenden Winterherrlichkeit. Aber er will doch mehr scheinen als er ist, und so hat er wandwärts eine kleine Randkluft gebildet. Dort ist der Schnee rein und schön, tiefblau dunkelt die Kluft und zeitweilig fallen mit melodischem Klang ein paar Tropfen Schmelzwasser von den Felswänden in sie oder es bröckeln von den Resten einer Schneebrücke ein paar Klumpen ab und fallen mit dumpfem Laut in die Tiefe.
Auf dem Firnfeld liegen oben einige kopfgroße Steine, die der Berggeist zum Gruß herabgesendet hat. Durch das Geröll ziehen ein paar feine Äderchen von milchigem Schneewasser und siehe da, der Wind muss etwas Erde heraufgetragen haben; denn auf dieser, befruchtet durch das abrinnende Wässerlein sprießt es in mannigfaltiger Pracht. Ein paar Moose sind es mit zarten Blättern, dann daneben kleine Alpenblumen mit roten und blauen Köpfen und lichtgrünen feinen oder samtigen Blättern; in einiger Ferne gesehen bildet sich so ein allerliebstes farbiges Ornament inmitten des toten Gesteins.
Wie schön, wie weit, wie großartig trotz allen Sonnenglastes ist die Fernsicht! Klar und deutlich liegen vor uns die ganzen Stubaier und Ötztaler; rechts von der edlen Pyramide der Waldrastspitze sehe ich ein paar Dörfer des Stubaitales glänzen und über den zahmen Formen des Patscherkosels und der Berge des einsamen Nevestales tauchen die wilden Gipfel des Tuxerkammes auf: Olperer und die Bastion des Schrammachers, auf welchem ich vor einigen Tagen im rasenden, atemraubenden Schneesturm kaum mehr glaubte, lebend die Geraer-Hütte zu erreichen. Tief zu meinen Füßen dehnt sich ein prächtiger Almboden, auf welchem die Geröllstreifen des Kalkgebirges wie Zungen verlaufen. Ganz deutlich erkenne ich die breiten, roten Flächen der Alpenrosen und näher zu mir den schmalen Gürtel des dunkeln, schritte hemmenden Krummholzes. Der leichte Wind trägt das Klingen der Herdenglocken herauf, und über die Gletscher ziehen weiße, edelgeformte Wolken in feierlicher Reihe, wie zum Opfer schreitende Frauen, dein Brenner zu.
Neben mir kriecht ein glänzender Käfer über das Geröll, die Wasserfäden murmeln ein trautes Lied vom Bergfrieden und zeitweilig knistert es in den hellbeschienenen Felsen. Um mich ist die tiefe Stille des Hochgebirges, durchglüht von der warmen Sonne... Warum ich wohl diese beiden Beispiele gewählt habe und mit diesen vielleicht breiter und weitschweifiger geworden bin, als es im Rahmen dieser Plauderei gelegen ist?
Ich möchte eben gerne das erhöhte Interesse für hochalpine Motive wecken, wie sie doch manchmal in unseren Kunstausstellungen zu sehen sind; ich meine aber damit nicht die zahlreichen Darstellungen aus den Hochgebirgstälern und aus der Region der Alpenmatten; denn diese Art von Gemälden, so malerisch und künstlerisch wertvoll diese Gebiete auch sind, erfreuen sich schon seit langen einer großen Beliebtheit, weil, nun weil dieses Genre schon Jahrzehnte und länger alt ist.
In der deutschen Schule sind Spuren davon schon bei Albrecht Dürer nachzuweisen, und die Altwiener Meister, Gauermann voran, haben darin Tüchtiges geleistet; doch ein Gemälde, welches ein waldgrünes Tal mit einem Hochgebirgshintergrund darstellt, kann man unmöglich schon zur „alpinen“ Kunst rechnen. Es ist dies gewöhnliche Landschaftsmalerei. Jene Motive gehören jedoch dazu, die aus der Region des ewigen Todes, aus den weiten Gletscherfeldern, aus den einsamen Karen und Schluchten des Kalkgebirges oder inmitten von hochragenden Felsgraten genommen sind. Dort ist die Hochalpennatur am großartigsten, am weihevollsten, aber auch am persönlichsten und dieser letzte Punkt ist bei der herrschenden, ausgesprochen individualistischen Kunst- und Geschmacksrichtung wohl beachtenswert genug.
Die Wirkung dieser Bilder lässt sich außerdem oft noch sehr steigern, wenn der Künstler in den Rahmen der Darstellung den Menschen in jenen Hochregionen zieht, also den Hochtouristen mit seinem nimmermüden, nervenstählenden Kampf mit Fels und Firn, mit Sturm und mit Hochgewitter. Dadurch lässt sich die Macht der Hochalpennatur noch in das Ungeahnte erhöhen, weil der Mensch, so tüchtig er als Alpinist auch sein mag, doch ein armselig Ding neben den himmelanstrebenden Riesen bleibt. Denn wen die Berge abschütteln wollen, den schütteln sie ab und kein vermessener Wagemut schützt dagegen.
Welche Unzahl von packenden und tiefgründigen Motiven lässt sich aus dem eben geschilderten Verhältnis zwischen Berg und Mensch bilden, und die Landschaftsmalerei würde um einen üppigen Zweig reicher, wenn das Hochgebirge von den Künstlern entsprechend verwertet wird und das Publikum hiefür das nötige Entgegenkommen und aufmunternde Anteilnahme zeigt.