Die Einsiedelei

1748 - Von der Bruderschaft zum Schwesternheim


Im Jahre 1748, einer Zeit, als sich am Fuße des Gemeindeberges noch Weingärten ausdehnten, ließen sich dort zwei Einsiedler nieder. Es waren der Stallmeister des Prinzen Hildburghausen und Leopold Zetl, gewesener Schreiber in der kaiserlichen Reichskanzlei. Als Bruder Arsenius und Bruder Konrad bauen sie mit der Unterstützung des Erzbischof Kollonitsch eine Klause. Sie soll aus zwei Kammern, einer Küche und einer ungeweihten, von einem kleinen Türmchen geschmückten Kapelle bestanden haben. Die Klausner lebten von kleinen Arbeiten und Almosen. Einsiedler waren damals nicht ungewöhnlich, sie standen unter der Oberaufsicht des Franziskanerordens.

Kaiser Josef II. löste die Einsiedlerbruderschaft auf und der tote Kirchenbesitz wurde durch Erlass zum Verkauf ausgeschrieben. So kam die Liegenschaft 1782 in den Besitz des Wiener Handelsmannes Ignaz Leopold Strodl, der sie 1823 an Andreas Seifert weiterverkaufte. Seifert vergrößerte den Bestand und errichtete eine Gaststätte mit Meierei. Gasthaus und Meierei waren ein gemütlicher Ausflugsort geworden, mit Tanzsaal, zweistufigem Garten, einem herrlichen Park und weiter Fernsicht über ganz Wien. Ein aufgestelltes Fernrohr war die Attraktion. Der Betrieb erfreute sich großer Beliebtheit bei den Wiener Ausflüglern. An Samstagen und Sonntagen wurden oft große Feste abgehalten, mit Lampions im Garten und manches mal auch einem Feuerwerk. Bilder aus dieser Zeit wie das oben in den Titel eingefügte geben einen Eindruck von diesen Festen.

Josef Holly, der Nachfolger von Herrn Seifert, vergrößerte die Wirtschaft im Jahre 1870 abermals und fügte ein Aussichtsplateau hinzu. Doch auch er verkaufte, und zwar 1894 an Frau Josefine Wagner. Sie war auch noch Besitzerin, als im Jahre 1908 ein Teil der Gebäude abbrannte.

Ein Zeitungsbericht vom 30. März 1908 berichtet Folgendes:
"Der Brand, der Samstag abends einen großen Teil der Restauration und Meierei zur Einsiedelei, Eigentum der Frau Josefine Wagner, in Ober St. Veit vernichtete, wütete von 9 bis 11 Uhr. Zu seiner Bewältigung waren alle freiwilligen Feuerwehren des 13. Bezirkes aufgeboten. Die Hietzinger arbeiteten mit ihrer Dampfspritze. Die Löscharbeit gestaltete sich sehr schwierig. Die Besitzung ist nicht bewirtschaftet und wird bloß von den Hausbesorgerleuten bewohnt. Die Flammen ergriffen vier Stallungen, vier Schupfen und eine Werkzeughütte und loderten so hoch zum Himmel empor, dass man die Brandröte im weitesten Umkreise sah. Auch der Dachstuhl des Gebäudes für Sommerparteien wurde vom Feuer ergriffen und ist zum größten Teil eingeäschert worden. Große Gefahr bestand auch für das Restaurationsgebäude selbst, doch gelang es den vereinten Bemühungen selbes zu retten. In den Flammen sind zwei Ziegen, mehrere Hühner, und ein Pony verbrannt. Die Unter St. Veiter freiwillige Feuerwehr unterhielt während des Brandes zwei fliegende Ambulanzen mit den Inspektionsärzten Dr. Freund und Dr. Merkus. Sie leisten in vier Fällen erste Hilfe, und zwar dem Hornisten der Breitenseer Feuerwehr Franz Brocek, Brandwunden am Hals; dem Feuerwehrmann Johann Slama von Hietzing, Schnittwunden am Zeigefinger; dem Zimmerpolier Franz Schibaly, Rissquetschwunden an der rechten Hand und beim Feuerwehrmann Camillo Tintera von Hietzing, Quetschwunden der rechten Hand. Der Schaden beträgt 30.000 bis 40.000 Kronen, ist jedoch durch Versicherungen gedeckt. Die Entstehungsursache des Brandes ist unbekannt."

Die Einsiedelei im Jahre 1905, wenige Jahre vor dem Großbrand.

Dem Bericht zufolge war der Betrieb zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bewirtschaftet. Josefine Wagner hatte keine Familie, der ganze Besitz wurde bald nach dem Brand dem Hartmannkloster, Wien V., verkauft.

Die Schwestern vom III. Orden des Hl. Franz von Assisi richteten ein Erholungs- und Altenheim für Schwestern ein, aus dem großen Saal wurde eine schöne Kapelle. In zwei neu errichteten Gebäuden (Franziskusheim und Elisabethheim) werden heute auch private Pensionäre aufgenommen.

Auch die angeschlossene Landwirtschaft gibt es noch, aber nur mehr in Form eines großen Gemüsegartens und ohne Tierhaltung.

An den frühren Restaurationsbetrieb erinnern heute nur mehr die Einsiedeleigasse und eine ihrer Seitengassen, nämlich die nach dem Gründer benannte Seifertstraße. Und natürlich noch viele, in Sammlerkreisen kursierende Ansichtskarten.

Quellen:
Vergangenheit und Gegenwart vom ehemaligen Vorort Ober-St. Veit, Wien XIII, Mai 1955
In Hietzing gebaut, 1996 Hietzing zwischen gestern und morgen, 1996
Manuskript eines Lichtbidervortrages "Spaziergang durch Ober St. Veit"
Für nähere Angaben siehe die Literaturliste


27. November 2004

hojos