Johannes (von) Nepomuk

Historische Fakten, zusammengefasst von Prof. Helmut Bouzek.
1350

Johannes (von) Nepomuk bzw. Johannes aus Pomuk ("ne Pomuk"), der vermutlich aus einer deutsch-böhmischen Familie stammte, wurde um 1350 in dem westböhmischen, rund 35 km südöstlich von Pilsen gelegenen Ort Pomuk (heute Nepomuk) als Johannes Welfin oder Wölffin geboren. Seine Kindheit und Jugend sowie die Anfänge seiner Ausbildung liegen im Dunkeln. Er dürfte aber schon sehr früh mit rechtswissenschaftlichen und theologischen Studien begonnen haben, da er bereits um 1370 als öffentlicher Notar in Erscheinung trat und sich etwa zur gleichen Zeit in die Dienste des Prager Erzbischofs Johann Očko von Vlasím begab.

Schon 1374 stieg er zum ersten Notar der erzbischöflichen Kanzlei auf.

Der um 1292 geborene zweite Prager Erzbischof, der als solcher am 12. Juli 1364 gewählt worden war, resignierte am 17. September 1378 aus Altergründen. Nach dem Verzicht des Erzbischofs transferierte Papst Urban VI. am 20. Oktober 1378 den Neffen Očkos - Johann II. von Jenštein - als dessen Nachfolger nach Prag. Schon im November dieses Jahres ernannte der aus dem Haus Luxemburg stammende Kaiser Karl IV. den neuen Erzbischof zum Kanzler seines Sohnes, des damals 17-jährigen, seit acht Jahren verheirateten, böhmischen Königs Wenzels IV.

Zwei Jahre zuvor, am 10. Juni 1376 war Wenzel von den Kurfürsten zum "Rex Romanorum" - zum Römisch-Deutschen König - gewählt und am 6. Juli gekrönt worden. Karl IV. hatte 1378 - ehe er am 29. November dieses Jahres verstarb - seine Erblande testamentarisch geteilt. Wenzel, sein Sohn mit seiner dritten Ehefrau Anna von Schweidnitz, erhielt das Kerngebiet mit Böhmen, Sigmund, sein Sohn aus seiner vierten Ehe mit Elisabeth von Pommern erhielt Brandenburg und Johann, dessen Bruder, erhielt das kleine Herzogtum Görlitz.

In Karls letzten Tagen brach das "Große Abendländische Schisma" der katholischen Kirche aus, das die künftige deutsche Politik überschattete. Karl hatte sich für den römischen Papst entschieden.

Wenzel IV., der sorgfältig erzogen worden und vielseitig gebildet war, war trotz allem ein politisch unbegabter Lavierer, der zur Trunksucht neigte, dem man aber zugute halten muss, dass die Fülle der Probleme auch Größere überfordert hätte.

Erzbischof Johann von Jenštein wurde zusätzlich päpstlicher Legat in den Diözesen Regensburg, Bamberg und Meißen. Mit diesen einflussreichen Positionen setzte er sich für die Anerkennung des am 8. April 1378 in Rom gewählten Papstes Urban VI. ein und ging scharf gegen die Anhänger des am 20. September 1378 in der Kathedrale von Fondi gewählten Papstes Clemens VII. vor, der von Mitgliedern des Prager und Vyšherader Kapitels unterstützt wurde. Damit zog sich Johann den Unmut der königlichen Umgebung zu, der schließlich dazu führte, dass er bei König Wenzel IV. in Ungnade fiel und 1384 das Amt des Kanzlers verlor.

Zunächst aber wurde Johannes aus Pomuk im Jahr 1380 Sekretär des Erzbischofs Jenštein. Im gleichen Jahr empfing er die Priesterweihe und erhielt offensichtlich auch das Kanonikat im Stift St. Ägiden in Prag. Darüber hinaus wurde ihm die Prager Altstadtpfarrei St. Gallus übertragen, mit der die Seelsorge für die dort ansässigen deutschen Kaufleute verbunden war.

In den folgenden Jahren widmete sich Johannes dem Jusstudium, zunächst an der Prager Universität, wo er um 1381 das Baccalaureat iuris erwarb, und danach - ab 1383 - in Padua, wo er 1383 als Rektor der ausländischen Studenten in Erscheinung trat, und am 19. August 1387 zum Doktor der Rechte promoviert wurde.

Nachdem er um 1389 nach Prag zurückgekehrt war, tauschte er sein Kanonikat gegen einen Sitz im Kollegiatskapitel am Vyšherad und übernahm an Stelle der Pfarre St. Gallus das Archidiakonat Saaz (Žatec).

1390 berief ihn Erzbischof Jenštein zu seinem Generalvikar, womit er eine leitende Funktion in der Erzdiözese Prag inne hatte.

Der Verlust des Kanzleramtes führte dazu, dass Johann von Jenštein in seiner Position als Erzbischof in Streitigkeiten mit der weltlichen Macht geriet, die den Rest seiner Amtszeit andauern sollten. Ursache dafür war das Streben des Königs und seiner Umgebung, die erzbischöflichen Rechte zu beschneiden und in kirchlichen Angelegenheiten mehr Einfluss zu gewinnen. Da es bei den Auseinandersetzungen auch zu Gewalttätigkeiten kam, ließ Johann die erzbischöflichen Burgen und Städte befestigen.

In der Zwischenzeit waren innerhalb der Luxemburger Dynastie Machtkämpfe ausgebrochen, die von Wenzels Cousin, Jobst von Mähren, angezettelt worden waren.

Nach seiner Rückkehr von der Gefangenschaft auf Burg Wildberg in Oberösterreich heirate der 28-jähriger Witwer - König Wenzel IV. - am 2. Mai 1389 in Prag die damals 13-jährige Sophie von Bayern aus dem Hause Wittelsbach.

1392 übergab Johann von Jenštein dem König eine Beschwerdeschrift, mit der er eine Klärung der kirchenrechtlichen Verhältnisse erreichen wollte, und in der es vor allem um die Unterdrückung der Kirche und des Klerus ging. Da der König eine Antwort verweigerte, eskalierte der frühere Streit von neuem. Ende des Jahres beschuldigte Johann den königlichen Unterkämmerer und Günstling des Königs Sigismund Huler der Ketzerei und zitierte ihn vor sein Gericht. Nachdem Huler bei Gericht nicht erschienen war, wurde er von Johann exkommuniziert.

In dem machtpolitischen Streit mit Johann von Jenštein beabsichtigte der König, dessen kirchlichen und wirtschaftlichen Einfluss zu schmälern. Zu diesem Zweck plante er, das Gebiet des Erzbistums Prag durch die Errichtung eines westböhmischen Bistums Kladrau zu verkleinern. Zur Dotation des Bistums sah er das reiche Benediktinerkloster Kladruby (Kladrau) vor, dem 87 Dörfer unterstanden. Dazu wollte der König das zu erwartende Ableben des bisherigen Abtes von Kladruby, des betagten Jan Racek von Prostibor nutzen, denn in den dem Zeitraum zwischen dem Tod eines Abtes und der Wahl und Ernennung eines neuen Abtes fiel das Vermögen des Klosters formell an die Krone zurück. Nach dem Tode des Kladrauer Abtes Racek sollte der königliche Kandidat Wenzel Gerard von Burenitz zu dessen Nachfolger und gleichzeitig zum ersten Bischof des zu errichtenden Bistums Kladrau ernannt werden.

Diese Pläne wurden vereitelt, da der König zu spät vom Ableben des Abtes erfahren hatte und in der Zwischenzeit Johanns Generalvikare Nikolaus Puchník von Ĉernice und Johannes von Pomuk, zu Beginn des Jahres 1393 die Stelle des Kladrauer Abtes auf Weisung des Erzbischofs mit einem anderen Kandidaten besetzen ließen und seine Wahl in einem gültigen Rechtsakt bestätigten.

Dies scheint den jähzornigen König unglaublich erzürnt zu haben, denn er schrieb eine Reihe von Drohbriefen an den Kirchenmann, in denen er diesem unter anderem androhte, ihn in der Moldau zu ertränken. Da der Erzbischof in jenen Wochen nicht in Prag weilte, wurden seine engsten Mitarbeiter verhaftet, darunter auch Johannes aus Pomuk. Die Verhafteten wurden in die Folterkammer in der Rytirska - unweit des heutigen Wenzelsplatzes - gebracht. Wenzel IV. soll sich persönlich an den Folterungen beteiligt haben, wobei den meisten Historikern nicht ganz klar ist, was der König von den Gepeinigten eigentlich erfahren wollte.

Johannes aus Pomuk, der von eher schwächlicher Natur gewesen sein soll, überlebte die Tortur nicht. Noch in der selben Nacht - am 20. März 1393 - ließ der König seinen Leichnam von der Karlsbrücke in die Moldau werfen. Erst knapp einen Monat später wurde er entdeckt und in der Kirche zum größeren heiligen Kreuz bestattet. Drei Jahre später, im November 1396, wurde er in den St.-Veits-Dom überführt, wo er seine letzte Ruhestätte fand.

Die Legende weiß freilich zu berichten, dass der ketzerische Herrscher Johannes Nepomuk von der Karlsbrücke in die Moldau stürzen ließ, weil er das Beichtgeheimnis auch im Angesicht des Todes wahrte. Der eifersüchtige Wenzel habe nämlich wissen wollen, ob ihm seine Gemahlin untreu gewesen sei.

Da Johannes nie der Beichtvater der Königin Sophie war, konnte ihm ein Beichtgeheimnis nicht zum Verhängnis werden. Die Legende vom schweigsamen Beichtvater entstand wahrscheinlich bereits im 15. Jahrhundert in Bayern. Der Chronist Thomas Ebendorfer von Haselbach beschrieb um 1451 in seiner Geschichte der römischen Kaiser die Untaten Wenzels IV. Als Beispiel führte er das Schicksal des Johannes von Nepomuk an, den Wenzel in die Moldau habe werfen lassen, da er das Beichtgeheimnis der Königin nicht preisgeben wollte. Die historischen Tatsachen dagegen belegt ein Brief des Erzbischofs Johannes von Jenštein an Papst Urban VI., in dem er sich bei diesem über das Verhalten König Wenzels auf das heftigste beschwerte und die Ereignisse jener Nacht genau schilderte.

1471 brachte Meister Pavel Židek das Buch Spràvnova mit der Geschichte von Doktor Johànek, dem Beichtvater der böhmischen Königin heraus.

Zu einer Verwechslung kam es im 16. Jahrhundert, als an die Seitenzahl einer Chronik eine Eins hinzugefügt wurde, so dass für einen unachtsamen Leser auf einmal das Todesdatum 1383 für Johannes von Nepomuk entstand. Diesem Irrtum fiel 1539 Vaclav Hajek von Libocany zum Opfer, der in seiner Böhmischen Chronik (Kronika Úeská) kurzerhand erklärte, es gäbe einen Johannes von Nepomuk, der 1383 von der Moldaubrücke in den Fluss geworfen worden sei, weil er das Beichtgeheimnis der Königin nicht verraten wollte. Zudem gebe es einen anderen Johannes von Nepomuk, der zehn Jahre später, 1393, auf eben dieselbe Weise zu Tode gekommen sei, wobei man aber nicht den Grund kenne. Diese Version der zwei Johannesse lebte einige Jahrhunderte weiter. Auch der für die spätere Heiligsprechung zuständige Kirchenmann führte ein falsches Todesdatum an, nämlich den 16. Mai 1383. Aus diesem Grund ist bis heute der 16. Mai und nicht der 20. März, der wirkliche Todestag, der Namenstag des Johannes von Nepomuks.

Bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges kaum beachtet, erklärten die Kräfte der Gegenreformtion (Rekatholisierung) Johannes von Nepomuk zu ihrem geistigen Bannerträger. Besonders die Jesuiten förderten seine erstaunliche Karriere. Dabei kam diesem Johannes vielleicht auch die Namensgleichheit mit Jan Hus zustatten, denn vor allem diesen Reformator wollte man aus dem Gedächtnis des Volkes verbannen. Außerdem hatte er gegen einen der Ketzerei zumindest verdächtigen Herrscher aufbegehrt und ist für ein katholisches Essential in den Tod gegangen: Das Beichtgeheimnis. Dies alles und der Umstand, dass die Art seiner Hinrichtung ihn zum Brückenheiligen prädestinierte und damit zum Beschützer jener ebenso wichtigen wie sensiblen Garanten des fließenden Verkehrs, erklärt wohl seine Volkstümlichkeit.

Mitte des 17. Jahrhunderts nahmen die Bemühungen zu, den böhmischen Märtyrer heilig sprechen zu lassen. Doch Rom forderte weitere Beweise von Wundertaten. Aus diesem Grunde exhumierte man 1719 die Leiche Nepomuks. Als die Ärzte und kirchlichen Experten die sterblichen Überreste des Märtyrers emporhoben, soll aus dem Schädel ein rötliches Gewebe gefallen sein. "Die Zunge des schweigsamen Beichtvaters" - alle Anwesenden waren sich einig, dass dies nichts anderes sein konnte - ein Wunder war geschehen, der Heiligsprechungsprozess beschleunigte sich. Am 31. Mai 1721 wurde der zukünftige Brückenheilige von Papst Innozenz XIII. selig gesprochen. Am 19. März 1729 wurde Johannes von Nepomuk durch die Heiligsprechung des Papstes Benedikt XIII. in die Reihe der von Rom anerkannten Heiligen aufgenommen. In Prag feierte man dieses Ereignis einige Tage lang mit unzähligen Prozessionen und Messen und in der falschen Annahme, dass der neue Heilige gestorben sei, um das Beichtgeheimnis der Königin zu wahren.

1733 verfügte Kaiser Karl VI. die Aufstellung eines Reliquienaltars für Johannes Nepomuk. Mit der Abwicklung betraute er den Direktor des kaiserlichen Bauwesens, Reichsvizekanzler Gundaker Graf Althan. Der ließ den Hofarchitekten Joseph Emanuel Fischer von Erlach einen Entwurf zeichnen, nach dem der Wiener Bildhauer Antonio Corradini das Holzmodell anfertigte. Das Silbergrabmal selbst schuf zwischen 1733 und 1736 der Wiener Goldschmied Johann Joseph Würth. 1746 fügte der Prager J. Seitz vier aufgesetzte Silberfiguren hinzu, sie stellen Allegorien der Verschwiegenheit, Weisheit, Kraft und Gerechtigkeit dar.
Grabmal und Reliquienaltar des Johannes Nepomuk im St.-Veits-Dom. © Prof. Helmut Bouzek
1771 stiftete Maria Theresia den roten Damastbaldachin über dem Aufbau, vier silberne Engel halten diesen schwebenden Prunkhimmel.

Eine weitere Legende entstand im 19. Jahrhundert mit dem wachsenden Nationalbewusstsein der Tschechen. Diese sahen plötzlich in dem Heiligen, dessen Abbild hunderte von Brücken im Königreich Böhmen schmückte, einen von den verhassten Jesuiten künstlich erfundenen Heiligen, der die Aufgabe gehabt hätte, die Tschechen von der Verehrung ihres Nationalhelden Jan Hus abzulenken und das ungläubige, protestantische böhmische Volk für den katholischen Glauben wiederzugewinnen. Nach der Entstehung der selbständigen Tschechoslowakei 1918 führte jene Behauptung in einigen Städten und Dörfen zur Zerstörung der Nepomuk-Statuen.

Die typischen Attribute des Brückenheiligen sind Sternenkranz und Kreuz. Johannes ist - abgesehen von Maria - der einzige Heilige, dessen Haupt von einem Sternenkranz umgeben wird. Einer weiteren Legende zufolge leuchteten die Sterne, als man seinen Leichnam im trüben Moldauwasser entdeckte.

Auch den Kommunisten ließ der populäre Brückenheilige keine Ruhe. Sie wollten einer der Legenden wissenschaftlich auf den Grund gehen und ließen 1972 das Grab des Nepomuk erneut öffnen. Diesmal wurde im Gegensatz zum 18. Jahrhundert rein wissenschaftlich vorgegangen und die angebliche Zunge als Teile der Großhirnrinde identifiziert. Doch die Prager sahen darin ein weiteres Wunder und eine neue Legende machte die Runde: Die Reliquie weise stets darauf hin, was sich gerade in höchster Gefahr befinde. Während im 18. Jahrhundert die böhmische Zunge sprich Sprache bedroht gewesen sei, gehe es unter den Kommunisten darum, nicht den Verstand zu verlieren.

Quellen:
ARENS Detlev: Prag: Kultur und Geschichte der "Goldenen Stadt", Köln 1991;
DRHOVSKY Karel: "Der Fall" Johannes von Nepomuk;
PAYRLETNER Alfred: Adler und Löwe. Österreicher und Tschechen, die eifersüchtigen Verwandten, Wien 1990;
SCHAUBER Vera und SCHINDLER Hanns Michael: Die Heiligen und Namenspatrone im Jahreslauf, München 1985;
DER GROSSE PLOETZ: Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte, Freiburg im Breisgau 1998;
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon;
Ökumenisches Heiligenlexikon;
Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Prof. Helmut Bouzek
Dezember 2008

Spanisch Sprachschule