Der "Altstadterhaltungskomplex Ober St. Veit"

Ein Beitrag von Dr. Gebhard Klötzl in den Wiener Geschichtsblättern 1997, Heft 4, S. 250 - 254. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Eingefügte Fotos stammen von der MA 37 und 1133.at.
1997

In den Jahren 1985/86 kaufte und revitalisierte der Wiener Bauunternehmer Ing. Richard Lugner drei räumlich zusammenhängende Ober St. Veiter Barockhäuser Ecke Hietzinger Hauptstraße/Einsiedeleigasse und rettete sie damit in letzter Minute vor dem gänzlichen Verfall. Bezirkspolitiker und Ober St. Veiter atmeten auf, war doch das Schicksal des "Altstadterhaltungskomplexes Ober St. Veit", wie ihn Bau- und Denkmalbehörde mit einem Sammelbegriff bezeichneten, mehrmals auf des Messers Schneide gestanden. Am 20. Juni 1986 schließlich wurden die sehr gelungen generalsanierten Gebäude mit einer vom Bauherrn selbst gesponserten Operettensoiree im neu geschaffenen Hof festlich eröffnet. über Ersuchen von Ing. Lugner hat der Verfasser zu dieser Eröffnung eine kurze Geschichte des bis dahin literarisch unbearbeiteten Häuserkomplexes aus den Quellen recherchiert, welche nachstehend in leicht überarbeiteter und aktualisierter Form wiedergegeben wird.

Der "Altstadterhaltungskomplex Ober St. Veit" besteht aus drei bis heute grundbücherlich getrennten Liegenschaften der Katastralgemeinde Ober St. Veit: Hietzinger Hauptstraße 145 (Einlagezahl 82), Einsiedeleigasse 3 (Einlagezahl 83) und Einsiedeleigasse 1 = Hietzinger Hauptstraße 147 (Einlagezahl 84).

Obwohl baulich teilweise verbunden, heute vor allem durch den allen drei Häusern gemeinschaftlichen Hof, hat doch jede dieser Liegenschaften ihre eigene Geschichte. Der älteste Bebauungsnachweis des Hauses Einsiedeleigasse 1 stammt aus dem Jahr 1623. Das Haus gehörte damals dem zahlungsunfähig gewordenen Hütteldorfer Fleischhauer Veith Schmidt und wurde deshalb von der Grundherrschaft eingezogen und im selben Jahr den Bäckersleuten Sebastian und Catharina Mägerl ins (Unter-)Eigentum übertragen. Für das Haus Einsiedeleigasse 3 stammt der älteste Bebauungsnachweis aus 1596, zu welcher Zeit ein darauf befindliches Haus als Eigentum des Ortsrichters Hans Arbasser ausgewiesen ist.

Für die beiden Häuser Einsiedeleigasse 1 und 3 ist nicht mehr nachweisbar, wann die darauf errichteten Häuser baulich die bis zur Revitalisierung von 1985/86 bestehende Gestalt angenommen haben. Da jedoch in Ober St. Veit im Türkenjahr 1683 kein einziges Haus unversehrt blieb, kann man annehmen, dass die Häuser Einsiedeleigasse 1 und 3 ihre Gestalt - aufbauend auf eine gegebene Anlage - dem barocken "Wohnhauswiederaufbau" nach der Türkenzeit verdanken. Auf dem Dachboden fand man übrigens 1985 eine Türkenkugel und eine Steinplatte mit türkischen Schriftzeichen. Die Schriftplatte zerschellte bei der Bergung, die Kugel ist nunmehr im Eingangsfoyer zum Chefsekretariat der Lugner-City, Wien 15, Gablenzgasse 11, 3. Stock, aufgestellt.

Nur die Bebauung des dritten Hauses Hietzinger Hauptstraße 145 ist urkundlich nachweisbar: Bis 1774 war der Grund ein unbebauter Teil der St. Veiter Herrschaftsäcker. Durch die Anlegung der "Theresiengasse" (= Hietzinger Hauptstraße) war ein isolierter Parzellenrest jenseits der Straße übriggeblieben. Diesen schenkte nun die Grundherrschaft dem Inhaber des Nachbarhauses Einsiedelei- gasse 1, dem Bäckermeister Jakob Hofstätter, mit der Auflage, dort ein Haus mit Wohnungen für drei "Zuleuth" (Wohnparteien) zu errichten, was auch geschah. Es handelt sich hier also - sozialgeschichtlich bemerkenswert - um das älteste Mietshaus von St. Veit. Die Initiative dazu setzte die offenbar sozial denkende Grundherrschaft (Erzbistum Wien), die die ersten sechs Jahre lang auf jegliche Haussteuer verzichtete, damit die Baukosten abgetragen werden konnten. Aus den alten Grundbüchern sind für alle drei Häuser zusammen über die Zeiten mehr als hundert Eigentümer zu entnehmen, weshalb hier nur das Wichtigste aus der weiteren Besitzgeschichte herausgegriffen sei.

Das Eckhaus Einsiedeleigasse 1 war über die Jahrhunderte das Bäckerhaus von St. Veit. Nach den schon erwähnten Ehegatten Mägerl befand es sich von 1641 bis etwa 1710 im Besitz der angesehenen Bäcker- und Ortsrichterfamilie Lindemayr. Eine Grabplatte der Bäckermeisterin Katharina Lindemayr (gest. 8.5.1652) ist bis heute in der Außenwand der Pfarrkirche Ober St. Veit erhalten. 1683 wurde ihr Enkel Jakob Lindemayr von den Türken umgebracht, seine junge Witwe blieb allein zurück. Ab etwa 1710 finden wir die Bäckerfamilie Hofstätter im Besitz des Hauses. Jakob Hofstätter, der 1766 den Besitz übernahm, muss einer der reichsten Grundbesitzer der Gegend gewesen sein: Er besaß noch weitere 19 Grundstücke in St. Veit, Weingärten und äcker, erbaute 1774, wie erwähnt, das Nachbarhaus Hietzinger Hauptstraße 145 dazu und kaufte schließlich 1777 auch das Haus Einsiedeleigasse 3. Damit waren vorübergehend alle drei - heute wieder zusammengehörenden - Häuser erstmals in einer Hand vereinigt. Jakob Hofstätters Erben konnten den Besitz aber nicht halten und verkauften ihn der Reihe nach wieder: 1799 Einsiedeleigasse 3, 1802 das Stammhaus Einsiedleigasse 1 und 1809 das Zinshaus Hietzinger Hauptstraße 145. Die drei Jahreszahlen markieren das Ende der ära, in der die drei Häuser im Besitz bodenständiger Bürger waren. Gab es bis dahin Besitzwechsel meist nur beim Tod der Besitzer durch Erbgang, setzen nun häufige, offenbar von Renditenspekulation motivierte Käufer und Verkäufe der Häuser ein: Hietzinger Hauptstraße 145 etwa wurde bis 1892 elf Mal verkauft. Für die Zeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sind kaum Unterlagen über die Nutzung und den Baubestand der drei Häuser erhalten. 1899 wurde die Zuschüttung einer merkwürdigen, uralten Kelleranlage angeordnet, die sich vom Haus weg weit unter die Hietzinger Hauptstraße erstreckte und die durch den Betrieb der Dampftramway akut einsturzgefährdet war (siehe auch die Zusammenfassung eines Vortrages von Gebhard Klötzl über das unterirdische Hietzing.

1901 wurden die beiden Häuser Hietzinger Hauptstraße 145 und Einsiedleigasse 1 in der Hand der Georg, Anna, Wilhelmine und Auguste Schneider'schen Familienstiftung vereinigt. Von da an bleiben diese beiden Häuser bis heute in einer Hand. Die Familie Schneider war eine protestantische Kaufmannsfamilie, die die Verwaltung der Stiftung dem evangelischen Diakonissenwerk anvertraute. Dieses richtete darin ein Erholungsheim für Diakonissenschwestern ein.

Im Haus Einsiedeleigasse 3 richtete die deutsche Firma Westfalia Separator AG 1900 ihre erste österreichische Zweigwerkstätte für Zentrifugen ein. 1906 kaufte Franz Menzel das Haus und etablierte in den Räumen der wieder ausgezogenen Firma Westfalia eine erfolgreiche Werkzeugfabrik. Im Hof befand sich die Schmiede, im ersten Stock der Maschinenraum, für die Arbeiter bestanden Wohnunterkünfte. Seine drei Söhne und Erben versagten jedoch in der Fortführung des Betriebes, 1928 wurde zwei Drittelanteile des Hauses zwangsversteigert, einer der Söhne wurde wenig später entmündigt. In den Erdgeschossräumen der ehemaligen Werkzeugfabrik befand sich bis zur Absiedlung 1984 die Tischlerei Eduard Kroupa.

1912 kaufte der Spengler- und Installateurmeister Adolf Patteisky die beiden Häuser Hietzinger Hauptstraße 145 und Einsiedeleigasse 1. Er richtete darin seine Werkstatt ein und lebte selbst bis zu seinem Tod dort. Er adaptierte die beiden Häuser dahin, dass die Erdgeschossräume soweit wie nur möglich für kleine und kleinste Geschäfte und Gewerbebetriebe ausgenutzt wurden, die Räume im ersten Stock hingegen als Mietwohnungen. ältere Ober St. Veiter erinnern sich noch an Patteisky als den Prototyp des "Wiener Hausherrn", patriarchalisch auf Ruhe und Ordnung achtend, unerbittlich bei Mietzinsinkasso.

Gründlich renoviert wurden die drei Häuser im Lauf der Zeit offenbar nie. In den 1920er Jahren waren sie mit Mietern überfüllt. Der Bauzustand muss schon damals elend gewesen sein, die Baupolizei musste in einem fort einschreiten und Aufträge zur Behebung lebens- und gesundheitsgefährdender Mängel erteilen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Geschäftslokale an der Hietzinger Hauptstraße nach den Bedürfnissen der teils neu einziehenden Geschäftsleute (Wäscherei, Greißler, Drogerie, Papierhandlung, Friseur u. a.) umgebaut. Im Hof befand sich damals noch die Handschuhmacherei Puchhas, die zu besseren Zeiten ein gefragter Lieferant der Wiener Aristokratie, so auch des Thronfolgers Franz Ferdinand, gewesen war.

Die sechziger und siebziger Jahre waren nur noch eine Zeit völligen Verfalls. Die drei Häuser befanden sich in Händen wechselnder desinteressierter Besitzer, die überwiegend nicht hier wohnten und nichts investierten. In der Erwartung künftiger besserer Verwertung, wohl auch in der Hoffnung auf Abbruch der Häuser, ließ man freiwerdende Mietlokale zunehmend leer stehen. Ab den 1970er Jahren mussten die drei Häuser sukzessive gepölzt werden, der Verputz bröckelte ab, der Gesamtzustand wurde immer schlechter. 1972, 1975 und 1979 traten jeweils prominente Spekulanten als Käufer in Erscheinung. Gleich zwei von ihnen wanderten bald danach in Strafhaft, was die Häuser wieder zum Verkauf bestimmte. 1977 entging das Haus Hietzinger Hauptstraße 145 nur aufgrund des Widerstands der Anrainer dem bereits beantragten Abbruch.

Einen guten Eindruck vom damaligen Bauzustand geben diese Fotos aus dem Jahr 1974. Sie stammen von aufgelösten Archiven der MA 37:

Etwa um 1980 wurde die Hietzinger Bezirksöffentlichkeit auf den erhaltungswürdigen barocken Wohn- und Geschäftskomplex aufmerksam, allmählich setzten Sanierungsbestrebungen ein. 1983 kaufte eine Wohnbaugesellschaft den gesamten "Altstadterhaltungskomplex Ober St. Veit", wie er mittlerweile hieß, und plante seine Sanierung zu Eigentumswohnungen, die aber am Käufermangel scheiterte. Eine weitere Wohnbaugesellschaft schritt mit einem modifizierten Projekt zur Sanierung und beauftragte die Firma Ing. Richard Lugner mit der Bauführung. Als sich nach einiger Zeit auch diese Gesellschaft wegen mangelnder Rentabilität des Projektes zurückzog, kaufte Ing. Lugner kurzerhand privat den gesamten Häuserkomplex und revitalisierte ihn mit seinem eigenen Baubetrieb nach vorliegenden Plänen von Lucas Matthias Lang in den Jahren 1985/86. Die Revitalisierung erhielt 1987 den 3. Stadterneuerungspreis der Wiener Baumeisterinnung. Alle Wohnungen und Geschäfte sind seither auf Mietenbasis vergeben.

Im Folgenden einige Fotos von der Eröffnungsfeier am 20. Juni 1986:

Die Erhaltung des barocken „Altstadterhaltungskomplexes Ober St. Veit“ wird heute allgemein als großer baulicher Gewinn für den Bezirk empfunden.

Quellen:
Grundbuch des Bezirksgerichtes Hietzing (1880-1981 in Buchform, danach auf EDV) für die Einlagezahlen 82, 83, 84 je KG Ober St. Veit;
Dienstbücher der Herrschaft St. Veit an der Wien im WStLA:
Dienstbuch I (1701-1761) Grundbücher 5/5a;
Dienstbuch A (1761-1846) Grundbücher 5/6;
Dienstbuch B (1845-1880) Grundbücher 5/7a;
Baueinlagen der Baupolizei für die Einlagezahlen 82, 83, 84 je KG Ober St. Veit. - Ferner stellten sich freundlicherweise der mittlerweile verstorbene Hausbewohner und Inhaber eines Handschuhgeschäftes, Hr. Franz Puchhas (geb. 1903) und der Eigentümer des Nachbarhauses Hietzinger Hauptstraße 141, Dr. Ignaz Wimpissinger, für eine mündliche Befragung über ihre Erinnerungen zur Verfügung.

Weitere, sehr empfehlenswerte Literatur zu Ober St. Veit und seinen Bauwerken:
Weissenbacher, Gerhard: In Hietzing gebaut: Architektur und Geschichte eines Wiener Bezirkes. Wien: Verlag Holzhausen, Band I 1996 ISBN 3-85493-004-6 und Band II 1998 ISBN 3-900518-93-9

Dr. Gebhard Klötzl mit Fotos ergänzt von hojos
1997, Ergänzung im Dezember 2015

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