Zwei aus dem Geschlecht der Lanckoronski von Brzez

Die Geschichte des Geschlechtes der Lanckoronski von Brzez reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. In der Adelsrepublik nahmen sie aktiv am politischen Leben Teil, sie wurden als Gesandte und Senatoren in den Sejm gewählt.
1848

Im 19. Jahrhundert wurde Wien die Zufluchtsstätte der Lanckoronski. Als Antoni Lanckoronski (1760-1830), Abgeordneter zum Vierjahres-Sejm und Befürworter der Verfassung vom Dritten Mai, nach der dritten Teilung der Rzeczpospolita nach Wien übersiedelte, verlieh man ihm hier die Würde eines Kammerherrn und er wurde zum Marschall des Ständelandtags gewählt. Sein Sohn Kazimierz (1802-1874) hatte einen Sitz im Herrenhaus. Sein Enkel Karol (1848-1933), mit dem Orden vom Goldenen Vlies geehrt, erhielt die Ernennung zum Oberhofmarschall am Hofe Franz Josephs I.

Karols Lebenszeit umspannte Aufschwung und Niedergang der österreichisch-ungarischen Monarchie. Er besaß ausgedehnte Güter in Galizien, Kongresspolen und in der Steiermark. Als passionierter Kunsthistoriker war er ob seines wissenschaftlichen Interesses und seiner Sammlerleidenschaft von fast Renaissanceformat hoch geschätzt. Seine Gemäldesammlung im Palais Lanckoronski bildete eine der prächtigsten privaten Kunstgalerien in Wien.

Karol war drei mal verheiratet. Für die erste Ehefrau, Fanita, baute er das Faniteum in Ober St. Veit. Fanita starb bei der Geburt des Sohnes Anton. Die zweite Ehefrau war ebenfalls Österreicherin, die Ehe blieb kinderlos. Aus der dritte Ehe mit der Preussin Margarete von Lichnowsky (Schwester von Karl Max Lichnowsky, während des ersten Weltkrieges deutscher Botschafter in London) stammen die beiden Töchter Karolina und Adelajda. Obwohl er sehr eng mit der österreichischen und deutschen Kultur und scheinbar auch der höchsten österreischischen Aristokratie verbunden war, tat er auch unermesslich viel für die polnische Kultur und Wissenschaft. Für dieses Wirken wurde er von der Regierung des unabhängigen Polen mit dem Großen Band des Ordens Polonia Restituta ausgezeichnet. Ursprünglich hatte er Polens Platz in einer Dreivölkerföderation unter dem Zepter der Habsburger gesehen – der Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie zerstörte aber diese politische Illusion.

Seine drei Kinder sind in Wien aufgewachsen, fühlten sich aber eng mit der Kultur und Geschichte Polens verbunden – dem einstigen Polen und dem neuen unabhängigen.

Die Tochter Karolina Lanckoronska kam 1898 zur Welt und durchlebte das gesamte 20. Jahrhundert nicht nur als Zeugin, sondern auch als unmittelbar Beteiligte vieler historischer Geschehnisse; der Dienst an Polen und an der polnischen Wissenschaft war der Hauptinhalt ihres Lebens. Als Jugendliche kümmerte sich eine Zeit lang um kranke und verwundete polnische Soldaten im Faniteum, nach dem Krieg traten die wissenschaftlichen Neigungen zutage. Nach der Matura 1920 im Privatgymnasium „Zu den Schotten“ inskribierte sie Kunstgeschichte an der Wiener Universität. Im großen neobaroken Wiener Palast fühlte sie sich aber nicht besonders wohl, sie freute sich immer auf die ersehnten Monate auf dem galizischen Sommersitz in Rozdol, wohin die ganze Familie in den Ferien reiste. Mit der Abhandlung „Studien zu Michelangelos Jüngstem Gericht und seiner künstlerischen Deszendenz“ erlangte sie das Doktorat in Kunstgeschichte. Sie arbeitete dann viel in Rom und war für die Römische Dependence der Polnischen Akademie der Wissenschaften tätig.

Nach dem Tod des Vaters Karol Lanckoronski erbte Karolina das Gut in Komaro und wählte Lemberg als ständigen Wohnsitz. 1934 wurde sie Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft von Lemberg, begann wenig später als Privatdozentin an der Jan-Kamierz-Universität und Habilitierte sich 1935. Das Glück war aber nicht von Dauer. Im Krieg wollte sie das von fremdem Militär besetzte Polen nicht verlassen. Angesichts der erschütternden und tragischen Ereignisse jener Zeit wechselte sie nahtlos von der Professorin zur Lebensretterin, zuerst in Lemberg gegenüber den Russen und nach der Vertreibung in Krakau gegenüber den Deutschen. Ihr Engagement für die betroffenen Menschen und ihr Widerstand führte so weit, dass nur mehr eine Intervention der italienischen Königsfamilie (das Haus Savoyen und die Lanckoronskis waren verwandt) bei H. Himmler die Vollstreckung des Todesurteils verhinderte. 1942 musste sie Polen verlassen und kam im Jänner 1943 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. „Es gibt Dinge, die der Mensch unfähig ist zu hören, Dinge, die der Menschenverstand nicht zu fassen vermag“, schrieb sie nach ihrer Entlassung 1945. In der Schweiz erstatte sie dem Roten Kreuz Bericht und machte ihre Erlebnisse publik. Sie begann auch an ihren „Erinnerungen“ zu schreiben.

Gleich stand sie wieder vor ungewöhnlichen Aufgaben, organisierte in Italien Studienplätze für Soldaten, die nicht ins kommunistische Polen zurückwollten. Im November 1945 war sie Mitbegründerin des Polnischen Historischen Instituts in Rom und widmete sich ganz der verlegerischen und organisatorischen Arbeit zugunsten der polnischen Wissenschaft. Der Dienst an der polnischen Kultur bedeutete für sie aber auch den Verzicht auf die geliebten kunsthistorischen Forschungen. Die vom Vater geerbte Gemäldesammlung schenkte sie als letzte ihres Geschlechtes 1994 „in Huldigung der Freien und Unabhängigen Republik“ den Königsschlössern in Krakau und Warschau.

Quellen:
Exzerpt aus:
Karolina Lancoronska, Mut ist angeboren.
Aus dem Polnischen von Karin Wolff
Böhlau Wien 2004

hojos
2005

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