Interview mit Herrn BV DI Gerstbach

Der Fluglärm über Hietzing
01.03.2005

Sensationelles Verkehrsergebnis 2004 des Flughafen Wiens: 15,7% Passagierwachstum und vergleichbare Steigerungen bei Flugbewegungen und Höchstabfluggewicht.

Da freuen sich viele Menschen (mehr Arbeitsplätze) die Aktionäre (satte Dividende und Kurssteigerungen) und die Gemeinde Wien (einer der Hauptaktionäre).

Und wir unter dem Fluglärm Leidenden?

Wir fürchten, dass die Umklammerung durch den Verkehr am Boden in noch verheerenderer Weise in der Luft passiert. Natürlich, auch wir wissen um die Bedeutung einer florierenden Wirtschaft und fliegen in ferne Lande. Wir glauben aber auch, dass wir ein Recht auf eine gesunde Umwelt, Ruhe, Erholungsraum und nicht zuletzt den Erhalt des Wertes unserer Investitionen in Ober St. Veit („Grünruhelage!“) besitzen. Die Umwelt- und Meditationsverfahren und meist auch die Bürgerinitiativen bemühen sich um Schadensbegrenzung und eine faire Verteilung der Belastungen. Aber wohin führt angesichts des enormen und unserer „volkswirtschaftlichen“ Logik nach auch nicht enden sollenden Wachstums selbst diese „faire“ Verteilung?

Sehr geehrter Herr DI Gerstbach, die folgenden Fragen sind an den Bezirkspolitiker wahrscheinlich falsch adressiert, aber Ihre Meinung als ein „Alter Hase“ im politischen Leben ist doch eine gewichtige. Gestatten Sie uns daher folgende Fragen:

Frage: Glauben Sie, dass die Politik ein Gegengewicht zum „blinden“ Expansionsdrang der Konzerne sein soll?

DI Gerstbach: Die Beeinträchtigung der Bevölkerung durch Fluglärm ist eine von vielen Belastungen, die durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte verursacht wurden und durch internationale Verflechtungen enorm verstärkt werden. Ein Gegengewicht kann nur gemeinsam durch vernünftig denkende Bürgerinnen und Bürger und die Politik entstehen.

Frage: Geben Sie der Politik eine Chance als Widerpart zur global agierenden Wirtschaftslobby?

DI Gerstbach: Der Einfluss der Wirtschaftslobby auf die Politik ist vor allem in Übersee sehr stark, in Österreich wesentlich geringer. Demnach sind wir durch die internationale Verflechtung vielen Zwängen unterworfen. Das kleine Österreich kann nur gemeinsam mit den Europäischen Ländern in den globalen Fragen etwas bewegen. Der Wille dazu ist sicher vorhanden.

Frage: Erkennen Sie reglementierende Kräfte gegen die nicht kostengerechte Billigpreispolitik der Fluggesellschaften und einer allgemeinen Tarifpolitik jenseits jeglicher Umweltverantwortung (Stichwort steuerfreies Kerosin)?

DI Gerstbach: Leider erkenne ich keine solchen Kräfte. Es ist noch viel Aufklärung nötig, um das Bewusstsein zu wecken, dass der Flugverkehr ein besonderer „Umweltsünder“ ist. Ich meine, dass viele Veränderungen unseres Klimas auch durch den expandierenden Flugverkehr verursacht sind. Eine gerechte Besteuerung des Kerosins ist aber nur durch internationale Abkommen durchsetzbar.

Frage: Sehen Sie ein Problem im Interessenkonflikt Wiens als Wirtschaftsgroßmacht und gleichzeitig Heimstätte seiner Bürger?

DI Gerstbach: Natürlich gibt es dieses Problem. Der Großraum von Wien ist einerseits Nutznießer des Flughafens in Schwechat durch die zahlreichen Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt vom Flughafen abhängen. Andererseits ist Wien für die Gesundheit seiner Bevölkerung verantwortlich. Derzeit überwiegen offenbar die wirtschaftlichen Interessen.

Frage: Gibt es in manchen Regionen zukunftsfestere Einstellungen gegenüber dem Flugverkehr?

DI Gerstbach: Das erkenne ich nicht. Der Interessenskonflikt des Großraumes um Wien spielt sich genauso auch in den einzelnen Regionen, ja sogar bei den einzelnen Menschen ab.

Frage: Den Einkaufsstraßen ist die Nahversorgung und die Lebensqualität in der Region ein Anliegen. Macht es Sinn und gibt es Wege, diese Grundhaltung weiter hinauszutragen?

DI Gerstbach: Die Sicherung der Nahversorgung wird in der Zukunft zu einem ernsten Problem werden. Schon jetzt hat die Konzentration der Geschäfte in Einkaufszentren ein Besorgnis erregendes Ausmaß angenommen. Leider erlauben die Planungsstellen Wiens den Bau neuer Einkaufszentren immer wieder. Ich halte diese Entwicklung für falsch. Lebensqualität im Grätzl ist nur möglich, wenn man alles nötige und wichtige im Nahbereich seiner Wohnung, im Bezirk besorgen kann. Daher sind gerade die Vereine der Einkaufsstraßen eine wichtiger Faktor zum Wohl der Bevölkerung.

Frage: Wo sehen Sie Ansatzpunkte für gemeinsame Aktionen von Politik, Unternehmen und Publikum einer Region?

DI Gerstbach: Die Aktivitäten der Vereine arbeiten mit Unterstützung der Wirtschaftskammer sehr gut in diesem Sinn. Sie sollten verstärkt weitergeführt werden. Auch das eben angelaufene Telefon-Gewinnspiel „Heimat Hietzing“ ist genau zu diesem Zweck ins Leben gerufen worden. Es soll den Menschen zeigen, dass das Gute doch so nahe liegt und man nicht in die Ferne schweifen muss!

Frage: Ist das Verkehrsministerium als ausschlaggebende Instanz in das Meditationsverfahren eingebunden?

DI Gerstbach: Das Verkehrsministerium als Oberste Zivilluftfahrtbehörde ist nicht direkt im Mediationsverfahren des Flughafens Wien eingebunden, hat sich aber bereit erklärt, die Ergebnisse des Verfahrens durch entsprechende Verordnungen und Abkommen mit den internationalen Organisationen umzusetzen.

Frage: Wieviel Prozent der Landeanflüge sind Ober St. Veit zugeteilt und gibt es eine absolute Obergrenze für die Zukunft?

DI Gerstbach: Die Landeanflüge in Richtung Piste 11, für die der Leitstrahl etwa über dem Wiental verläuft, hängen von der Windsituation ab, da gegen den Wind gelandet wird, also bei Süd- und Süd-Ost-Wind. 2003 waren 15,4% aller Anflüge auf dieser Route, allerdings aufgefächert über weite Teile von Ober St.Veit, durch den Teilvertrag vom 27. Mai 2003 wurde dieser Prozentsatz auf 11,5% reduziert. Leider gibt es wegen des Widerstandes des Flughafens und der Fluglinien bisher keine absolute Obergrenze. Beim Mediationsverfahren wird über diese Frage wie über viele andere noch verhandelt.

Das Ober St. Veiter Blatt‘l bedankt sich für das Interview. Geführt wurde es von Gernot Massing und Josef Holzapfel

hojos
im März 2005

Spanisch Sprachschule