Die Konskription der Häuser in St. Veit

Ein Amtsweg
1771

Volkszählungen aus militärischen und steuerlichen Gründen waren zur Zeit Maria Theresias schon fast Routine, die Ergebnisse allerdings meist unbrauchbar. Eine lang diskutierte und im Jahre 1769 unterzeichnete Verordnung sollte den Genauigkeitsrad dieser Zählungen entscheidend heben, und zwar aus zwei Gründen: Erstens wurde gleichzeitig mit einer neuerlichen „Seelenkonskription“ (Volkszählung) auch eine Häuserkonskription befohlen und zweitens verzichtete man auf die oft schlampige Hilfe der Grundherrschaften. Bald nach der Veröffentlichung der endgültigen Entscheidung im März 1770 zogen daher Kommissionen aus militärischen und zivilen Beamten durch Österreich und Böhmen, um alle bewohnbaren Häuser zu nummerieren und die Bewohner zu beschreiben. Sie erledigten ihre Arbeit zügig, Wien und Niederösterreich wurden von Oktober 1770 bis Oktober 1771 bereist.

Städte, Märkte und jedes Dorf wurden separat erfasst. Die Kommissionen begannen ihre Arbeit entweder mit dem Haus eines Ortes, auf das sie als erstes stießen oder mit einem repräsentativen Gebäude in der Mitte, etwa dem Sitz der Grundherrschaft. Zunächst malte einer der Kommissionsschreiber ein schönes „Nº“ samt arabischer Zahl in schwarzer Farbe über die Tür des Hauses (nur in Wien waren die Nummern rot). Danach trat die Kommission ein und der Sprecher befragte den Herrn des Hauses über Zahl und Zusammensetzung der Bewohner und militärisch verwendbare Zugtiere. Die Angaben wurden soweit möglich mit Extrakten aus den Kirchenbüchern verglichen und in Listen eingetragen. Von den aufgemalten Hausnummern sind nur wenige erhalten, eine davon ist die unten abgebildete des Großen Michaelerhofes, Kohlmarkt Nr. 11 (Konskriptionsnummer 1152).
Irgendwann von 1770 bis 1771 muss die Kommission auch nach St. Veit gekommen sein. Leider sind die Listen dieser ersten Häuseraufnahmen abhanden gekommen und wir wissen daher nicht verlässlich, welchen Weg die Kommission durch das Dorf genommen hat. Die Nummerierung ist in der Folge drei Mal geändert worden, und es bedürfte eines mühsamen Vergleiches der in den Grundbüchern nachträglich angemerkten Konskriptionsnummern, um die Verschiebungen zu erfassen. Die älteste durchgehende Häusernummerierung, die wir heute noch haben, ist die 1819/1820 aus Anlass der Franziszeischen Landesaufnahme erneuerte. Sie unterscheidet sich von der ursprünglichen möglicher Weise durch den Verkauf der grundherrlichen Rechte über einige Liegenschaften nächst Hietzing an das Stift Klosterneuburg (im wesentlichen die Faistmühle und das Gasthaus zum Schwarzen Hahn, ursprünglich Nº 24 - Nº 30, ab 1779 Nº 124 - Nº 130) und die Teilung in Ober- und Unter St. Veit (1771 gab es im Bereich Unter St. Veits vermutlich nur die Feldmühle, 1820 bereits 33 Häuser).

In den 50 Jahren von der Erstkonskription bis zur Franziszeischen Landaufnahme (in deren Verlauf die Häusernummerierung erneuert wurde) haben sich somit nicht nur die Menschen sondern auch die Reihenfolge der Hausnummern geändert. Es scheint aber trotzdem tauglich, den Weg der Kommission auf Basis dieser ältesten verfügbaren Häusernummerierung nachzuempfinden. Einerseits wird sich die Nummerierungsfolge im Kern Ober St. Veits nicht wesentlich verändert haben, andererseits ist es reizvoll Namen zu nennen, selbst wenn es sich meist um die Enkeln oder fremde Nachfolger der ursprünglich angetroffenen Personen handelt.

Mit Sicherheit wurde die Kommission von einer Delegation des Dorfes empfangen: Dem Pfarrer, den Dorfobrigkeiten und wahrscheinlich auch von einer Schar Kinder. Ihr aufgeregtes Lärmen begleitete die ganze Amtshandlung und beschleunigte sie sogar, denn das Erscheinen der Beamten war solcherart nicht zu überhören. Die St. Veiter wussten schon aus der Kirchenpredigt von dem neuen Rekrutierungssystem und den bevorstehenden Maßnahmen, trotzdem beäugten sie den seltsamen Vorgang misstrauisch.
Auf dem oben abgebildeten Plan können Sie den hier nachgezeichneten Weg verfolgen. Der Weg ist durch die rote Linie markiert. Die Beamten begannen mit dem Erzbischöflichen Schloss (daher Haus Nº 1) und wandten sich über Pfarrhof (Haus Nº 2) und Schule (Haus Nº 3) zur Neustift Gasse, der heutigen Schweizertalstraße Nº 4 und die Häuser auf der rechten Seite (Nº 5 - 14) waren allesamt Häuser von Weinbauern. Das noch bestehende Haus Nº 14 (heute Schweizertalstraße 18) war das letzte auf dieser Gassenseite. Gegenüber die Nº 15 (es gehörte dem Herrn Puranner aus der bis in die jüngste Geschichte bekannten Weinhauerdynastie) war überhaupt das einzige auf seiner Seite. Die Häuser ab der Nº 16 standen nicht mehr zur Neustift Gasse gewandt, sondern zur damaligen Schulgasse. Erst nach der Einwölbung des Marienbaches bildete diese Gasse einen durchgehenden Bogen zur Einsiedeleigasse mit Namen Bognergasse, heute Vitusgasse.

Überall Weinbauernhäuser, erst auf der Maria Theresien Straße (heute Hietzinger Hauptstraße) kamen andere Professionen zur Geltung: Nº 25, das Haus der Anna Maria Nawecker, Fassbinderin, Nº 26 das Haus des Johann Kaiser, Fleischhauer und Nº 27, das Haus des Andreas Seiferth, Wirt. Der kaufte 1823 die Einsiedelei und schuf daraus die bekannte Gaststätte. Ein Unikum muss die Nº 28 gewesen sein, nur 7,50 Quadratklafter (ca. 27 m²) groß, zwischen Marienbach, Maria Theresienstraße und Einsiedeleigasse eingezwängt, soll es dennoch einen Weinhauer beherbergt haben.

Auch dieser Platz St. Veits hatte sich vor und nach dem Besuch der Kommissare stark verändert. Zunächst wegen der neu angelegten Maria Theresien Straße, die schnurgerade vom Marienbach zu den ersten Häusern Hietzings geführt wurde (vorher erreichte man Hietzing via Auhofstraße), der damit verbundenen Einwölbung des Marienbaches und später wegen der Verlängerung dieser Einwölbung. Häuser mussten weichen, neue wurden gebaut. Überlebt hat hier nur das Haus Nº 26 (Hietzinger Hauptstr. 153). An der Überbrückung des Marienbaches muss übrigens auch der heilige Nepomuk gestanden sein, der erst später an seine heutige Stelle an der Firmiangasse versetzt wurde.

Und weiter begleiten wir die Kommissare, die Einsiedeleigasse hinauf und hinunter, auch hier ausschließlich Weinbauern. Die Schlangenlinie der Beamten durch das Dorf war jedoch keine Folge der Gastfreundschaft der besuchten Weinbauern, sondern der kürzeste Weg zu allen Häusern. Im Haus Nº 43, am Eck zur damaligen Feld Gasse (im oberen Teil heute Trazerberggasse), trafen sie den 2. Wirten des Ortes, den „Bestandwirth“ Michael Bergmann und die Feld Gasse weiter unten im Anwesen Nº 47 den einzigen Adeligen des Ortes, Michael Edler von Held. Er mag es als unerhört empfunden haben, nach dem gleichen System wie der einfache Schuhmacher vis à vis erfasst zu werden. Ein Vorbote der Demokratisierung sozusagen.

An der Feld Gasse und dem nachher begangenen Teil der Maria Theresien Straße hatte der Ort bereits begonnen, den Graben des Marienbaches zu verlassen. Das Haus Nº 52 des Bäckermeisters Jakob Hofbauer und die benachbarten Häuser des Hutmachers und des Gradltragers lagen zwar noch am Marienbach, die Nummern 54 bis 70 (ein Wundarzt, ein Schlossermeister, der Schullehrer, ein Weissgeschirrmacher und weitere Weinbauern) ragten aber schon weit ins Veitinger Feld.

Und endlich - schließlich war St. Veit nicht nur ein Weinbauernort - stießen die Kommissare auf die Milchbauern: In der nach ihnen benannten „Bauern Zeile“, noch früher „Pauernzeill“. Zwar waren sie auch hier keineswegs in der Mehrheit, aber alle, die es im Ort gab, waren hier versammelt. Unter ihnen auch Michael Glasauer, der Patron des heutigen Gassennamens. Dazwischen und daneben wieder Weinbauern, aber auch ein Fassbinder, ein Zimmermeister, eine Tischlerin, ein befugter Tandler zu Wien, ein Buchhalter, das Haus des Gemeindehirten und sogar das eines Regierungsrates aus Wien. Die Häuser am Marienbach waren schwer zu „consignieren“: Der Bach mäanderte zwischen ihnen und einmal bildeten sie mit der Bauern Zeile eine Gasse und einmal mit der Hauer Zeile (1770 noch Praittenzeill, heute Firmiangasse). Deren Name passte genau, sie wurde ausschließlich von Weinbauern bewohnt, nur eine Schuhmacherin hatte sich zwischen sie gedrängt und ein Zinshaus der Gemeinde. Ganz oben noch, am Eck zur Maria Theresien Straße, siedelte der Krämer des Ortes, Joseph Pattig; sein Haus bekam die Nº 100.

Das Ende des Beamtenweges war im Haus Nº 126, der Kanzlei des erzbischöflichen Grundherrn samt Meierei und Wohnung des Verwalters. Die Meierei ist als „Vitushaus“ erhalten geblieben. Doch nein, drei verstreute Gebäude weiter außerhalb (und auch außerhalb des Planes oben) mussten noch besucht werden: Das stattliche Anwesen des Wasenmeisters Karl Eder bekam die Nº 127 (heute Angermayergasse 1), die Einsiedelei die Nº 128 und am anderen Ende die Feldmühle die Nº 129. Damit war aber Schluss und es stand fest: St. Veit hatte 129 bewohnte Häuser. So wäre es zumindest gewesen, hätte die Häuserkonskription im Jahre 1820 stattgefunden. Im Jahre 1771 gab es noch zusätzlich die 7 Häuser nächst Hietzing, dafür vielleicht andere, vor allem die auf der projektierten Maria Theresien Straße noch nicht.

Alles in allem war St. Veit ein traditionelles Wein- und Milchbauerndorf mit relativ wenig Gewerbe. Dieses etablierte sich zunächst vorwiegend in der neuen Ansiedelung bei der Feldmühle, die in der Franziszeischen Landesaufnahme 1819/1820 schon als eigenes Dorf behandelt wurde. Die Auhofstraße war im Bereich Ober St. Veits völlig unbesiedelt. Die Gebäude mit den Nummern 130 bis 135 gab es zur Zeit der Erstkonskription noch nicht, sie wurden erst später errichtet.

Damit waren auch schon die Schwächen der Konskriptionsnummern vorauszusehen: Die neuen Häuser wurden chronologisch nach ihrer Errichtung nummeriert, die Nummern zusammengelegter oder abgebrochener Häuser fielen weg. Im Laufe der Zeit war keine Ordnung mehr erkennbar. Umnummerierungen, die wegen der weitreichenden Folgen allerdings sehr restriktiv gehandhabt wurden, halfen nur kurz. 1862 wurden daher zusätzlich die heute noch gebräuchlichen straßenweisen Ordnungsnummern eingeführt, zunächst in Wien. Die Konskriptionsnummern wurden bis zur Umstellung des Grundbuches, die im Jahre 1874 begann, weitergeführt. Dann sind sie langsam verschwunden.
Zurück zum Haus Nº 135, im Plan ist es mit der Legende „Neue Mühle“ eingezeichnet. Diese Mühle war Vorbote der ersten Fabriken Ober St. Veits. Einen Beitag über diese Fabriken und deren Schicksal finden Sie HIER.

Quellen:
Protokolle zum Franziszeischen Kataster.
Tantner, Anton: Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen - Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie; Dissertation zur erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Geschichte, eingereicht an der Geistes- und Kulturwissenschaftlichen Faktultät der Universität Wien, 2004.
Steinwandtner, Felix: Die Straßen Hietzings. In: Fenster in die Vergangenheit: Lokalgeschichtliche Schriftenreihe des 13. Wiener Gemeindebezirkes. Herausgegeben vom Club 13 - Hietzinger Forum für Politik und Wirtschaft. Wien 1999.

hojos
im August 2006, verändert im März 2007

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