Kriegsende in Ober St. Veit

Ein Zeitzeugenbericht
1945

Den Kriegsverlauf in Ober St. Veit konnten wir naturgemäß nur aus sporadischen Berichten erahnen, bzw. später bruchstückhaft rekonstruieren.

Auf den Wiesen oberhalb der Karl-Schallhas-Gasse dürften sich während der Kriegstage Luftabwehrstellungen befunden haben. Jedenfalls waren oben an der ersten weniger begangenen Wiese, die sich heute zwischen Schrebergärten befindet eine oder mehrere Flak-Stellungen und darüber eine Scheinwerferbatterie. Diese Stellungen waren mit Laufgräben untereinander verbunden. In der Nähe der Scheinwerferbatterie war die Feldküche. (Laut Schrebergarten-Anrainer)

In den letzten Kriegstagen scheinen die Russen auf der Höhe entlang der Tiergartenmauer vorgedrungen zu sein und hätten dann angeblich diese Stellungen aus der Gegend des Ober St. Veiter Friedhofs beschossen.

Diese Satellitenaufnahme zeigt die Wiese, auf der sich die Luftabwehrstellungen befunden haben sollen. Im roten Kreis war früher die Vertiefung für einen der Suchscheinwerfer zu sehen. © Google Maps
Dr. Walter Gründsteidl an der Stelle der Scheinwerferbatterie. In Bereich des roten Kreises war noch vor 10 Jahren die Vertiefung für einen der Scheinwerfer und ein Rest eines Verbindungsgrabens nach oben (=Westen) zu sehen. Mittlerweile wurde das Gelände im Zuge von Bauarbeiten eingeebnet. Fotografiert am 26. Jänner 2017 © Archiv 1133.at

Im Laufe der Besetzung sollen angeblich (Oma's Bericht), in unserem Garten Seifertstraße 10 eine "Rinderherde" zusammengetrieben worden sein, auch russische Soldaten scheinen hier untergebracht gewesen zu sein.

Omama ist jedenfalls bald nach Kriegsende zu Fuß (!) von der Lerchenfelderstraße nach Ober St. Veit gegangen, um hier nach dem Rechten zu sehen, Tramway gab's ja keine. Bei dieser Gelegenheit hat sie natürlich auch ihre Schwester, die Tante Poldi, und ihren Mann, den Onkel Engelbert, in der Vitusgasse besuchen können.

Nach unserer Rückkehr aus Bayern im November konnten wir schon per Stadtbahn und Tramway hinausfahren. Diese Fahrten dienten vor allem der Brennholzbeschaffung, das Holz des sog. "Lusthauses" (ein achteckiges Salettl) und einiger Bäume musste uns über den Winter helfen. Rucksackweise haben wir das Holz von Ober St. Veit nach Nußdorf gebracht, es wurde dann auf sparsamste Art im sogenannten "Hausfreund" verfeuert. Der "Hausfreund" war ein aus Blech gebautes und auf der Küchenherdplatte aufgesetztes Provisorium zum Kochen und Heizen. Der Rauch wurde aus dem brennenden Hausfreund in den nicht befeuerten Feuerraum des Herdes und durch den Kamin ins Freie gezogen. Die Küche war auch der einzige warme Raum in der Nußdorfer Wohnung.

Aus Ober- St. Veit stammte auch unser Christbaum zu Weihnachten 1945.

In Alkoven in Bayern hatten wir einen respektablen Gemüsegarten zu unserer Verpflegung angelegt. Dies wollten wir natürlich im Frühjahr auch in Ober St Veit wiederholen. Mit einem großen "Krampen" habe ich den Boden, der hart und kompakt wie Beton war, zusammen mit Papa aufgegraben, um die Beete anlegen zu können. Die Härte dieses festgestampften Bodens lieferte mir den Wahrheitsgehalt der Berichte von den "russischen Viehherden". Dieser Garten lieferte 1946 und 1947 nicht nur unseren gesamten Gemüsebedarf (Kraut, Karfiol, Kohlrabi, Kohl, Tomaten, Zwiebel, Karotten usw.) sondern in Form von Virginia- und Bauern-Tabak (der fachmännisch von Papa im Gasbackrohr fermentiert wurde und einen herrlichen Duft in der ganzen Wohnung verbreitete) auch sehr willkommene Tauschartikel auf dem Schwarzmarkt.

W. Gründsteidl

Quellen:
W. G.

Digitalisiert und Übertragen von hojos
im November 2010

Spanisch Sprachschule