Vom Christbaum und vom Christbaumschmuck

1814

Aus den Lesebüchern haben wir erfahren, dass der erste Christbaum in Österreich (-Ungarn) im Salon der aus Nassau stammenden Gattin Erzherzog Karls, des Siegers von Aspern, stand. Sie, so lernten wir, brachte diesen Brauch aus ihrer protestantischen Heimat mit. Im Gegensatz zum katholischen Süden Deutschlands, wo die Krippe den Mittelpunkt der häuslichen Weihnachtsfeier bildete, wurde bereits im 17. Jahrhundert in großen lutherischen Haushalten ein mit Kerzen geschmückter Lichterbaum aufgestellt. In Wien ahmte besonders der bei Hofe beschäftigte Adel diese Sitte der Schwägerin des Kaisers Franz I (II) bereits im folgenden Jahr nach, dann folgte das städtische Bürgertum und einige Jahre später gehörte der Christbaum im städtischen Raum zu Weihnachten, so wie vorher die Krippe oder zahlreiche verschiedene Bräuche und Speisen.

Eine schöne Geschichte - nur stimmt sie nicht ganz.

Henriette von Nassau-Weilburg (1797 - 1829, Nachfolger dieser Familie sind heute die Fürsten von Luxemburg), heiratete im Herbst 1815 Erzherzog Karl (1769 - 1847). Zu diesem Zeitpunkt war der Wiener Kongreß, 18.9.1814 - 9.6.1815, schon Monate vorbei, die Schlacht von Waterloo war geschlagen und Napoleon bereits auf Elba.

In den Rapporten der Geheimpolizei über das Treiben der Kongressteilnehmer und des ansässigen Adels wird am 26.12.1814 berichtet:
Bei Arnstein war vorgestern nach berliner Sitte ein sehr zahlreiches Weihbaum- oder Christbaumfest. Es waren dort Staatskanzler Hardenberg, ..... Fürst Radizwill, ..... sowie alle getauften und beschnittenen Anverwandten des Hauses. Alle gebetenen, eingeladenen Personen (hier folgt wieder eine Aufzählung) erhielten Geschenke oder Souvenirs vom Christbaum. Es wurden nach berliner Sitte komische Lieder gesungen und durch alle Zimmer ein Umgang gehalten. ..... Herr Persoon, der holländische Sekretär, der dabei war, erzählte es .....

Arnsteins waren eine aus dem Norden stammende Bankiersfamilie. Die Dame des Hauses, Franziska Arnstein, war die Tochter eines evangelisch getauften jüdischen Bankiers, die nach Wien heiratete und ein sehr Gastfreundliches Haus führte. Während des Wiener Kongresses wurde die Familie Arnstein ob ihrer Preussenfreundlichkeit besonders überwacht. Die Familie hatte nicht nur ein Palais in der Innenstadt und eines in Dreihaus (heute zum 15. Bezirk gehörig), sondern auch einen riesigen Besitz in Hietzing, aus dem später die „Neue Welt“ wurde. Nachdem in den Geheimberichten stets nur die Familiennamen genannt wurden, nie aber die Örtlichkeiten, an denen die Wahrnehmung gemacht wurde, könnte dieser Christbaum auch in Hietzing gestanden sein.

Aus diesem Bericht der Geheimpolizei erfahren wir nicht nur, dass der Brauch, zu Weihnachten einen Baum aufzustellen, in Wien bereits vor der Einheirat der Prinzessen von Nassau-Weilburg in die Familie Habsburg-Lothringen zumindest nicht unbekannt war. Es taucht darin auch erstmalig der Begriff „Christbaum“ auf und wir erfahren, dass dieser besonders geschmückt war. Wie die ersten Christbäume geschmückt waren, können wir allerdings nur raten; es liegt nahe, dass es sich vorwiegend, je nach finanziellen Gegebenheiten, um verzierte Zapfen und Früchte und Papeteriearbeiten handelte. Schon in den Jahren ab 1820 wurde Christbaumschmuck gewerbsmäßig - vorwiegend in Heimarbeit - produziert. Diese Entwicklung und den jeweiligen Zeitgeschmack zeigt im Bezirksmuseum die Ausstellung: Weihnachtliches Träumen - nicht nur Christbaumschmuck aus vergangenen Tagen.

Felix Steinwandtner, Bezirksmuseum Hietzing

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