Ausflugsziel Ober St. Veit

1880

St. Veit oder vielmehr richtiger Ober St. Veit war nach dem Untergang des Weinbaus als „Heurigenort“ wohl Vergangenheit. Aber der schon vor 1880 einsetzende Ausflugsverkehr brachte das Entstehen einer Fülle von Weinhäusern, Gastwirtschaften und Weinschänken.

Ab September 1887 verkehrte die Dampftramway von Hietzing nach Ober St. Veit. Es war dies die Verlängerung der sogenannten „Schönbrunner-Linie“, deren Ausgangspunkt im Bereich der heutigen U-Bahn Station Margaretengürtel war, dem Wienfluss entlang nach Hietzing und weiter nach Mauer bzw. nach Ober St. Veit führte. Beabsichtigt war auch eine Abzweigung nach Hacking, diese Linie hätte durch die Rohrbacher- und die Auhofstraße bis zur Schlossberggasse geführt. Der Bau der Stadtbahn, die 1898 eröffnet wurde, brachte das Ende der Schönbrunner Linie entlang des Wienflusses und des Projektes der Verbindung nach Hacking.

1891, zur Zeit der Eingemeindung nach Wien, zählten Ober St. Veit und Hacking miteinander 4389 Einwohner, die in 475 Häusern wohnten. Damals gab es in diesem Gebiet sage und schreibe 34 Gaststätten! Also doch ein "weinseliges Ober St. Veit"!

Die Gastwirtschaften wurden natürlich nicht nur von den Ausflüglern frequentiert. Jeder Beruf, jede soziale Gruppe hatte „ihre“ Wirtshäuser. Da gab es solche für den häufigen Besuch, für Männer unter sich und solche Gaststätten, in die man die Familie - selten genug - ausführte. Die Fabrikarbeiter vom Winkler & Schindler und die Dienstnehmer der zahlreichen Werkstätten im Bereich der Amalienstraße hatten genauso ihre eigenen Lokale, wie die alt eingesessenen Bürger von St. Veit oder die aus der Stadt neu hinzugezogenen Beamten und Pensionisten.

Die zahlreichen Vereine hatten ebenfalls ihren Sitz in Wirtshäusern. Es gab da den Drahrer - Klub, der den jährlichen Faschingsumzug veranstaltete, die Schützengilde Tell, die Freiwillige Feuerwehr, den Männergesangsverein, den Theaterverein „Edelweiß“, den katholischen Jünglingsverein, die St. Veiter Waidmänner, mehrere Spar- und Humanitätsvereine und unter anderen einen Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein.

Fast alle dieser Vereine hatten zumindest ein 14tägiges Treffen des Vorstandes und meist einmal im Monat einen Mitgliederabend, für Frequenz der Wirtshäuser war gesorgt. Einige der Honoratioren von Ober St. Veit, die in mehreren Vereinsvorständen tätig waren, hatten das bittere Los des fast täglichen Wirtshausbesuches, sie waren sicher des öfteren „weinselig“.

Sonntags gab es in den zahlreichen Wirtschaften Musik. Volkssänger, Schrammelmusikanten oder Militärmusikkapellen unterhielten das zahlreiche Publikum. Von den in Ober St. Veit aus der Taufe gehobenen Melodien hat wohl der „Deutschmeistermarsch“ von Wilhelm August Jurek (18. März 1893 im Kasino, Hauptstraße 141), weltweit den größten Bekanntheitsgrad; das verhältnismäßig junge Lied: „I hab' halt a Faible für Ober St. Veit“ wurde zur St. Veiter Hymne, kann feuchte Augen machen - oder doch „weinselig“?

Felix Steinwandtner

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