E-Mail an das Nachrichtenmagazin Profil

08.10.2008

Liebes Profil!

Reihenweise werde ich von Unternehmen direkt oder via Meinungsforschung um Feedback gebeten, nur vom Profil nicht. Anrufe der Mediaprint entpuppen sich immer als Verkaufsgespräche. Als mittlerweile langjähriger Abonnent erlaube ich mir, Sie trotzdem damit zu belästigen. Allerdings nicht aus altruistischen Motiven, sondern bloß, um mir den Frust von der Seele zu schreiben.

Vergleichsweise gesehen mögen Sie nach wie vor das führende Nachrichtenmagazin im Lande sein, Ihre Kommentare enttäuschen jedoch zunehmend. Das Geschehen wird meines Erachtens nicht mehr treffend und zum Besten unserer Demokratie durchleuchtet. Ihre Ausgaben Nr. 40 und 41 führen dies im Zusammenhang mit dem jüngsten Wahlergebnis plastisch vor Augen. Der Rechtsruck wird mit Fassungslosigkeit und dumpfen Mutmaßungen quittiert, Hauptschuld wird schließlich der latenten Rechtsradikalität der Österreicher gegeben.

Recht lange schon passiert im Lande gänzlich unfassbares. Ungeniert ausgelebte politische Animositäten, Populismus bis zur Selbstverleugnung, Missachtung geschlossener Verträge, anarchisch anmutender Zugang zu Heer und Luftraumüberwachung, Austrocknung der Polizei und unglaubliche Zustände in deren Führung, Täuschung der Öffentlichkeit mit falschen Statistiken, schlampige Gesetze und flatterhafte Diskontinuität, grob fahrlässige Zuwanderungspolitik, ein erstarrtes Bildungssystem, wirkungslose Finanzmarktaufsicht, verantwortungsloser Wahlzuckerl-Marathon, usw.

Gerne wird bei prekären Entwicklungen (zuletzt natürlich auf die Finanzkrise bezogen) die verfehlte (Wirtschafts-)Politik nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit mit dem Resultat Hitler bemüht. Aber mag damals noch Politik im Spiel gewesen sein, die Geschehnisse in Österreich tragen eher Züge der Demenz.

Letzte Hoffnung bleibt in diesem Umfeld der Journalismus als notwendiges Korrektiv. Was tut Profil? Statt mit aller Macht gegen diese Entwicklung vorzugehen, die gefährlichen Dinge beim Namen zu nennen und vielleicht auch ein paar Vorschläge zu machen wird der Wähler und vor allem die Jugend desavouiert: Mehr oder minder unterschwellig werden sie als "aufrechte Überzeugungswähler" (Sven Gächter, Jugendkultur) charakterisiert, die "offenbar nicht das geringste Problem haben", Parteien mit "demokratie- und zum Teil menschenfeindlichen Positionen" zu wählen. Und dann wird die Frage in den Raum gestellt, warum der Österreicher immer nach rechts ausbricht, und nicht nach links. Soll man wirklich, wenn man wieder Ordnung herstellen will, ganz nach links blicken?

Was soll die Jugend tun, angesichts der unwürdigen Leistung ihrer "Vorbilder" in der "etablierten" Politik. Wohin sollen sie sich wenden? Da gibt es in unserer politischen Landschaft nur wenige Möglichkeiten. Und diese in ihren tatsächlichen Grundhaltungen auszuloten, fällt recht schwer, woran wieder das Profil Mitschuld trägt. Es ist kontraproduktiv, offene Worte zu heiklen Themen kurzerhand als rassistisch und menschenfeindlich abzutun, nur weil sie nicht in das eigene Gedankengebäude passen. Das kostet Glaubwürdigkeit. Es ist auch unzureichend, jugendliche Wehrsportübungen oder einzelne "Sager" als Beleg für das tatsächliche Verhältnis zum Nationalsozialismus zu nennen (Christian Rainer, Ein Super Gau), selbst wenn bei weiterer Lektüre gewichtigere Argumente zu lesen sind. Zudem gibt es viele Eindrücke, die die Gefährlichkeit der Vertreter von FPÖ und BZÖ relativieren: Einerseits werden sie von allen Medien "nur" als "rechtspopulistisch" bezeichnet, womit suspekte Äußerungen und Freundschaften rein wahltaktische Gründe hätten und andererseits wird die Rechte immer wieder von Politikern umworben, die es besser wissen sollten.

Mein aktueller Hauptvorwurf an Profil und insbesondere seine "Leitartikler" bleibt aber die Verunglimpfung des österreichischen Wahlvolks (zumindest was die Radikalität betrifft) und die Umkehr von Opfer- und Täterrolle. Die Wähler sind nicht schuld an der unbeschreiblichen Politik und nicht das Wahlverhalten ist bloßzustellen, sondern die wahren Ursachen. Nicht die Wähler sind an einem eventuellen neuen Despoten schuld, sondern die Peitschen der Politik, die sie gnadenlos in seine Hände treiben. Eine fatale Situation in der nur zu hoffen bleibt, dass geänderte Umstände heute nicht mehr möglich machen, was früher geschah. Die größte Hoffnung ist in diesem Zusammenhang ist - trotz aller offenen Fragen - das Friedensprojekt Europäische Union.

Josef Holzapfel

hojos
am 8. Oktober 2008

Spanisch Sprachschule