Josefine (Pepi) Kramer-Glöckner

Wiener Volksschauspielerin, wohnte in der Winzerstraße.
1874

Pepi Kramer-Glöckner war eine Wiener Volksschauspielerin mit Herz und vielfältigen Talenten ausgestattet. Geboren wurde sie 1874 in Berlin. Das war aber eher ein Zufall. Ihre Mutter Berta Glöckner war eine bekannte Schauspielerin und ihr Vater der populäre Komiker des Carltheaters Josef Matras. Dieser gastierte zu diesem Zeitpunkt in Berlin, und da in Wien wieder einmal die Cholera ausbrach, nahm er seine Frau kurzerhand mit. Die spätere typische Wienerin „Pepi“ wurde also mit Spreewasser getauft und hatte eine Spreewalderin als Amme.

Berta Glöckner war ebenfalls am Carltheater engagiert und war die Zweitbesetzung für alle Rollen der damaligen Kassenmagnetin Josefine Gallmeyer. Um nicht immer Zweite zu sein, nahm Berta Glöckner ein Engagement in München am Hoftheater am Gärtnerplatz an. Die Wege der Eltern trennten sich. Josef Matras, der bis 1879 auf der Bühne stand wurde 1882 als unheilbar Geisteskrank in eine Irrenanstalt eingewiesen und starb 1887 im 55. Lebensjahr. Die Mutter trat ein Engagement in Petersburg an, zu dem sie ihre Tochter nicht mitnehmen konnte, Pepi kam in ein „Institut“ nach Pressburg.

Ihr schauspielerisches Talent kam schon als Kind zum Durchbruch. 1888, noch keine 15 Jahre alt, erhielt sie ihr erstes Engagement als 2. Naive am Deutschen Theater Budapest. Mit Ihrem Honorar – heutiger Wert 700 € monatlich und Abendhonorar 15 € – musste sie sparsam wirtschaften. Sie hatte ihre Mutter, die wegen beginnender Ertaubung ihre Karriere beenden musste, mitzuerhalten.

Sie spielte damals unter der Regie von Josef Jarno, dem Gatten der Volkschauspielerin Hansi Niese, ihre Partner waren unter anderen Alexander Girardi und Adele Sandrock. Es wurde nicht nur in Budapest gespielt, sondern immer wieder „Tourneen“ in die Städte Ungarns unternommen. In Komorn erhielt sie 1889 ihren Heiratsantrag; der Bewerber war eine Exzellenz, der ihr Großvater hätte sein können. Er bekam einen Korb – und heiratete eine ältere Frau – eine 19jährige.

Die nächsten Jahre steht Pepi Glöckner auf verschiedenen Bühnen Berlins und spielt einfach alles. Operetten, Klassik, Volksstücke und macht sich einen Namen als Soubrette und Interpretin von Dialektrollen. Nach Engagements in Berlin spielt sie ab 1892 im Deutschen Volkstheater in Wien und bleibt diesem Haus bis zu ihrem Tode 1954 treu.

Die nächsten Jahre spielt sie in den Stücken von Anzengruber, Bahr und feierte ab 1898 Triumphe als Josepha Vogelhuber mit dem Stück „Im Weißen Rössel“ von Blumenthal und Kadelburg und bei Gastspielen in München als „Försterchristel“ – in welcher Rolle sie später in Wien mehrere hundert Male auftrat. Zu ihren damaligen Erfolgen gehörte aber auch die Mutter Wolfen im „Bieberpelz“ von Gerhard Hauptmann.

Ab 1897 spielte auch Leopold Kramer am Volkstheater – es war Liebe auf den ersten Blick. Im Mai 1900 wurde geheiratet und 1902 das Haus Winzerstraße 2 gekauft und für die nächsten Jahre als Sommerquartier verwendet. Erst Jahre später übersiedelte das Paar ganz nach Ober St. Veit.
Das Wohnhaus der Familie Kramer-Glöckner in der Winzerstraße 2. © Archiv 1133.at
In den nun folgenden Jahren spielte sie viele Stücke unter der Regie ihres Gatten, gab Leseabende und trat bei Soireen und Wohltätigkeitsveranstaltungen mit Chansons und Couplets auf. Der ob ihrer Darbietung beeindruckte König Alfons XIII versprach ihr einen Orden – die Überreichung fand nie statt. Ein Benefizabend zu Gunsten des japanischen Roten Kreuzes wurde vom Tenno mit einer Medaille belohnt.

Sehr beeindruckt hat Pepi Glöckner eine Soiree beim Thronfolger Franz Ferdinand im Belvedere anlässlich des Besuches des deutschen Kaisers 1913. Die Vorbesprechung des Programms, bei dem auch Hofschauspieler Otto Tressler mitwirkte, fand im kleinen Kreis statt. Pepi Glöckner sang dem Thronfolger und seiner Gattin sechs Couplets zur Auswahl vor. Die Auswahl Franz Ferdinands: „Alle werden S` singen“. Der Abend wurde ein großer Erfolg – das versprochene Bild mit Widmung erhielt die Künstlerin allerdings erst 1928 aus Doorn, dem Exilort des Kaisers. Die Widmung: „Zur Erinnerung an die Soiree im Belvedere. Wilhelm rex.“

Die Jahre 1914-18 brachten ein etwas eingeschränktes Theaterprogramm und zahlreiche Reisen für Konzerte und Vortragsabende für und zugunsten von Verwundeten. 1917 war ihr Debüt beim (Stumm)Film mit Titeln wie: „Träume sind Schäume“, „Zu Höherem geboren“, „Komtesse Stallmagd“, „Pepi Maharadscha“, um nur einige zu nennen. 1918 übernahm Leopold Kramer das Deutsche Volkstheater in Prag. Die Übernahme fiel mit dem Zerfall der Monarchie zusammen, nach ersten – politisch bedingten – Schwierigkeiten stellten sich die Erfolge ein und es wurden zahlreiche Gastspielreisen in die Teile der Tschecho-Slowakei unternommen. Pepi Kramer-Glöckner, wie sie sich seit ihrer Eheschließung nannte, trat immer wieder als Gast auf. Zum Ensemble gehörten Paula Wessely und Attila und Paul Hörbiger.

Das Deutsche Volkstheater war Pepi Kramer-Glöckners Stammhaus – Gastrollen in anderen Wiener Bühnen waren sehr häufig wie z.B. 1929 die Premiere der „Dreigroschenoper“ im Raimundtheater mit einhundert Aufführungen oder unter der Regie von Max Reinhardt in „Der lebende Leichnam“ in der Josefstadt. In diese Zeit fällt die endgültige Übersiedlung in das Haus in der Winzerstraße 2.

1938 brachte das Ende der Bühnentätigkeit für Leopold Kramer. Nur mit Mühe konnte er vor einer Deportierung bewahrt werden. Er durfte das Haus nicht verlassen, am Haustor musste der Judenstern angebracht werden. Der einst so rege Künstler suchte Ablenkung in der Gartenpflege und im Bearbeiten von Bühnenstücken und das Schreiben von so manchem heiterem Gedicht. Sein letztes befasste sich mit der Hauptnahrung dieser Zeit, mit der Kartoffel. Er starb am 29. Oktober 1942 an einem Magendurchbruch und wurde vorerst, da eine Beisetzung am Ober St. Veiter Friedhof nicht möglich war, am Friedhof des Kahlenbergerdorfes beerdigt.
Pepi Kramer-Glöckner und Hans Moser in: "Meine Tochter lebt in Wien" © Bezirksmuseum Hietzing
Für Josefine Kramer-Glöckner ging das Bühnenschaffen weiter und sie wurde auch in zahlreichen Filmen für Episodenrollen eingesetzt. Nach 1945 – nunmehr über 70 Jahre alt – war es ihr vergönnt, das Publikum noch in zahlreichen Rollen und Filmen zu erfreuen. Sie trat mit Johannes Heesters in der Josefstadt auf. Sie filmte mehrmals mit Hans Moser – der mit seiner Gattin in den Jahren 1938-45 ein ähnliches Schicksal wie sie hatte – und war berührend mit ihrer Darstellung kleiner Leute wie als „Altes Weib“ im Verschwender und die kleine Szene im Film „1. April 2000“. Ihre letzte Rolle war die der Großmutter im „Vierten Gebot“. Sie starb 1954 kurz nach ihrem 80. Geburtstag in ihrem Heim in der Winzerstraße und wurde am Ober St. Veiter Friedhof beerdigt. 1955 wurde nach ihr in der Friedenstadt eine Straße benannt.
Das Grab auf dem Ober St. Veiter Friedhof, ganz rechts im Bild. Es liegt auf dem Weg von der Aufbahrungshalle zur Trillsam-Gruft.

Felix Steinwandtner, Bezirksmuseum Hietzing
2003

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