Das Weinhaus Doll am Stock im Weg

Für die Sonderausgabe Nr. 1 des Ober St. Veiter Blattls gesammelte Materialien
1908

Frau Johanna Berg war die Universalerbin des Vermögens von Josef Weidman. Die Liegenschaften am Stock im Weg hatte sie im Jahre 1907 an die Gemeinde Wien verkauft, die damit ihren Wald- und Wiesengürtel vergrößerte.

Der erste Pächter des Areals sollte ein Herr Alfred Doll, bisher Gärtner auf einem Besitz in der Auhofstraße, sein. Unter seinen tüchtigen Händen als Weinschenker und Gärtner wurde das Anwesen zum „Weinhaus Doll am Stock im Weg“. Das Blockhaus wurde in verschiedene kleine Räume (Stüberln) geteilt, davor Tische und Bänke in den Wiesenboden geschlagen und grün gestrichen. Die Anlage befand sich in einem Tal inmitten von Wald und Obstbäumen und war damit kein Aussichtspunkt wie die meisten anderen Ausflugsziele in Ober St. Veit, aber im Frühjahr während der Baumblüte war es eine Pracht.

Die Gäste konnten sich je nach Jahreszeit alle Sorten Obst vom Buffet holen und alle Sorten Blumen und die schönsten Rosen mitnehmen. Zum Trinken gab es in der ersten Zeit Kracherln und Sodawasser, an alkoholischen Getränken nur Wein und für besondere Anlässe wie etwa zum Silvester auch Sekt. In späteren Jahren wurde auch Flaschenbier und reichliche kalte Küche („Landgeselchtes“), bei besonderen Anlässen auch warme Küche angeboten. Veranstaltet wurden Wohltätigkeitsfeste, Flieder-, Rosen-, Weinlesefeste und im Fasching der Hausball.

Der Betrieb wurde zu einem beliebten, in ganz Wien bekannten Ausflugsort, an schönen Sonntagen kamen oft bis zu 1000 Gäste. Die ganze Familie packte zu: die Gattin Katharina Doll, drei Töchter und zwei Söhne. Den reichlichen Besucherstrom nützte auch ein Fotograf, der sich in einer Hütte schräg gegenüber der Kapelle einquartiert hatte.

Bald wurden die Räume zu klein und Herr Doll ließ einen großen Saal in Naturholz errichten. Eine auf einem Baum in der Nähe des neuen Saales angebrachte Sage sollte ihm den Namen geben: „Lindwurmsaal“.

In ihr wird von einem im Jahr 1115 Unheil verbreitenden giftigen Lindwurm berichtet, der, in einem hohlen Baum hausend, das Leben von Mensch und Tier bedrohte. Erst dem heiligen Vitus sei es gelungen, das siebenköpfige Ungeheuer zu töten. Die Herkunft dieser Sage und ihre Anbringung an dem Baum bleiben im Dunkel. Ein auf dem Gemeindeberg bestandener Wehrturm, der in seinem halbverfallenen Zustand durchaus einem hohlen Baum geähnelt und allerlei die Umwelt plagendes Gesindel beherbergt haben könnte, gibt einen denkbaren wahren Kern. Die Sage ist in Verse gefasst, hier der Wortlaut der ältesten mir bekannten Version:

Als man schrieb 1115 Jahr
Allhier ein großer Stock im Wege war
Des war ein hohler Lindenbaum hoch wie ein Turm
Der barg in seinem Bauch ein’ gift’gen Lindenwurm
Der reckt die Zung’ aus sieben Köpfen raus
Und spie aus sieben Rachen Feuer aus
Er fraß den Mann, den Stier, das Kind
Die Kuh, die Frau und das Gesind
Und alle beteten zu Gott,
Dass er befreit sie dieser Not!

Da kam von drent der streitbare St. Veit
Von seiner Einsiedelei war es nicht weit
Der hat das +++Teufels Vieh geräuchert und besprengt
Dass es sogleich sein sieben Köpf gehängt
Und durch des Exorzismus Macht
Hat er es glücklich umgebracht.
Der Stock im Weg war nun befreit,
Des lobt Sankt Veit man alle Zeit!!!

Niedergeschrieben wurden solche Sagen meist zu Zeiten Maria Theresias mit der Einrichtung der ersten Pflichtschulen. Leider wurden sie dabei oft ausgeschmückt oder umgeschrieben und ihr historischer Legendenkern eher verschüttet als freigelegt. Dem Stil und der religiös-belehrenden Ausrichtung nach kann sie der Feder irgendwelcher Kirchenmänner zugeordnet werden. In diesem Zusammenhang ist an die beiden Ober Sankt Veiter Einsiedlerbrüder am Gemeindeberg zu denken.

Das neue Saalgebäude brannte bereits 1935 ab und wurde 1936 etwas nordwestlich davon neu errichtet, der große Raum im ersten Stock wurde wiederum „Lindwurmsaal“ benannt. Es handelt sich um das noch heute existierende Gasthaus Lindwurm.

Anlässlich des 70. Geburtstages von Herrn Doll wurde ein großes Fest gegeben, viele Persönlichkeiten wie die Schauspieler Kramer, Kramer-Glöckner, Glawatsch und Söhnke waren gekommen. Zur Erinnerung an dieses Fest ließ Herr Doll von einem der Stammgäste – Bruno Zach – Medaillen aus Gold und Silber prägen und verteilte sie an ausgewählte Gäste.

An eines der Namenstagsfeste erinnert das „Stock im Weg - Lied“, getextet von Franz Fux und vertont von Franz Ed. Wunsch. Gesungen hat es damals Theo Nickl.

Mit seinem Tod im Jahre 1943 verlor Ober St. Veit einen originellen, humorvollen Menschen. Das Weinhaus wurde von Frau Katharina und Sohn Alfred bis zum traurigen Ende weitergeführt.

Im April 1945 wurde das Haus von den über den Tiergarten kommenden Russen sofort beschlagnahmt. Kurze Zeit später wurde Herr Alfred Doll Junior bei einem unglücklichen Vorfall tödlich verletzt. Eine Kugel war durch ein Fenster in das Wohnhaus der Familie in der Veitingergasse 74 gedrungen.

In der weiteren Folge wurde das Weinhaus von anderen Pächtern übernommen und verändert. Sie blieben allerdings erfolglos und es fand sich dann für lange Zeit kein Pächter mehr. Das alte Weinhaus fiel bald der Spitzhacke zum Opfer. Der Obststadl als letztes original Weidmansches Gebäude (mit Ausnahme der Weidmankapelle) brannte 1968 ab. Irgendwann in diesem Zeitraum kam auch das – mittlerweile schon sehr desolate – alte Lindwurmschild abhanden.

Quellen:
Erhard Dollinger: Die Lindwurmsage, in Wiener Geschichtsblätter 2001, Heft 4;
Julius Hirt: Vergangenheit und Gegenwart ... Ober St. Veits, 1955;
Gerhard Weissenbacher: In Hietzing gebaut, 1996.

hojos
2004, korr. 2006

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