Friedrich Julius Bieber zur Erinnerung

In Frankfurt wurde ein bisher in Wien unbekannter Nachruf von Leo Frobenius auf Friedrich Julius Bieber entdeckt.
25.01.2017

Leo Frobenius (* 29. Juni 1873 in Berlin; † 9. August 1938 in Biganzolo, Italien) war ein Autodidakt wie Friedrich Julius Bieber und wurde zu einem bedeutenden und für viele seiner Nachfolger prägenden deutschen Ethnologen und Afrikaforscher. Sein erstes wissenschaftliches Werk über den „Ursprung der afrikanischen Kulturen“ erschien 1898. Von 1904 bis 1935 führten ihn Forschungsreisen in verschiedene Gegenden Afrikas. Sein 1898 in Berlin gegründetes „Afrika-Archiv“, das 1920 als „Institut für Kulturmorphologie“ nach München und 1925 nach Frankfurt übersiedelte, besteht als „Frobenius-Institut“ bis heute. Leo Frobenius wurde 1932 Honorarprofessor an der Universität Frankfurt und 1935 Direktor des Städtischen Museums für Völkerkunde.

Als einer der ersten Europäer – und für seine Zeit höchst ungewöhnlich – sah Leo Frobenius die afrikanische und die europäische Kultur gleichwertig. So wurde er zu einem Kronzeugen der „Négritude“, deren Protagonisten die Wiedergewinnung eines kulturellen Selbstbewusstseins der Afrikaner anstrebten. Allgemeine Anerkennung findet seine Sammlung ethnographischer Daten und mündlicher Traditionen sowie die umfassende Dokumentation afrikanischer Felsbilder, in denen er eine Art „Bilderbuch der Kulturgeschichte“ sah. Ein großer Teil seiner Feldnotizen und die von seinen Reisebegleitern geschaffenen Bilddokumente (Zeichnungen, Aquarelle, Fotos) sind im Frobenius-Institut erhalten.

Die Interessenskongruenz führte Leo Frobenius und Friedrich Julius Bieber zwangsläufig zusammen. Ein erstes persönliches Zusammentreffen nach jahrelangem schriftlichem Kontakt ist allerdings erst für das Frühjahr 1922 dokumentiert, als Friedrich Julius Bieber in Bayrisch-Gmain Leo Frobenius, dessen Familie und weitere Mitglieder des „Kulturmorphologischen Institutes“ persönlich kennen lernte. Dort soll sich der 49-jährige Friedrich Julius Bieber für die frühzeitige Pensionierung entschlossen haben, um sich ganz der wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können. Ende Jänner 1923 war es soweit, und bald darauf übersiedelte er nach Nymphenburg bei München, wo im Schloss das Kulturmorphologische Institut untergebracht war. Dort konnte er in einem großen Kreis arbeiten und hatte die Hoffnung, noch einmal nach Afrika zu kommen. Die Lebensumstände waren dort allerdings viel dürftiger als in Österreich, wo die schlimme Nachkriegszeit bereits überwunden war. Nach ungefähr einem Jahr kehrte Friedrich Julius Bieber wieder nach Wien zurück. Über die Früchte dieser Arbeit in München ist noch zu forschen. Im letzten dokumentierten Schreiben vom Jänner 1924 bittet Leo Frobenius Friedrich Julius Bieber jedenfalls um die Mitarbeit an einem Buch. Dazu kam es aber nicht mehr, da Friedrich Julius Bieber am 3. März 1924 verstarb.

Frau Dr. Sayuri Yoshida, die sich zur Zeit u.a. im Bezirksmuseum Hietzing intensiv mit den Sammlungen zu Friedrich Julius Bieber beschäftigt, hielt sich auf ihrer Rückreise von Wien nach Japan zwei Tage in Frankfurt beim Frobenius-Institut auf. Dort fand sie unter anderem einen Nachruf von Leo Frobenius auf Friedrich Julius Bieber anlässlich dessen 10. Todestages. Dieser fasst das Wesen und die Bedeutung des berühmten Ober St. Veiters in sensationeller Dichte und Eindringlichkeit zusammen. Damit ist er ein leuchtender Stern im Dunkel der überschaubaren Würdigungen aus einer Zeit, als man aus einer verarmten Mittelschicht stammende Autodidakten nur selten anerkannte. Hier der volle Text des Nachrufes:

„Es jahrzehntet sich, dass ein österreichischer Afrikaforscher verschied, dessen Name der Mitwelt kaum bekannt, der Nachwelt aber einstmals als der eines bedeutenden Gelehrten vertraut sein wird. Friedrich Bieber wurde am 24. Februar 1873 geboren, empfing die Neigung für seine große Lebensaufgabe schon in der Volksschule und seine autodidaktische Ausbildung als Lehrling bei einer Buchhandlung. Bieber hatte eine schwere Jugend, hat arg ringen müssen, bis er seine Stellung im Handelsministerium (1894) errungen hatte, war in nichts eine Kämpfernatur und hat sich Schritt für Schritt sein Wissen errungen. Mehrere große Geschenke hat ihm aber die Natur mit in die Wiege gelegt. Einmal eine in Breite und Tiefe gehende Sprachbegabung. Zum anderen eine große, besonders auf Wanderungen und Reisen zu Tage tretende Beobachtungsgabe. Drittens eine wundervolle Fähigkeit zur Hingabe, die nicht nur in der Intimität des Arbeitens, sondern auch in prachtvoller Freundschaft und Opferfreudigkeit zum Ausdruck kam. Friedrich Bieber hat sein eigentliches Lebensziel im Grunde genommen mit der Veröffentlichung seines Kaffawerkes erreicht gehabt. In diesem Sinne hat er sich den ihm näher stehenden Freunden wie Georg Schweinfurt[h] und mir gegenüber auch ausgesprochen. Übrigens fühlte er sich nicht nur entsprechend, sondern er war in der Tat eine echt Raabische[?] Figur: ein in tausend Idealen verfangener, im allgemeinen stiller, in der Freude höchstens vergnügter, vor allem aber ein resignierender Mann. Wir hatten ihn alle sehr lieb, und es erfüllte nur immer mit Wehmut, dass er im Stillen wohl die Rolle eines Heroen im Lebenskampfe erhoffen, nie aber erreichen konnte. Er „ertrug“ vieles ein Leben; ich habe aber niemals ein Anzeichen durchgreifender Verbitterung an ihm wahrgenommen.

Bieber war im idealsten Sinn ein Held wissenschaftlichen Schaffens: Zwei Dokumente hat er hinterlassen, von denen das eine gesichertes Allgemeingut geworden ist, während das Geschick des anderen wohl noch in der Luft schwebt. Dieses andere ist eine Bibliothek aller Schriften über das äthiopische Abessynien, das eine aber das zweibändige Standardwerk „Kaffa“. Es ist dieses eines der bewunderungswürdigsten Monumente, die die Forschungsgeschichte Afrikas überhaupt hinterlassen hat. Auf zwei Reisen hat er das Material in vordem so gut wie unbekannten Heimatland des Kaffeebaumes gesammelt und dann in über ein Jahrzehnt langer Arbeit gestaltet. Diese Monographie ist einer der Eckpfeiler der Kulturkunde Afrikas.

Friedrich Bieber wird der Nachwelt der Schöpfer dieses Werkes sein, uns hat er aber die Erinnerung an eine der liebenswürdigsten und treuesten Figuren der Deutschen Forschungsgeschichte hinterlassen.

Frankfurt, 3. März 1934
Frobenius“

Friedrich Julius Biebers Bibliothek mit über 1.000 Aufsätzen, Büchern und Karten war gleich nach seinem Tod aus wirtschaftlichen Gründen und über Vermittlung des Naturhistorischen Museums nach Hamburg verkauft worden. 1974 wurde sie in unbearbeitetem und desolatem Zustand von der Hamburger Commerzbibliothek an die Staats- und Universitätsbibliothek weitergegeben.

Bei dem „Eckpfeiler der Afrikakunde“ handelt es sich um das von Friedrich Julius Bieber 1920 und 1923 veröffentliche zweibändige Werk: „Kaffa. Ein altkuschitisches Volkstum in Inner-Afrika. Nachrichten über Land und Volk, Brauch und Sitte der Kaffitscho oder Gonga und das Kaiserreich Kaffa.“ Dass die Bedeutung Friedrich Julius Biebers im europäischen Kulturbetrieb nach wie vor nicht voll erkannt wird, zeigt der simple Umstand, dass es bis heute keine englische Version dieses Werkes gibt.

Informationen zur jüngsten Biografie über Friedrich Julius Bieber gib es HIER.

hojos
im Jänner 2017

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