Der Makart - Festzug

Festzug zur fünfundzwanzigjährigen Vermählungsfeier des ALLERHÖCHSTEN KAISERPAARES veranstaltet von der Haupt- und Residenzstadt Wien, April 1879
27.04.1879

Wir haben den Bericht aus der Neuen Freien Presse vom Montag, den 28. April 1879 mit unveränderter Rechtschreibung auf diese Internetseite übertragen. Auf den Bericht folgen Photographien der Original-Entwürfe von Professor Hanns Makart. Zu einem Artikel mit Ober St. Veiter Blitzlichtern inklusive einiger Erläuterungen zu diesem Festzug kommen Sie HIER.

Makart-Festzug aus Anlass der Silberhochzeit des Kaiserpaares. Portraits des Allerhächsten Kaiserpaares auf dem Bildband zum Makartfestzug © Archiv 1133.at

Der Festzug der Stadt Wien.
Wien, 27. April
 

Einleitung. 

Wien, unser schönes, fröhliches, kunstsinniges Wien hat sich heute um den Namen der Kaiserstadt, den es mit Stolz trägt, wohl verdient gemacht. Wie festlich, wie herzlich, wie großartig auch die Huldigungen waren, welche diese Woche hindurch dem Kaiserpaare dargebracht wurden: die Huldigung des Wiener Bürgerthums hat sie alle übertroffen. Das Schönste und Beste, was die Reichshauptstadt bieten konnte, brachte sie als Festgabe dar: sich selbst. Kunst, Wissenschaft, Handel, Gewerbe, Industrie, Alles, was den Reichthum, die Kraft und den Stolz unseres Landes ausmacht, wirkte zusammen, um von der Vaterlandsliebe und Kaisertreue des Wiener Bürgerthums Zeugniß abzulegen, und ein Schauspiel entfaltete sich in den festlich geschmückten Straßen, das sich unauslöschlich in der Erinnerung eines Jeden einprägte, der es gesehen, und welches die Brust desjenigen, dem es gilt, mit frohem Selbstgefühl erfüllen mußte. Vieles von dem, was die Geschichtsschreiber den Athenern des Alterthums nachrühmen, steckt auch in dem Volkscharakter der Wiener. Das lebhafte, leicht entzündliche Naturell, das scharfe, verständige Urtheil, das sich am liebsten in einem übermüthigen Witzworte äußert, und vor Allem der edle Geschmack, die reine, ursprüngliche Freude am Schönen macht die Wiener den Mitbürgern des Perikles nahe verwandt. Dieses Volk, auferzogen im Anblicke einer verschwenderisch schön ausgestatteten Natur und reich begabt mit dem Sinne für die veredelnde Kunst, konnte und wollte sich bei der Aeußerung seiner Liebe und Treue nicht mit den gemeinhin üblichen Zeichen der Huldigung begnügen. Künstlerisch und von der Idee des Schönen beherrscht musste sich die Kundgebung des Wiener Volkes gestalten. So entstand der Gedanke zu dem großartigen Huldigungs-Festzuge der Stadt Wien. Nicht blos die ernste Bürgertugend, auch die Musen und Grazien standen an seiner Wiege.

Und wie wurde dieser herrliche Gedanke ausgeführt! Was das gierige Auge im Momente zu verschlingen, was der beflügelte Stift des Reporters in der Hast des Augenblicks zu verzeichnen vermochte, das den Lesern durch die nachfolgenden Schilderungen zu vermitteln, haben wir uns redlich bemüht. Wer aber vermag es, von der Schönheit der Formen, von dem Glanz der Farben, von der kunstvollen Gliederung der Massen auch nur annähernd ein Bild zu entwerfen? Und wer schildert das Brausen und Wogen des ringsum brandenden Oceans von Menschen? Ein wandelndes Gedicht war dieser Festzug, erträumt, verflossenen Jahrhunderten abgelauscht, von der fruchtbaren Phantasie eines großen Künstlers, ausgeführt von einem feinfühligen, kunstsinnigen Volke, dessen Gewerbefleiß die Blüthe der modernen Civilisation erreicht hat und dessen Ruhm darob mit Recht die Welt erfüllt. Nur Einzelnes aus diesem Massenkunstwerke vermögen wir zu vermitteln. Den Eindruck des Ganzen haben Jene allein, welche dabei waren, als der glitzernde, schimmernde, in unendlicher Mannichfaltigkeit und zugleich in einheitlicher Harmonie der Formen und Farben prangende Zug zwischen den architektonisch schönen Linien der Wiener Paläste sich fortbewegte – zu beiden Seiten dichtgedrängt Hundertausende, welche Beifall nickten, klatschten, jubelten, jauchzten – überall freudestrahlende Augen, wehende Fahnen und grüne Reiser – das Ganze übergossen von Licht und Glanz der Frühlingssonne, die nach langem Schmollen doch den Wolkenvorhang aufzog und den Wienern half, ihren Kaiser zu grüßen.

Daß dieses Alles seinen Höhepunkt erreichte, als der Zug auf dem Festplatze anlangte und seine ganze Herrlichkeit vor dem Monarchen entfaltete, dem die Feier galt, braucht kaum hinzugefügt zu werden. Hier gewann das prächtige Bild erst Sinn und Bedeutung. Als der hundertstimmige Chor der Männer verstummt war und der Zug vor den Augen des Kaisers sicht entfaltete, wurde man erst der Größe der Huldigung sich bewusst. Von hunderttausend Lippen widerhallten die jauchzenden Jubel- und Hochrufe der Studenten und Sänger, die Bannerträger schwenkten die Fahnen, im Morgenwinde wehten die weißen Tücher der Damen, und Alles neigte sich in Ehrfurcht vor dem Kaiser und der Kaiserin, die gehobenen Herzens die Zeichen der Verehrung ihrer treuen Bürger entgegennahmen. Und als der Kaiser selbst zu seinem Volke herniederstieg, die Hand des Bürgermeisters ergriff und in zwanglosen Worten seinen Dank aussprach, brauste verdoppelt und verzehnfacht der Jubel durch die Massen, die so leicht zu beglücken sind.

Ohne Störung, in bester Ordnung ging das Fest vorüber. Es bedurfte kaum der öffentlichen Macht, um trotz des Zusammenflusses unabsehbarer Menschenmassen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Auch das ist eine der liebenswürdigsten Eigenschaften unserer Bevölkerung, dass sie sich selbst zu regieren weiß und daß ihr Ausschreitungen verhaßt sind. Wien besitzt, wie alle großen Städte, Volk, aber es hat keinen Pöbel. Das Fest wurde von jedem Einzelnen zu seiner eigenen Angelegenheit gemacht, Jeder setzte in das Gelingen desselben seinen Stolz. Und es ist gelungen. Der Festzug der Stadt Wien war ein Triumph des friedlich arbeitenden Bürgerthums, seines Gewerbe- und Kunstfleißes, und vom Kaiser selbst wurde dies mit Wärme anerkannt. Scheelsüchtige mögen vielleicht an dem Luxus Anstoß nehmen, der dabei entfaltet wurde; aber wir glauben, dass es einem hochentwickelten Volke Bedürfniß ist, in angemessenen Zeiträumen sich über des Tages Nothdurft zu erheben und bei feierlichen Anlässen sein Können und Vermögen zu entfalten. Tage wie der heutige kehren nicht oft wieder. Um so zufriedener darf die Stadt Wien auf ihr heutiges Fest zurückblicken. Es wird künftigen Generationen ein rühmliches Vorbild, den Lebenden eine bleibende und stolze Erinnerung sein. 

Morgenbild. 

Ein herrlicher Frühlingstag! So läutete der Freudenruf, der heute Tausenden von Lippen entschwebte. Denn nach langen und bangen drei düsteren Regentagen begrüßte heute Morgens ein klar blauender Himmel und heiter lächelnder Sonnenschein die Stadt. Die trüben Weissagungen der Gelehrten von der Meteorologie haben sich glücklicherweise nicht erfüllt, und das Volksfest, dessen Schauplatz unsere schöne Stadt heute gewesen, sollte des leuchtenden Sonnenglanzes nicht entbehren, der Alles doppelt schöner erstrahlen lässt.

Als wir um Mitternacht die Ringstraße passirten, begannen schon die Vorbereitungen für den erwachenden Tag. Unterhalb der Tribünen herrschte ein reges Treiben, denn da war eine Art unterirdischer Welt entstanden. In den Gebälken dieser weitläufigen Baulichkeiten wurden förmliche Victualien-Sammlungen, ein Theil jenes Riesenquantums von Eß- und Trinkwaaren angehäuft, welches im Laufe des heutigen Tages den Gargantua-Magen einer nach Hunderttausenden zählenden Volksmenge zu füllen bestimmt war. Kellner, Wirthe, Tribühnenbesitzer begannen ihre Vorbereitungen zu treffen für den kommenden Andrang ihrer Gäste. Dabei fanden sie immer wieder Zeit, den Himmel zu recognosciren, und so standen sie in kleinen Häuflein und blickten empor zur klaren, jungfräulichen Mondscheibe und zur funkelnden, glitzernden Venus, welche goldene Strahlen Apoll’s verkünden. Der Schwarzenbergplatz glich in seiner bunten Beleuchtung einer feenhaften Wandel-Dekoration; der dunkle Schatten der Häusercolosse ließ die verschiedenen Lichteffecte prächtig hervortreten. Das blasse, silbergraue Licht des Mondes schimmerte auf der Kuppel der Karlskirche, in den Giebeln der Häuser, in den Wassern des Hochstrahlbrunnens, in den vergoldeten Spitzen der Blitzableiter; tiefer unten schimmerte aus manchen Fenstern der umliegenden Paläste hinter den purpurnen, blauen und grünen Stores buntes Farbenlicht, das mit dem gelbrothen Scheine der Gaslampen und dem röthlichen Lichte hie und da angebrachter Handlaternen zu einem bezaubernden Bilde zusammenfloß. Darüber wehten bunte Fahnen und Flaggen. Die breite Straße, die der Zug passiren sollte, wurde gespritzt und Kehrmaschinen zogen auf und ab, ihre Arbeit bei Lampenlicht zu verrichten, da der Morgen für die Reinigung des Pflasters keine Zeit ließ. Viele Hausthore standen offen, und unter den Thoreingängen, sowie in den an der Ringstraße liegenden Gewölben wurden rasch noch Tribünen complicirtester Art erbaut, die einem Schaffot oft ähnlicher sahen, als einem Zuschauertheater und bei deren Besteigung man jedenfalls ein wenig den Hals riskirte. Da wurde gehämmert, gesägt und gehobelt, als gälte es, die Häuser gegen einen anstürmenden Feind zu verbarricadiren. Noch standen die Tribünen leer, ein zweites, freilich nur hölzernes Colosseum, gewärtig der Zehtausende, die es aufnehmen sollte, und schon wanderten Einzelne mit Knotenstock und Victualienvorrath stilleifrig hinab zum Prater, um noch vor Absperrung desselben in seinen weiten Räumen Unterkunft zu finden, da sie wol mit Recht fürchteten, die Ringstraße werde für die Menge der Gratiszuseher zu eng werden.

Es war von höchstem Interesse, das Erwachen der Stadt an diesem Morgen zu belauschen. Man hat heute Nacht in Wien sehr unruhig geschlafen, die Spannung auf das Festschauspiel war zu groß. Schon um 4 Uhr Morgens regten sich tausend geschäftige Hände, um noch auf Häusern und Tribünen den letzten Schmuck anzulegen, den man den Unbilden der Witterung nicht hat aussetzen wollen. Die Giebel der Häuser waren vom rosigen Schein der Frühlingssonne übergossen, die noch nicht hoch genug gestiegen war, um ihre Strahlen auch auf die Straßen selbst senden zu können. So schwamm die Stadt in einem Meer von Gold und Azur. Selten sah man dieselbe um diese Stunde schon derart belebt, wie heute. Die Festesaufregung trieb Alles vorzeitig aus den Betten, denn um 5 Uhr war der Verkehr in den Straßen so lebhaft, wie sonst nur in den geschäftigsten Stunden des Vormittags oder Abends. Der Sonntag trug redlich das Seinige zur Vermehrung der Menschenmassen bei. Aus den Vororten und Vorstädten kamen die Bewohner zu Tausenden hervorgepilgert mit Kind und Kegel, im besten Staat, in fröhlichster Laune und mit der Spannung der Neugierde auf den Gesichtern. Der Tribünen-Gürtel, welcher von der Augartenbrücke bis zum Praterstern die Stadt umschloß, war endlich vollständig gerüstet und geschmückt. Nervöse oder allzu vorsichtige Miether von Tribünenplätzen saßen schon um diese Zeit auf ihrem theuer genug bezahlten Fleckchen und betrachteten im Selbstbewußtsein des erlegten Entrées das Gewimmel da unten auf der Straße. Zur selben Zeit rückte auch das Militär in Parade aus, welches dazu bestimmt war, durch ein Spalier die Ordnung zu ermöglichen; desgleichen die Mannschaft von der Sicherheitswache. Artillerie, Jäger, Infanterie und Dragoner zu Fuß lieferten ziemlich gleiche Contingente, und als um 7 Uhr der Ring wie die Praterstraße für den Verkehr abgeschlossen werden mußten, war das Riesenspalier bereits in musterhafter Ordnung festgefügt.

Es war auch hoch an der Zeit, denn die Bevölkerung, welche sich den Luxus eines Tribünensitzes zu gönnen nicht in der Lage ist, war bereits in solchen Massen auf den Straßen angesammelt, daß eine sicher waltende Fürsorge zur Aufrechterhaltung der Ordnung unbedingt nöthig erschien. Das Militär wie die Mannen der Polizei verfuhren mit den Leuten in freundlicher, rücksichtvoller Weise; ebenso waren die Neugierigen zwar sehr beflissen, sich in die vordersten Reihen zu drängen, allein für den gut gemeinten Zuspruch zugänglich. Es wurde musterhafte Ordnung gehalten, und die oft verspottete, aber nicht genug zu schätzende Gemüthlichkeit der Wiener trug ihre besten Früchte. Wie werthvoll diese gutmüthige Haltung der Bevölkerung in kritischen Augenblicken sein kann, zeigte sich recht deutlich zwischen 7 und 8 Uhr bei der Passage zwischen Stadt und Leopoldstadt. Die Aspernbrücke war bereits abgesperrt, und Viele, welche, von der Ringstraße kommend, den Umweg über die Ferdinandsbrücke nicht machen wollten, drängten zur Ueberfuhr unter den Weißgärbern. Hier, wo selten mehr als acht bis zehn Personen einsteigen, standen nun enggekeilt über hundert Personen, welche Alle zugleich vom Landungsplatz ins Boot gelangen wollten. Kein Sicherheitsposten war an diesem wichtigen Platze zu sehen, und es war kein behagliches Gefühl für die Passagiere des Bootes, Kopf an Kopf gedrängt mit großer Überfracht den Donaucanal passiren zu müssen. Das Publicum regulirte schließlich die Anzahl der Passagiere selbst, da die zwei Fährleute außer Stande waren, dem mit jeder Minute wachsenden Ansturm der Menschen am schmalen Landungsplatze Stand zu halten. 

 * * * 

 Der Erfindungsgeist derjenigen, welche sich von diesem Tage Nutzen versprachen, ruhte heute keinen Augenblick. Fliegende Wirthschaften wurden hinter der Tribünenfront errichtet, und einige Fest-Cantinen-Besitzer schrieben auf ihr kleines Schild: „Hier ist echtes Kaiserbier zu haben.“ Gestern Abends, als das Wetter sich klärte, war eine stürmische Hausse in Tribünensitzen eingetreten. Solz wie Theater-Cassiere bei einem Zugstücke, annoncirten heute Morgens die Tribünenpächter auf ihren reichgeschmückten Holzbauten: „Alle Sitze sind verkauft!“ Eine komische Speculation war der Verkauf kleiner ambulanter Tribünen, niedliche Leitern, welche Tragbänder statt der Sprossen in Charnieren hatten und zu drei Gulden per Stück ausgeboten wurden. Der Verkäufer, um die Passanten anzulocken, sprang jeden Augenblick auf seine kleine Privat-Tribüne, ohne indeß, wie uns schien, durch dieses Stratagem viele Käufer anzulocken.

Gefährte aller Art und Construction rollten um diese Zeit die Straßen entlang hinab in den Prater; die Insassen waren Theilnehmer am Festzug, den man somit gleichsam in seine Atome aufgelöst schon jetzt betrachten konnte. Es nahm sich seltsam genug aus, in den modernen Wagen die Gestalten in den Costümen längst verflossener Jahrhunderte zu sehen. Hier guckte aus dem Fenster eines bescheiden dahinstrebenden Einspänners ein Zeitgenosse Guttenberg’s; da spreizte sich im offenen Landauer ein reicher Goldschmied des Mittelalters. Schöne Mädchen und liebliche Kinder in allerlei Trachten zogen an uns vorüber an das Ziel ihrer heutigen Bestimmung. Die Veteranen und Schützen mit ihren Fahnen, die Innungen und Gewerke mit ihren Abzeichen pilgerten zu Fuß hinab zum großen Stelldichein im Prater.

Um 7 Uhr war auch dieser Aufmarsch vorüber, und die lange Zeile der Ringstraße war um diese Zeit wie geometrisch abgecirkelt; in der Mitte der endlos lange und freigehaltene Plan für den Festzug, dann zu beiden Seiten das militärische Spalier, hinter diesem die tausendköpfige Zuschauermenge die Stehenden in dicht zusammengedrängten Massen, nach dieser die estradenförmig aufsteigenden Tribünen und diese endlich begrenzt von den geschmückten, fahnenbehangenen und reich drapirten Palästen des Ringes. Der praktische Sinn feierte auch seine Triumphe; kein Giebel und kein Baumast, keine Thoreinfahrt und kein Brückenpfeiler war unbenützt geblieben, die nur einigermaßen freien Ausblick auf das zu erwartende Schauspiel gewährten. In den Ketten der Aspernbrücke, auf den Pfählen der Laternen sah man muthige Festmenschen; Einige hatten sich sogar in den erwähnten Ketten der Aspernbrücke ein Lager aufgeschlagen, wo sie die Nacht zubrachten, um sich ja des Plätzchens zu vergewissern. Still war es blos in den vornehmen Quartieren der inneren Stadt; die Bewohner hier schliefen noch im Bewußtsein ihrer Ringstraßen-Balcons und -Fenster.

Nicht blos auf dem Ring und in den Vorstädten, auch in den Ortschaften außerhalb der Linie herrscht seit frühestem Morgen reges Leben. Hernals, Ottakring, Neubau Währing sind beflaggt. Die neuen Staatsgebäude wie die Sternwarte haben Fahnen- und Reisigschmuck angelegt, und diesem Beispiele folgend, hat auch das zu Füßen der Sternwarte freundlich anmuthend gelegene Cottage-Viertel seine Villen festlich aufgeputzt. Von 5 Uhr ab strömt es förmlich gegen die Stadt. Colonnenweise ziehen Gäste zu dem Schauplatze, den der Festzug passirt: eine Wallfahrt von Familien. Einzelne der Auszügler sind bepackt, als ob es auf eine weite Reise ginge. Sie tragen das Nöthige mit, um die Kosten für die Restaurateure zu sparen. Männer, Frauen und Kinder sind festlich geputzt. Die Wiener Fröhlichkeit lacht von allen Gesichtern, und das Lob des herrlichen Wetters klingt von allen Lippen. So ausgestorben sind gegen 8 Uhr die Vororte, daß die Sicherheitswache Vorsichtsmaßregeln trifft. Schon gestern wurden von Haus zu Haus warnende Boten gesendet, damit die Besitzer für den Schutz der Häuser Sorge tragen und die Gebäude nicht völlig leerstehen lassen. Ein ähnliches Bild tiefster Ruhe bot die innere Stadt.

Während sich vor dem Ausmarsche und in der Zeit des Umzuges des Festzuges ein lebender Wall, gebildet von einer Bevölkerung, die jener eines deutschen Kleinstaates an Zahl gleichkam, um die Stadt gebildet hatte, schien diese selbst und ebenso die Vorstädte in tiefsten Schlaf versunken. Sämtliche Kaufläden waren gesperrt, die Hausthore meist geschlossen, der Wagenverkehr gänzlich eingestellt, und da die activen und passiven Theilnehmer an diesem grandiosen Schauspiele bereits in den frühesten Morgenstunden aufgebrochen waren, um ihren Plätzen zuzueilen, so waren um die achte Morgenstunde die Straßen bereits wie ausgestorben. Die Gewölbwächter hatten heute ausnahmsweise den Dienst der patrouillierenden Sicherheitswache übernommen und machten die Runde in den stillen Straßen, in denen oft nach langen Pausen erst eine menschliche Gestalt wieder auftauchte, deren Schritte bis in die letzten Stockwerke widerhallten. Ganz seltsam beschlich es den einsamen Wanderer durch die Stadt, welche, wäre nicht der glänzende Häuserschmuck ein gewichtiger Zeuge für das herrlichste Fest gewesen, eher an einen vom Feinde bedrohten und verlassenen Ort mahnte. Die Hausbesorger hielten fast überall treue Wacht. O Petersburg, wie magst du ruhig sein, wenn deine Hausbesorger ebenso pünktlich und gehorsam vor – den Hausthoren sitzen und Wache halten, wie es heute die Hausbesorger der Stadt Wien gethan haben! 

Im Prater. 

Nur wenige der alten Baumriesen des Praters haben ein farbenprächtiges, glänzenderes Bild gesehen, als es sich heute unter ihrem Blätterschmucke entwickelte. Jahrhunderte sind vergangen, seit zum letztenmale die Herzoge von Oesterreich in prunkendem Jagdzuge unter lustigen Fanfaren auf seinen Gründen des edlen Waidwerkes pflogen. Seither bewegte sich wol jahraus jahrein eine geputzte Menge erst in Perrücke und Reifrock, dann in nüchterner, eintöniger, bürgerlicher Alltagskleidung in den regelmäßigen Alleen und auf den abgecirkelten Wiesen. Die Pracht der alten Tage aber war verschwunden. Heute sollte sie wieder für mehrere Stunden aufleben. Ein Meister der Kunst war es, der das Zauberwort sprach und der es verstand, die Geister, die er beschworen, zu beherrschen – Makart, dem es heute gelang, ein lebendes Bild zu schaffen, großartiger und bezaubernder, als er es je auf die Leinwand geworfen.

Die Sonne war kaum über den Horizont emporgestiegen, als sich der Prater belebte. Er war für diesen Morgen nur gegen Vorweis von Passirscheinen zu betreten. Um halb 5 Uhr fand sich der Festordner, Architekt Streit, mit den ihm beigegebenen Organen auf dem Sammelplatze der Festzugstheilnehmer ein.

Um 5 Uhr wurden die Festwagen unter Aufsicht von Ingenieuren aus den Hallen der Rotunde geschoben und auf die ihnen schon früher bestimmten Plätze gefahren, wo sie den Sammelplatz für die einzelnen Gruppen bildeten. Mittlerweile hatte sich das Festzugsterrain mit Menschen gefüllt. Aus allen Richtungen strömten Theilnehmer des Festzuges und Zuschauer zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde herbei. Die schweren Pferde mit ihren herrlichen, reich ausgestatteten Geschirren wurden vor die Festwagen gespannt, die Reitpferde in prunkvollen, mit Gold und Silber überladenem Reit- und Zaumzeug vorgeführt und die letzten Adjustirungs-Aenderungen vorgenommen. Um 7 Uhr langte ein Extrazug der Verbindungsbahn nächst dem Viaducte an. Er brachte zahlreiche Cavaliere und die Theilnehmer des Jagdzuges, welch Letztere, nachdem sie sich im Fürst Schwarzenberg’schen Palais gesammelt und angekleidet hatten vom Südbahnhofe aus die Verbindungsbahn benützten, um auf den Sammelplatz zu gelangen. Zur selben Zeit rückten aus verschiedenen Richtungen Vereine unter klingendem Spiele nach ihren Aufstellungsplätzen. Der Kreis des zusehenden Publicums wuchs von Minute zu Minute, und es schien, als hätte sich hier der größere Theil der hauptstädtischen Bevölkerung ein Rendezvous gegeben.

Es herrschte ein unbeschreiblich bewegtes Leben, ohne daß die Ordnung im mindesten gestört worden wäre. Die Dispositionen des Festleiters waren eben so klar, präcise und trefflich ertheilt und so gewissenhaft durchgeführt worden, daß selbst eine Nachhilfe für das Einhalten der Anordnungen überflüssig erschien. Von 10,000 Theilnehmern am Festzuge kannte Jeder seinen Platz, fügte sich willenlos den früher getroffenen Anordnungen und ermöglichte es auf diese Weise, daß der Festzug ohne irgend welche Störung in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit rangirt und zum Abmarsche gestellt war.

Die costümirten Damen versammelten sich bei einem Restaurant in einem für sie bereitgehaltenen Salon und harrten in Spannung und Aufregung des Signals, das sie auf ihre Plätze rufen sollte. Nur die Damen der Gruppe des Gartenbaues hatten schon um halb 8 Uhr die Plätze auf ihrem Prachtwagen eingenommen. Die Repräsentantin der Flora – eine junonische Gestalt von blühender Schönheit – in Rosa-, mit kirschrothem Sammte geputzter und reich mit Gold durchwirkter Seidenrobe nach der Mode des sechzehnten Jahrhunderts, und im breitkrämpigen, mit rothem Sammt ausgeschlagenen Strohhute – strahlte als wahre Blumenkönigin auf ihrem Sitze und fesselte die Blicke der Zuseher nicht weniger, als der reiche Blumen- und Blüthenschmuck, der sie umgab.

Eines der interessantesten und belebtesten Bilder bot um diese Zeit das Gasthaus „zum Eisvogel“, in welchem sich ein großer Theil des costümirten Jagdzuges, sowie zahlreiche andere Theilnehmer im Costüm eingefunden hatten, um sich durch einen kräftigen Imbiß für die Strapazen des Marsches zu stärken. Unter Allen hervorragend, nicht nur durch den Werth und Geschmack der Costüme und Waffen, sondern auch durch männliche Schönheit und Kraft fesselten die Grafen Breunner und Wilczek Aller Blicke. Um sie im Kreise herum hatten sich die Mitglieder des costümirten Jagdzuges niedergelassen.

An den Tischen, wo sonst an Sonntagen philiströse Gestalten in Cylinder und Frack sich des Lebens freuen, drängten sich heute glänzende, farbenprächtige Gestalten; wo der Salamihändler seinen Laden aufzuschlagen pflegt, hatten heute die Falkoniere ihre Falken aufgestellt. Neben dem Edelmann mit der Stahlhaube, dem breitkrämpigen Sammthut mit wallender Feder, dem künstlich geschnitzten Elfenbeinhorn, den goldgestickten Sammtgewändern und den echten, von den Vätern überkommenen Waffen fanden sich die Rüdenknechte und Waldjungen zu einem Bilde zusammen, das des Pinsels eines Meisters würdig gewesen wäre. Namentlich waren es einige alte Gemsenjäger, die den Siebziger weit überschritten hatten und denen das Haar schneeweiß unter der Stahlhaube hervorquoll, welche der Künstler mit seinem Auge für den Zug gewählt hatte. Das unrasirte, mürrische Gesicht des Einen paßte nicht weniger trefflich in den Rahmen des Bildes, als die heiteren, freundlichen Züge des lebenslustigen Alten, der, gleich seinen Genossen in grauen Loden gekleidet, sich des trefflichen Trunkes freute. Armbrüste, Waidpraxen, Hirsch- und Saufänger, Netze und Fallen vervollständigten den Gesammt-Eindruck des prächtigen Bildes. Einen heiteren Eindruck gewährte es, wenn einer der mittelalterlichen Jäger sich eine Cigarre anbrannte oder das Monocle in das von dem breitkrämpigen Sammthute beschattete Auge zwängte.

Aber nicht St. Hubertus allein entsendete seine Jünger in die gastlichen Räume. Neben einem behäbigen, in Weiß und Blau gekleideten Mitgliede der Bäcker-Innung , dessen bedenklich rothe Nase und beträchtlicher Leibesumfang zu beweisen versuchten, daß auch vor Zeiten dieses Handwerk seinen Mann nährte, sahen wir Herolde, Bannerträger, Bürger, Meister und Gesellen in buntem Gemenge dem Naß des Wirthes alle Ehre anthun, welche unsere durstigen Vorfahren dem Safte der Trauben und der Gerste niemals versagten.

Während all dieses Getriebes aber reitete abseits des Weges den Colonnen entlang eine schlanke Reitergestalt mit geistvollem Auge. Es ist Meister Makart, der mit Befriedigung und Selbstgefühl das Werk seiner schöpferischen Phantasie betrachtet. Sowie er der Menge nahe kommt, wird ihm von allen Seiten der Ausdruck freudiger Anerkennung und Bewunderung zu Theil, der sich bei seinen Freunden in Händedrücken, bei den ihm Fernstehenden durch begeisterte Zurufe kundgibt.

Um halb 9 Uhr erhielt die am Ost-Rande der Rotunde aufgestellte erste Abtheilung des Festzuges das Zeichen zum Aufbruche. Der Festleiter hatte bei Bestimmung der Aufstellungsplätze und der Marschlinien für die Festzugstheilnehmer die Rücksicht walten lassen, daß es jeder Abtheilung ermöglicht wurde, die übrigen zu sehen. Die erste Abtheilung nahm, dem entsprechend, ihren Weg längs des Lagerhauses nach der Weltausstellungsstraße, zog in dieser an den Gruppen der costümirten Abtheilung vorbei und passirte wenige Minuten nach 9 Uhr den Viaduct. Allen voran, unmittelbar den Herolden der Stadt Wien folgend, schreiten mehrere tausend Studenten unter lauten, ununterbrochenen Hurrahs. Ein Bannerträger, umgeben von den in voller Wichs prangenden Führern sämmtlicher Burschenschaften und Corps, eröffnete den Zug. Ohne Aufenthalt und Störung schob sich nun eine Abtheilung nach der andern in den Zug ein. Bevor jedoch die letzten Gruppen des Costümzuges den Prater verließen, wurde – es war eben 10 Uhr – der Zug zum Halten gebracht. Um 11 Uhr setzte sich derselbe wieder in Bewegung, und um halb 12 Uhr war die letzte Abtheilung in die Praterstraße eingerückt. 

Der Festzug in Bewegung. 

In den eleganten Palais der Jägerzeile wie auf den zahlreichen Tribünen dieser dem Prater zunächst gelegenen Festzugsstraße hatten sich die Zuschauergäste am frühesten versammelt. Hier erwartete man den Festzug gleichsam aus erster Hand, und jene glücklich situirten Zuschauer, welche den Ausblick von der Mitte der Jägerzeile bis zum Praterstern hatten, konnten die erste öffentliche Regung des Festzuges, der doch endlich aus dem waldigen Coulissendunkel heraustreten mußte, beobachten.

Endlich erklang der Ruf von allen Lippen: „Der Festzug ist in Sicht!“ Die Massen geriethen in heftige Bewegung, die Spannung und Aufregung der ganzen vergangenen Woche schienen sich noch einmal in eine Minute concentriren zu wollen: Wird das Farbenwunder aus dem Mittelalter endlich zur Wahrheit werden? Wird der langersehnte, der vielverkündigte erste Herold, der dem Festzuge als reitender Prologus dienen soll, wird er endlich aus dem Programm und aus dem Zeitungsblatt frisch und frei ins wirkliche Leben springen? Da blitzt es am Saume des Praters goldig auf. Es sind die in Weiß-Roth gekleideten Bläser, welche mit ihren im Sonnenlichte schimmernden Trompeten sichtbar werden. Der stattliche Herold der Reichshaupt- und Residenzstadt – heute verdient sie den vollen Titel – Wien erscheint auf prächtig geschirrtem Rosse; auch er ist in den Farben der Stadt, Roth-Weiß, gekleidet. Sein purpurnes Sammtwamms ist reich mit Silber durchwirkt und weiße Kreuze sind dareingewirkt. Ein Hurrahruf begrüßt den Herold unserer Stadt, und ebenso sympathisch werden die Studenten der Universität, der technischen Hochschule und der Hochschule für Bodenkultur begrüßt.

Es ist ein sinniger Gedanke gewesen, den Festzug der Stadt Wien, welcher die Blüthe der Kunst und des Gewerbes darzustellen hat, durch unsere akademischen Bürger eröffnen zu lassen. Hier schreitet jugendkräftig eine kleine Armee von künftigen Juristen und Medicinern, von Professoren in spe aller Fächer vorüber. Vielleicht sind auch einige künftige Excellenzen darunter; aber heute wandeln sie Alle noch gar nicht beamtenhaft officiell, sondern mit freiem, hellem Auge und froh gemuther Stirne einher. Es waren mehrere tausend Musensöhne die, mit einigen Präsides in voller Wichs an der Spitze, im schwarzen Festkleide vorüberschritten. Die Studenten marschirten flott vorwärts, bis eine Stockung auf dem Schwarzenberg-Platze eintrat, die durch das dort improvisierte photographische Atelier hervorgerufen wurde. Durch diese Störung traten oft längere Intervalle im ganzen Festzuge ein, welche wie eine Feuerprobe für das ganze Unternehmen gelten konnten. Die Herrlichkeiten des eigentlichen Festzuges, jene des costümirten Theiles nämlich, waren so überwältigend, daß Ihre Wirkung durch halb- und ganzstündige Pausen nicht aufgehoben werden konnte.

Als die wackere Schaar der Turner und Schützen erschien, wurde es immer lebendiger im Publicum. Die weiß-roth costümirten Zieler und Warner, die prächtige Musikbande in Schützencostüm wurden schon mit Jubel begrüßt, und lauter Zuruf scholl auch den Schützen, welche zu Pferde dahersprengten, entgegen. Rauschend einfallende Musik erhöhte jedesmal die Stimmung des Zuhörers, und noch mehr Musik hätte keinesfalls geschadet, denn es war nicht eben ein Ueberfluß an musikalischer Begleitung bei dem Festzuge zu bemerken.

An die durch Studenten, Turner und Schützen gebildete Einleitung des costümirten Festzuges schlossen sich die Deputationen der Vereine und gewerblichen Genossenschaften im Festkleide. Wieder eine Armee, und diesmal eine große Armee von Wienern in Frack und Zylinder. Die Wiener Bürger schritten heiter und selbstbewußt einher; sie waren imposant, nicht durch ihre Menge allein, sondern vielmehr durch den Gedanken, der in dieser ausgezeichneten Vertretung des heimischen Gewerbefleißes sich aussprach: eine Coalition des Bürgerthums zu einem festliche Thun, das Kunst und Gewerbe der Stadt in seiner edelsten Blüthe zeigen sollte. Wieder erschallt Musik, und die dritte Abtheilung, der costümirte Theil des Festzuges, beginnt. 

Der Costümzug. 

Die mit Sehsucht erwartete dritte und Hauptabtheilung des Festzuges trat nun glänzend in Action. Sie kam, wurde gesehen und siegte. Ihr voran wurde das Österreichische Reichsbanner, das Banner der Stadt und – zu Ehren der Kaiserin – das Banner der Herzoge in Bayern getragen. Pagen schreiten den Bannerträgern zur Seite, und 15 junge Wiener Bürger in den jenen drei Bannern entsprechenden Farben sprengen zugleich auf edlen Rossen heran. Sie sehen schmuck aus, diese wackeren Kinder der Großstadt Wien in alterthümlichen Costümen – manche junge Dame mochte sich denken, als sie die schlanken und kraftvollen Reiter durch die breiten Festzugsstraßen reiten sah, daß sich heute im hellen Sonnenschein das sogenannte „finstere Mittelalter“ sehr heiter und anmuthig ausnehme.

Um den langen costümirten Festzug zu schildern, müßten wir den Lesern ein ganzes Buch mit eingeschlossenen Malereien von Meisterhand bieten. Alle Zeichnungen, die bisher erschienen, können nur ein schwaches Abbild der leuchtenden Farbenpracht, der entzückenden Mannichfaltigkeit der Costüme geben. Ein großes Gedenkbuch, von Künstlern und Dichtern gemeinsam geschaffen, sollte fürwahr der Nachwelt alle Gestalten dieses unvergeßlichen Schauspiels erhalten. Wir aber werden hier nicht nochmals das Programm abschreiben, welches die vierzig Gruppen des weit über 2000 Theilnehmer haltenden costümirten Zuges unseren Lesern bereits vor acht Tagen ausführlich aufzählte. Während wir noch über die richtige Wahl der hervorstechendsten Gruppen sinnen, sind wir schon mitten drin in all diesen bewegten Gruppen. Munterer Hörnerklang ertönt in dichtester Nähe, und Alles spitzt die Ohren und reckt die Hälse. 

Jagd. 

Da naht ein riesiger Reiter auf einem gewaltigen Fuchshengste; vor ihm schreiten, die Fahne des heiligen Hubertus tragend, zwei Jäger mit der Stirnhaube und dem Sammtbarett, der Jagdzug ist da, und die hohe Gestalt des Führers der Gemsjagd, des Grafen Wilczek sen., in dem grünen mantelartigen Jagdrock kommt in Sicht; ihm folgen die Gemsenjäger in ihrer grau-grünen Tracht, mit eisernen Stirnhauben bedeckt, mit überlangen Schäften, Armbrüsten aller Art, Rauchköchern, Handbüchsen und Bestecken bewehrt, überdies Spanngürtel, Kugelbeutel und Schneereifen tragend. Auch die Waffen, mit welchen die Führer und Jäger der nun folgenden Gruppe der Reis- oder Niederjagd ausgerüstet waren, werden abgelegt ein kleines Arsenal bilden; da sah man leichte Pürschbüchsen, Balluster zum Selbstspannen, Waidpraxen u. s. w.; ganz besonders wohlbedacht mit Mordwerkzeugen aller Art erschien die Gruppe der Hirschjagd, welche Graf Breunner führte, mit einem Barte begnadet, nahezu so lang wie jener, dessen sich dereinst der Goliath an Stärke, Ritter Rauber, erfreute. Der Graf war eine der charakteristischesten Figuren, die wir heute sahen, mit dem breiten Sammtbarett, dem grünen Jagdrock und dem echten Waffenschmuck. In der Koppel prächtiger Schweißhunde, welche dieser Gruppe zugetheilt war, gefiel uns namentlich ein gelber mit schwarzer Nase und faltigem Gesicht. Die durchweg hochgewachsenen, mit der sogenannten Maximilianhaube bedeckten Leute in graugrüner Tracht waren mit Pürschbüchsen mit Luntenschlössern und Radschlössern oder Luntenschlössern mit Pürschstahl mit deutscher Winde, Bolzköchern, Waidpraxen u. s. w. ausgerüstet; einzelne der Waffen zeigten geschmackvoll eingelegte Arbeit. Vor dem Triumphwagen, auf dem der Jagdkönig thronte, ritt Zahnarzt Berghammer in reicher Tracht auf einem prächtigen Schimmel. Der von Zumbusch gebaute Wagen fiel namentlich durch die schlanke Schönheit seiner Form und die stylvolle Decorirung auf, welche auch in der Geschirrung der schönen schweren Pferde, welche ihn zogen, zum Ausdrucke kam. Die Sättel und das Riemzeug der Reckpferde – erstere aus Sammt, letzteres aus farbigem Leder erzeugt – waren strenge im Style der maximilianischen Zeit gehalten. Die Beschirrung nach altdeutschem Style war aus braunem Almunleder erzeugt und mit moosgrünem Tuche besetzt. Die Kummete haben lange Schaufelhölzer, die in Fratzenköpfe enden. Die letzteren waren ebenso wie sämmtliches Beschläge reich vergoldet. Auf dem Metallschnallen und Scheiben zeigten sich eingepreßte Löwen- und Eulenköpfe. Die Kummete waren mit Dachshäuten und Staublappen besetzt. An der Stirnseite guckte, wie aus einer Dickung aus grünem Reisig, ein mächtiger Eberkopf hervor, über welchem sich die edelgewendete Gestalt der Diana ganz in Silber erglänzend erhob, über ihrem Haupte die Mondessichel, in der Rechten einen vergoldeten Bogen, mit der Linken die Leine ihres Windhundes haltend. Der wie eine zierliche Volute leicht geschwungene, reich vergoldete Kasten des Wagens war mit frischem Grün reich geschmückt, das namentlich die dur chbrochene Rückwand buschig deckte und sich darüber gleich einem Baldachin erhob; ein aus Gold- und Siberschnüren gesticktes Jagdnetz hing blitzend darüber, und die Enden der Wand waren durch zwei vergoldete Eberköpfe, welche große Ringe zwischen den Hauern hielten, betont. Das Innere des Wagens war mit Thierfellen aller Art geschmückt, darunter namentlich jene einiger schwarzer und brauner Bären von ungewöhnlicher Größe auffielen. Auf diese Felle, denen die daran gelassenen, wohl montirten Köpfe der gewaltigen Räuber das Ansehen von jüngst erlegter Jagdbeute gaben, waren Polster aus grünem Sammt gelegt, auf denen das Hornquartett Platz genommen hatte. Der Stufenbau, auf welchen der Jagdkönig thronte, war durch ein Paar colossaler Geweihe – Vierzehn- und Sechzehnender – ausgezeichnet. In der nun folgenden Gruppe der Saujagd zogen vor Allem drei in weiße und gelbe Wämmser und Hosen gekleidete Jäger ihrer ungewöhnlichen Breite und Hochstämmigkeit wegen die Aufmerksamkeit auf sich, dann der Rüdenmeister mit der Goliathgestalt und Rittmeister Buchwald, der die Gruppe führte, sich auf einen mächtigen „Zweihänder“ stützend; einzelne Schweinsfedern und Sauschwerter an der Ausrüstung waren bemerkenswerth. Bei der „Bärenjagd“ waren gleichfalls lauter stämmige Leute, einzelne unter ihnen führten Bärenspieße, welche in jeder Waffensammlung Figur machen würden. In den Trachten der bisher genannten Gruppen herrschen die Farben Grau und Grün vor. Bei den von Pagen begleiteten Falkonieren war das anders; da prunkte es von glühendem Roth und blitzten edle Schmuckgehänge; die jugendlich kräftigen Gestalten auf den muthigen Pferden machten einen herzerquickenden Eindruck, so namentlich Graf Wilczek jun. mit der goldschimmernden Maximilianhaube und die beiden Pagen mit den im verschieden getontem Roth schimmernden, sich eng an die schwellenden Formen schmiegenden Tricots.

Fast hätten wir vergessen einer originellen Gestalt unter den Kundeknechten, welche die Hetzhunde mit den breiten Halsbändern bei der Bärenjagd führten, zu gedenken; ein putziger kleiner Mohrenknabe, mit einer stylgerechten rothen Haube auf dem Kopfe, eine gewaltige mausgraue Rüde führend. Auch des kleinen, reisiggeschmückten Wildwagens, der die frische Jagdbeute führte, wollen wir noch gedenken, und der prächtigen Musik der Hornisten. 

Gartenbau.

Die Gruppe des Gartenbaues zeigte uns, wie reizende Vertreterinnen der schöneren Hälfte der Menschheit noch bestrickender wirken, wenn sie von Kindern der Flora so reichlich umgeben sind, daß man sagen möchte, sie haben sich in einen Wettkampf mit ihnen eingelassen, aus welchem sie schließlich siegreich hervorgingen. Die Gruppe wurde durch einen Bannerträger eröffnet; der Wagen ist als Laube gedacht, mit Blumengehängen reich geschmückt; in seinem Fond hielt Flora, die Königin der Blumen, Hof, und ihr huldigten mehrere Blumenmädchen. Neben dem Wagen schritt eine Anzahl von Gärtnermädchen, Gartenwerkzeuge tragend. Das Ganze war umrahmt von vier mit kleinen Pferden bespannten Karren, deren Kasten mit Blumen und frischem Grün decorirt wurden und welche Lorbeerbäume trugen; es war dies die vielbesagte lebende Allee. Man kann sagen, daß bei dieser Gruppe die Kunst so viel gethan als die Natur. Die Tracht der Renaissance, gestattet eine Mannichfaltigkeit in Formen und Farben, welche hier recht angenehm zu Erscheinung kam; glücklicherweise haben die Damen, die da mitwirkten, sich an die Erfahrungssätze des guten Geschmackes gehalten, und die Blondinen gingen nicht purpurroth und die Brünetten nicht blaßblau. Blumenkönigin war Frau Schaffer.

Bergbau.

Man war gespannt auf die Gruppe des Bergbaues; erzählten ja Viele, welche den von Silbernagel gebauten Wagen gesehen, daß er mit jenen der Künstler, der Jagd und der Eisenbahnen zu den schönsten des Zuges gehöre, und man fühlte sich in seinen Erwatungen nicht getäuscht; wie in allen Gruppen das coloristische Princip herrschte, demzufolge eine Grundfarbe in allen Details wiederkehrt, so war es auch hier. Das giftige Orange-Gelb, das der Sammt trägt, welcher das Innere des Wagens schmückt, und das in dem Feuer lodert, das unter den Händen der Berggeister aufzuckt, welche an der Stirnseite des Wagens in kühner Gruppierung zwischen den Kohlen bergenden Erdschollen wühlen, war auch in der Tracht der Bergleute sichtbar, die den Wagen begleiteten, wie an den Rädern desselben. Die aus dem Kohlenlager aufschwebende, silberstrahlende Gestalt der Diamantenkönigin mit der blitzenden Krone auf dem Haupte erhielt, obwohl nur aus leblosem Materiale geformt, ebenso viel Beifall, als das schöne, in mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gehüllte Menschenpaar, das unter dem Baldachin im Fond des Wagens thronte und zu dessen Füßen Dämonen lagerten. Die Gruppe erschien sehr zahlreich; hundert charakteristisch gekleidete Bergleute begleiteten den Wagen, der von sechs Hengsten gezogen war und dem eine Musikbande von fünfzig Mann voranschritt. Die Truppe von Bergleuten in modernem Costüm, welche nun folgte, fiel einigermaßen aus dem Rahmen.

* * *

Die nun folgende Gruppe der Bäcker und Müller mit der großen Bretze und den Müllersäcken, der Zuckerbäcker mit dem nicht sehr stylgerechten Wagen, der mit seiner Sammt-Decorirung aussah, wie ein vergrößerter Zuckerwerksaufsatz und offenbar der Meinung der leitenden Künstler nicht entsprach, der Fleischhauer mit den blumengeschmückten Ochsen auf dem Wagen und der Fleischselcher mit der appetitlichen Auswahl von Würsten und Schinken auf dem Wagen und den hübschen Frauen am Buffet machten im Ganzen einen sehr guten Eindruck und waren namentlich durch die Cavalcade, die sie eröffnete, ausgezeichnet: bei dieser, bei der historischen Jagdgruppe und jenen der Gastwirthe und Fuhrleute sah man die schönsten Pferde. Die Gruppe der Gastwirthe, von dem Maler Zürnich ganz den Intentionen Makart’s entsprechend gestellt, hat der ungeheuren Heiterkeit wegen, die sie athmete, unsere volle Sympathie gewonnen. Das sah sich von dem Bannerträger hoch zu Roß bis zu den schmucken Kellnerinnen, welche auf dem Wagen in ihrem Berufe hantierten, wie ein lustiges Bacchusfest an, das zu Zeiten, da Aeneas Sylvius den Wienern vorwarf, daß sie mehr Wein im Keller als Tugend im Herzen haben, in unserer Kaiserstadt gefeiert wurde. Vierzehn Reiter und neunundzwanzig Herren zu Fuß und dazu auf dem Festwagen ein Faß, das nicht weniger als hundert Hektoliter faßt, Alles mit Trauben und Weinlaub üppig geschmückt, auf dem Fasse aber die Inschrift:

Viel besser krähet jeder Hahn,
So er die Kehle feuchtet an –

welcher Verehrer des edlen Rebensaftes könnte dieses Schauspiel ohne Theilnahme an sich vorüberziehen sehen? Unter den Reitern fielen durch stramme Haltung namentlich die Herren Sacher und Ronacher auf.

Auch die nächste Gruppe, jene „des Gewerbes für Bekleidung“, das will, in die landesübliche Umgangssprache übersetzt, sagen, die Gruppe der Schneider, Schuster, Hutmacher u. s. w., hielt uns in guter Stimmung; der Wagen erschien ebenso lustig gedacht als ausgeführt, und die hübsche schwarzhaarige Frau, die unter dem Baldachin die vor ihr ausgebreiteten Gegenstände der „Bekleidungskunst“ betrachtete, bot einen Anblick, der nicht weniger angenehm war, als der Eindruck, welchen der gut launige Einfall in uns hervorrief, die Stirnseite des Wagens durch eine hochaufragende Scheere und einen colossalen breiten, stylgerecht gefertigten Schuh zu betonen und als vielsagendes Ornament einen goldenen Widderkopf ober den Rädern anzubringen. In dem Felde des Banners sahen wir auf blau-weißem Grunde sieben Wappenschilde mit den nachbenannten Emblemen: ein Stiefel, ein Halskragen, ein Hut, ein Fell, eine Scheere, zwei Handschuhe und künstliche Blumen. Die schönen Eisenbären- und Tigerfelle, die Hüte und Handschuhe aller Größen, letztere bis zur Riesengröße des Paares am Frontispice des Wagens, waren recht geschmackvoll gruppirt.

Der Festwagen der „Textil-Industrie“ fesselte unsere Aufmerksamkeit namentlich durch den schönen Aufbau, die reiche Renaissance-Decorirung und dadurch, daß an dem Webstuhle gearbeitet wurde.

Auch der folgende Wagen, jener der Färber und der Spinner mit seiner Bemannung von vier Gesellen, einem Altgesellen und einem Meister, war sehr geschmackvoll mit Renaissancestoffen decorirt. Die Gruppe der Rothgärber war glücklich durch die den Wagen begleitenden bewaffneten Meister betont und wurde auch dadurch belebt, daß auf dem Wagen die Lederbereitung durch eine Arbeit auf dem Gärberbaum dargestellt ward, welche auf dem ganzen langen Wege, den der Zug zurückzulegen hatte, sehr eifrig betrieben wurde. Eine Fülle von sinnig zusammengestellten Erzeugnissen des Gewerbes schmückte den Wagen der Drechsler. Breit angelegt war die Gruppe der Tischler, obgleich uns der Gedanke, auf dem Wagen zwei in nicht übler Plastik ausgeführte Sphynxe anzubringen, wenig gefallen wollte.

Die Hafnergruppe war durch einen ganz hübschen Renaissance-Ofen belebt, der colossal nach einem Nürnberger Muster hergestellt worden; einige kleine keramische Arbeiten, das zierlich gerathene Modell des Ofens, alte Krüge, Kacheln und Anderes schmückte den Wagen.

Die Binder waren ungefähr so wie der Weinbau und die Wirthe erschienen, auf ihrem Wagen lag ein riesiges Faß, auf dem lustige Sprüche zu lesen waren.

Der Wagen der Mechaniker und Maschinen-Fabrikanten fiel angenehm dadurch auf, daß hier mit bescheidenen Mitteln ein glücklicher Effect erzielt ist; die decorative Ausstattung ist eine so bezeichnende, daß über die Gewerbe, denen er angehört, auch dem Unkundigsten kein Zweifel aufsteigen kann. In der Mitte erhebt sich ein riesiges Mühlrad, daneben stehen ein Zahnrad, ein gewaltiger Tubus und ein sauber ausgeführtes Planetarium.

Der Festwagen des Handels, von dem Bildhauer Völkl ausgeführt, vorn durch die lebensgroße vergoldete Figur des Merkur betont, der auf einer Weltkugel schwebt, welche von Anker, Tauen u. s. w. umgeben und malerisch mit Kisten, Säcken, Fässern und Waaren aller Art beladen, dann mit den erlesensten Teppichen geschmückt war, ist freilich nicht so schön gerathen, wie die Markart’sche Skizze verhieß, denn dort gingen ihm Kameele voraus und schien er ein Stelldichein der verschiedensten Nationalitäten – allein auch mit seiner lebenden Fracht von mehreren den Kauf und Verkauf darstellenden Mädchen war er eine recht angenehme Einleitung zur nächsten prächtigen Gruppe der

Schifffahrt.

Diese Gruppe wurde von zwei Bannerträgern eröffnet; die Banner zeigten die Wappen der Donau-Dampfschifffahrt und des Lloyd. Die Farbe der Wämmser der begleitenden Capitäne und Matrosen war Blau und Weiß; dem entsprechend war auch der Fond des prunkvollen Festwagens mit blauem Sammt decorirt. Acht Pferde der schwersten Race zogen das Riesen-Vehikel, das vorn und rückwärts eine balconartig überbaute Plattform zeigt. Die Stirnseite des Wagens ist durch einen Delphin, das entgegengesetzte Ende durch die Maske des Danubius betont, über welcher sich eine Schiffslaterne und ein weit hinausragender Besanmast befinden, an welch letzterem ein Segel mit Gold durchwirkt angebracht ist. Wie die Figur des Delphins im Silberkleide erscheint, so auch die Nereiden und der Triton, welche das über der Mitte schwebende reich vergoldete Modell eines Bucentaur tragen, der mit einer unbedeckten Galerie, Masten und Tafelwerk versehen ist. 

Die Damen, welche als Austria, Bavaria, China, Egypten und Griechenland in reichen Costümen die anmuthige Besatzung des Wagens bildeten, erhöhten durch die bunte Mannichfaltigkeit ihrer Trachten und durch ihre den nationalen Charakteren, in denen sie erschienen, entsprechende Haltung den glänzenden Eindruck des von Costenoble bis in das kleinste Detail zutreffend durchgeführten Prachtwagens, der in den kleinen Ornamenten an den Wandungen, in den plastischen Darstellungen mancherlei Wasserthiere verräth, daß er die Huldigung von Leuten zu überbringen habe, welche gewöhnlich Meer und Fluß als ihre Fahrbahnen benützen. 

Alle anderen Gruppen aber überragte durch die prunkvolle Pracht des Festwagens jener der Eisenbahnen; darüber und über das von dem Bildhauer Weyr bei der Lösung seiner Aufgabe bekundete Talent herrschte nur Eine Stimme; schon die riesigen Dimensionen des Wagens, der von nicht weniger als vier Paar Pferden gezogen wurde, imponirte allgemein. Die Gruppe wurde von sechs Reitern in schwarz-rothem Costüme eröffnet, welche Banner mit den Eisenbahn-Emblemen in den Feldern trugen. Denselben folgten zwei Herolde, und unmittelbar nach ihnen kam der „Triumphwagen des Feuergottes“, der eben die Vermälung mit der Königin des Meeres feiert. Der Feuergott ist eine plastische Figur in Gold, seine auserwählte Gemalin hat eine silberne Haut. An der Spitze des Wagens schweben drei Famen, welche ein geflügeltes Rad tragen, unter diesen dräut ein Höllenhund; vorne an den Seitenwänden mühen sich zwei Satelliten des Feuergottes ab, sich über die Brüstung in den Wagen zu schwingen; an den Seitenwänden rückwärts tragen zwei Nixen üppig ausladende Voluten, aus denen Rabensittige von phantastischer Größe aufragen; diese bilden den Thron des Feuergottes und seiner Angetrauten. Die ganze Gruppe wurde lebensvoll durch die Flammen und durch Rauchwolken, welche aus den beiden als Opfergefäße fungirenden Candelabern aufstiegen. Im Fond des Wagens sahen wir sechs Damen, welche in genauen heraldischen Costümen Oesterreich, Böhmen, Mähren, Polen, Schlesien und Steiermark darstellten. Das Ganze mit den in schwarze und rothe Gewänder gehüllten begleitenden Gestalten, den mehr als zweihundert Eisenbahnarbeitern, mit den wildbewegten plastischen Figuren, dem in rothem Sammt und Gold starrenden Wagen machte einen grandiosen und phantastischen Eindruck. Die Bespannung des Festwagens bildeten acht schwere andalusische Rappen aus dem kaiserlichen Hofstalle, auf welchen sich die mit Sammt überzogene und mit Goldquasten und Borduren luxuriös geschmückte Beschirrung herrlich präsentirte.

* * *

An den stylgerecht costümirten Gruppen der Uhrmacher, Spängler, Gießer, Gürtler und Bronce-Arbeiter gefielen die hübschen, die Wagen zierenden Arbeiten, wie die riesige Laterne, die immer tönende Glocke ganz besonders. 

Dem „Werthschätzer“ der Kunst-Industrie boten die Gruppen der Metallgewerbe und jene der Glaser und Goldschmiede ein hervorragendes Interesse; vor Allen verdiente in dieser Richtung der stylvoll ausgestattete Wagen der erstgenannten Gruppe mit dem Riesenschlüssel an der Spitze und mit der im Style des sechzehnten Jahrhunderts reichverzierten Feldschmiede die volle Aufmerksamkeit des Publicums. Als eine Special-Ausstellung unserer Metallarbeiter erschien uns dieser Wagen mit seinen Säulchen und Gittern, seinen Verzierungen in Schnecken und Blumen. An dem Wagen der Glasergruppe interessirte vornehmlich der Glaskasten mit den schönen Glasgefäßen, bei den Goldschmieden der plastische Schmuck des Wagens und die Gruppe von reich mit Goldschmuck gezierten und prächtig costümirten Damen, welche unter dem darüber gespannten Baldachin einen Cercle hielten. Sie gaben mit ihrem in allen Stylarten der Renaissance gebildeten Schmuck und ihren bunten Sammt- und Seidenkleidern eine zutreffende Versinnlichung des Reichthums, welcher bei der Schönheit zu Gast ist. Die reizende Frau, welche unter dem Baldachin saß, war nicht der geringste Schmuck des schönen Wagens, der vom Bildhauer Friedl gebaut worden. An der Rückwand des Wagens erhoben sich zwei Panisken, welche Muscheln, eine reiche Collection von Gefäßen in Silber und Gold trugen, die von Herrn Klinkosch beigestellt wurden. 

Die Gruppe der Graveure bestand aus 17 Theilnehmern unter Führung der Herren Heinrich Jauner und Johann Schwerdtner. Das Banner trug der Kupferstecher Herr Rudesch; zwei Lehrlinge trugen Modellirungen von Wachs, die Gehilfen aber folgende Gegenstände: einen Helm aus der Zeit Maximilian’s (mit weicher Gravierung), eine große Schüssel aus dem Schatze der Familie Herberstein, einen großen Pocal aus dem deutschen Ordensschatz, einen Buch-Einband mit Beschlägen aus dem 16. Jahrhundert. Ferner eine große Emailgravirung: „Madonna mit dem Kinde“, ein Habsburg-Lothringen’sches Reitersiegel in Kapsel. Vier Gehilfen, zwei Jungmeister und sechs Meister repräsentirten die Kunst der Gravirung. 

Nicht übersehen konnte die Gruppe der Buckdrucker werden, mit dem von Laufberger gebauten Wagen und der lebensvollen Gestalt des Gutenberg darauf; da arbeitete die Presse – doch „was sie webt, erfährt kein Weber“ – die Drucker schleuderten ihre Publicationen ins Publicum, und wer eine im Fluge erhaschte, konnte sie auch lesen. Es waren wahrscheinlich sehr unverfängliche Dinge, die da unter freiem Himmel ohne jede Aufsicht des Staatsanwalts gedruckt wurde. 

Nun erschien jene Gruppe, in welcher der historische Zug seinen Höhepunkt und Abschluß fand, jene der Künstler; Allen voraus auf muthigen Pferden zwei Gestalten, so echt, als ob sie aus einem Bilde aus dem sechzehten Jahrhundert herausgenommen wären: Beide in schimmernden rothen, mit Broncegrund geschatteten Wämsern und Mänteln, mit entsprechend reich geschirrten Pferden; in dem Einen mit dem schwarzen Hut erkannten wir den Architekten Poschacher, in dem Anderen den Pferdemaler Julius Blaas, der einen weißen Hut trug; einen Schritt hinter diesen ritt Makart. Die Künstler wurden von allen Seiten mit Zurufen begrüßt, und man gab ihnen in jeder Weise die Zufriedenheit über das von ihnen geschaffene Werk zu erkennen. 

Natürlich fragte Jedermann bei der Künstlergruppe: „Wo ist Makart?“ Der Künstler wurde im ersten Augenblicke nicht erkannt, so bescheiden hatte er sich in der Mitte der Genossen verloren. Er war in dunkelblauen Sammt gekleidet, so einfach und unauffällig wie möglich. Ein breiter Hut mit langer Feder beschattete das Gesicht des Malers, der ein reichgeschirrtes Pferd ritt. Das vom schwarzen Barte umrahmte Gesicht des Malers war bleich vor Aufregung, aber aus den genialen Augen des Künstlers, der seine Phantasie herrlich ins Leben treten gesehen, blitzte ein Strahl der Freude. Wo der dunkle Reiter auf dem weißen Zelter erscheint, zeigt ihn Einer dem Andern, und „Makart hoch! hoch!“ schallt es durch die Reihen, die Frauen wehen mit den Tüchern, die Männer schwenken die Hüte. Ueberall empfängt ihn brausender Willkomm, und der Name Makart dringt von den Fenstern und Balconen wie von den eleganten Tribünen hinab ins Volk, wo er den Leuten, vielleicht zum erstenmale, aber bedeutungsvoll in die Ohren fällt. Der Enthusiasmus des heutigen Tages hat die Popularität des Künstlers erst im wahren Sinne des Wortes geboren.

Von Makart wendeten sich Aller Augen dem Festwagen zu, der an der Stirnseite durch die silberblinkende Copie der medicäischen Venus, welche sich auf einer kühn geschwungenen, reich vergoldeten Volute erhebt, charakterisirt war. An den vier Ecken des Wagens erhoben sich vier Candelaber, deren Flammenschalen von Puttis, wahren Perlen der Holzschneidekunst, getragen sind. Unter dem rothen Sammtbaldachin, der sich über die Rückseite des Wagens wölbt, standen und saßen auf den reich mit echt persischen, indischen und türkischen Teppichen belegten terrassirten Boden Künstlerfrauen in der reichen Tracht jener Zeit, da selbst wetterharte Krieger einen Luxus in Spitzenkrausen trieben, der fabelhafte Summen verschlang. Wir erkannten trotz der flamändischen Maske die gluthäugige Frau des Malers Groß, die lilienhaft schlanke Frau Ehrler-Max, in dem Mädchen aber mit dem gestrählten goldblonden Haare unter dem Baldachin Fräulein von Endersen. Alle Damen trugen reiche Spitzenkragen und Krausen. Die Künstler wie ihre Damen waren mit Goldketten, Gehängen u. s. w. geschmückt, die jedem Museum und jedem – Still-Leben zur Zierde gereichen würden. Ueberhaupt war diese Gruppe durch Farbenreichthum der Costüme und die bequeme Art, wie sich Damen und Herren in denselben bewegten, ausgezeichnet. Unter den Künstlern, welche dem Wagen folgten, traten besonders hervor: Hasenauer und Schöffer in feierlichem schwarzen Kleide, Bildhauer Tilgner, und endlich wegen seiner hünenhaften Gestalt sein College Costenoble. Da die Künstler bekanntlich den Abschluß des historischen Zuges bildeten, so ist der Gedanke, demzufolge durch Adoptirung des Costüms der Rubens-Zeit für diese Gruppe eine Art Uebergang zu dem modernen Zuge gefunden wurde, ein glücklicher zu nennen.

Sollen wir über die künstlerische Gesammthaltung des Festzuges, namentlich aber über den historischen Theil desselben ein Urtheil geben, so haben wir nur kurz die Stimmen aller competenten Richter des In- und Auslandes, welche ihn bewunderten, zusammenzufassen, um kurz zu sagen, daß seit den kunstgesegneten Tagen der Renaissance nirgends so Prächtiges gesehen wurde. Ein solcher Zug wäre in Wien vor dreißig Jahren noch nicht möglich gewesen; um solches zu leisten, mußten wir Jahrzehnte eines so reichen Kunstlebens hinter uns haben, wie es die Neugestaltung Wiens consequenterweise mit sich brachte; wir sagen: Wiens, mit besonderer Betonung, weil unsere Bevölkerung von Hause aus ein ganz besonderes Talent für geschmackvolle Decoration besitzt. Und in verhältnißmäßig so kurzer Zeit so viel Schönes zu produciren, dazu gehört eben nicht nur tüchtige Schulung, sondern jene Leichtigkeit in Erfindung und Durchführung, welche nicht anerzogen werden kann, sondern angeboren sein muß. 

Noch waren die Augen des Publicums wie geblendet von all dem Glanze, in dem die Künstlergruppe erschienen war, und schon verkündeten einzelne Juchezer und ein paar schrille Töne der Schwegelpfeifen, daß der Orginal-Hochgebirgs-Jagdzug in Sicht sei. Der Festzug verlor nun den Charakter der imponirenden Pracht und nahm jenen der österreichischen Gemüthlichkeit an, wie sie nirgends so herzerfrischend zu treffen, als in den Bergen bei unseren Aelplern. Es dauerte nur wenige Secunden, und dieser neue Ton hatte ein Echo in der Brust der Zuschauer gefunden, und man jubelte den Jägern von den Tribünen, von den Balconen und Fenstern zu; schöne Damen schwenkten ihre Tücher gegen die wettergebräunten Gestalten. Der Zug wurde von fünfzig Herren, aus denen wir vor Allem den Grafen von Meran nennen, geführt. Lustig waren die Wildbeutewagen und der steirische Kuchelwagen mit den Sennerinnen. Und als die Flügelhornisten ihre Alpenweisen erschallen ließen, da sangen hie und da Leute im Publicum mit. Am zahlreichsten war die streirische Gruppe des Zuges vertreten, welcher in mehrere Abtheilungen zerfiel, und zwar: a) Winterjagd mit den Dachshunden; b) Hahnenbalz, wobei eine große Anzahl von frisch geschossenen Hahnen getragen wurde; c) Gemsjagd mit einem mit Gemsen beladenen Wagen; d) Brakjagd: Brakirjäger, Brakirer mit sehr vielen Hochgebirgshunden, welche sich über alle Erwartung gentil benahmen und weder viel bellten noch heulten; der große Wildpretwagen, darauf Hirsche, Rehe u. s. w.; schließlich über ein Dutzend Reitponies. Bei der Gruppe der Streirer marschirten A. v. Zinner, die Barone Thavonat und Seßler, v. Frank, bei jener der Niederösterreicher Baron A. Rothschild u. s. w. Sehr aufgefallen ist Fürst Hugo Windischgrätz, der vor dem Jagdwagen der Krainer ritt, auf welchem ein Theil der Jagdbeute dieses gewaltigen Jägers gefahren, während ein anderer getragen wurde; darunter sahen wir ein paar Bären, einige Wölfe u. s. w. Die Kärntner führte Fürst Rosenberg, und ihr Wagen war mit Hirschen, Gemsen, Rehen, Luchsen u. s. w. beladen.  

Der herrliche Ring von Palästen und Gärten, welcher das alte Wien umschließt, bot zur Zeit des Festzuges ein fesselndes Bild. Die prächtig decorirten Häuser, die lange Tribünenreihe, mit einer erwartungsfrohen Menge besetzt, gaben einen heiteren Rahmen zu dem farbenreichen Festzuge, der in mittelalterlicher Pracht durch das neue Wien schritt. 

Daß der Himmel so heiter herniedersieht und die Sonne so goldig scheint, wird wie eine Huldigung für den Festzug aufgefaßt. Die Natur selbst findet heute keine Beachtung, unsere Spaziergänge sind verödet. Der Stadtpark ist leer und verlassen, man hat auch seine Thore abgesperrt, damit der Menschandrang die schönen Anlagen nicht gefährde. Alles Leben wogt in den Straßen – aber es ist ein Wogen voll schöner Ordnung und Regelmäßigkeit. Vor und auf den Tribünen entwickeln sich die buntesten Bilder. Ueberall fliegt ein Corps von Speisen und Getränken bringenden Kellnern und Jungen umher; dazwischen schreien und rufen Colporteure von Kaiserbildern, Festprogrammen, illustrirten Blättern; auch Austräger von Adressen reclamensüchtiger Industrieller haben sich eingefunden. Ab und zu fällt auch ein Witzwort. Lachen und Bravorufe sind sein Echo. Der Wiener Humor bricht hervor, selbst heute, wo ihn eine erregte Erwartung im Zaum zu halten scheint. Wohin man blickt, frohe Gesichter und – was jede Festscene in Wien so herrlich kleidet: eine Fülle reizender Frauengesichter. Nicht nur die eleganten, feingeschnittenen Köpfe der Städterin auf der theuren Tribüne, auch da unten auf der Straße das heitere Gesicht der in voller Morgenschönheit blühenden Wienerin aus der Vorstadt. 

Um halb 10 Uhr wurde das gleichmäßige Bild bewegter. Nun werden auf der Ringstraße die Durchlässe des Spaliers geschlossen. Einen Augenblick scheint die Ordnung durchbrochen zu sein. Das Militär und die Sicherheitswache genügen kaum, den Durchbruch des Spaliers zu hindern. Jeder will den besten Platz erobern, Jeder in die vorderste Reihe kommen. Ein Stoßen, Schieben, Drängen und Schreien beginnt, daß man alle Mühe der Sicherheits-Organe, die Ordnung herzustellen, für vergeblich hält. Aber sie wird hergestellt. Nun, wo auch der Zug schon bald nahen soll, beginnt die Errichtung der unprogrammmäßigen Tribünen. Wägelchen und Leitern werden herbeigeschleppt. Wer sie benützt, um von diesem erhöhten Standpunkte einen Blick auf den Festzug zu gewinnen, braucht nur wenige Kreuzer zu zahlen. Auch auf den Dächern wird es lebendig. Wo glatte Dächer sind, wie auf dem Cursalon, oder Balustraden, wie an der Oper und einzelnen Häusern der Ringstraße, steckt nun Kopf an Kopf. Die Bäume der Ringstraße beleben sich gleichfalls. Zwei, drei Burschen sitzen in dem dünnen Geäste eines jeden einzelnen derselben. Nun ist es nahe an 10 Uhr. Der Festzug ist in Sicht. Man hört Beifall klatschen. Er gilt nicht dem Beginne des Zuges. Zur Weihe des Augenblicks ist ein Schock rother und blauer Ballons, mit Gas gefüllt, in die Höhe gelassen worden und tanzt und fliegt in allen Richtungen gegen den blauen Himmel. 

Anfangs ist die Begeisterung für den Zug eine kleine. Die Einfärbigkeit der Festtheilnehmer in Frack und Cylinder wirkt nicht weniger als stimmungsvoll. Aber die ersten farbigen Bilder wecken Rufe und Gegenrufe, und bald tönt warmer, herzlicher Beifall. 

Vor dem Schwarzenberg-Platz stockt der Zug wiederholt. Oft bleibt er für lange in gänzlichem Stillstande. An dieser Straßenbiegung ist vor dem Palais Wertheim ein photographisches Atelier angebracht, welches die Ursache dieser Langsamkeit und Schwerfälligkeit bildet. Ganz verdeckt als ein Giebelbau ist im ersten Stocke des Gebäudes das Atelier angebracht. Es ist mit schwarzgelben Fahnen und mit Reisig decorirt. Man hört sagen, daß der Zug eine geraume Zeit früher vor dem Kaiserzelt erschienen wäre, hätte man das Atelier statt vor, hinter dem Festplatz angebracht. Andere erklären sich die langen Intervalle während des Zuges damit, daß er anfangs ein zu rasches Tempo genommen und nun den Schritt mäßigen müsse, um erst zur festgesetzten Zeit vor dem Kaiserzelt anzulangen. Sicher ist, daß vor dem photographischen Atelier Gruppe um Gruppe anhielt, so daß die Inhaber der anliegenden Tribünensitze in die Lage kamen, jede Gruppe eine geraume Zeit lang zu betrachten. Mit lautem Hurrah und Hüte- und Tücherschwenken wurden die Theilnehmer am Zuge begrüßt, und Ruf und Gegenruf schallen durch die Lüfte. Allmälig kam aber durch die Arbeit des Photographen der lange Zug zum Stocken, und als immer drohenderes Gewölk am Himmel aufzog, wurde das Publicum, das befürchten mußte, durch einen Regen verscheucht und um den Rest des Zuges gebracht zu werden, ungeduldig. Man sah bald ein, daß es nicht mehr angehe, den Zug weiter aufzuhalten, und so wurde die Ordre gegeben, die ferneren Gruppen hätten ohne weiteren Aufenthalt den Schwarzenberg-Platz zu passiren. 

Ein Künstler schreibt uns über diese Störungen: Wir sind unglücklich über eine Störung, welche einestheils Rücksichtslosigkeit eines geschäftigen Photographen, anderntheils die Rathlosigkeit von Selchern verursacht hat. Der Photograph hatte die einzelnen Gruppen durch Zeichen zum Stehen gebracht, um sie photographiren zu können. Die Selcher ließen sich durch die Ordner nicht weiter schicken, und so entstand in der Folge der Gruppen eine Lücke. Ehe der so viel verdiente Festordner Streit Mittheilung darüber von den Ordnern erhielt und auf den Platz eilen konnte, war der Fehler bereits geschehen und nicht mehr zu repariren. Er mußte selbst die bereits wieder in Posen stehenden Mitglieder einer Gruppe förmlich antreiben, um sie vorwärts zu bringen. Trotzdem forderte der Photograph die Gruppe neuerlich zum Stehen auf. 

Auch an anderen, glücklicherweise sehr unbedeutenden Zwischenfällen fehlt es nicht. An einem der ersten Triumphwagen des Zuges sind am Stubenring die Stränge gerissen, mit denen die Pferde vorgespannt waren. Das kleine Malheur wird rasch gutgemacht. Ein Pferd wird entfernt, und statt vier ziehen nun drei Pferde den Wagen. Auch trifft es sich mitunter, daß einem Reiter das Pferd zu ungeberdig scheint, und daß ein Genosse, der ein fermerer Reiter ist, mit dem schwächeren Kameraden das Thier tauscht. Das Gesammtbild des imposanten Zuges wird durch solch kleine Intermezzi nicht verändert. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich aber von Tribüne zu Tribüne die Nachricht von einem ernsteren, durch scheue Pferde hervorgerufenen Unglücksfall, der den Zug aber unberührt läßt und von welchem daher an einer anderen Stelle dieses Berichtes die Rede sein wird.

Auch Marodeurs des Zuges gibt es: Verspätete, die nicht mehr eingereiht werden konnten. Vier Handschuhmacher, ganz in Leder angethan, unter ihnen ein Fahnenträger, und eine Musikcapelle von Bergleuten sieht man, als der Zug schon lange vorüber ist, noch die Ringstraße passiren. Die unglücklich Verspäteten scheinen sich das Vergnügen des Festzuges allein gönnen zu wollen.

Die außerordentlich anständige Haltung der nach Hunderttausenden zählenden Zuschauer muß als das ehrenvollste Zeugniß betrachtet werden, das sich die Bevölkerung Wiens selbst auszustellen im Stande war. In keiner Großstadt der Welt – wir dürfen dies ohne Selbstüberhebung aussprechen – wäre eine so musterhafte Ordnung aufrechtzuerhalten möglich gewesen. Daß es dort und da auch zu kleinen Scenen kam, mindert nichts an dem eben ausgesprochenen Lobe. Schon vor Beginn des Festzuges erhielt die Festcommission Nachricht, daß die Menge in der Nähe der Eschenbachgasse und Mariahilferstraße das Spalier zu durchbrechen drohe und daß die dort aufgestellten Jäger dem Andrange der stets neu zuströmenden Zuschauer kaum Stand zu halten vermochten. Man verstärkte das Spalier, so weit es die Verhältnisse gestatteten. Im Rücken der Menge sammelten sich aber immer neue Massen, welche vorwärts drängten, so daß endlich die Reihe der Soldaten durchbrochen wurde. Es gelang den Jägern, welche selbst einzelnen Ausschreitungen gegenüber die vollste Ruhe und lobenswerthen Tact bewiesen, nur theilweise, die Menge zurückzudrängen. Es mußten Husaren requirirt werden, deren Pferde in wenigen Minuten zu Stande brachten, was alles Bitten und Ersuchen der Sicherheitswache und der Soldaten nicht erwirken konnten. Außer diesem Einen Falle ist keine größere Störung vorgefallen. Jene Schwarzseher, welche von der keine Tribünensitze innehabenden hunderttausendköpfigen Menge prophezeiten, sie werde sich der Tribünen bemächtigen, die Spaliere durchbrechen und den Zug unmöglich machen, haben sich gründlich getäuscht. 

Die Tribünen auf dem Festplatze, welche für das Publicum bestimmt waren, füllten sich schon frühzeitig mit eleganten Damen und Herren, welche das Glück hatten, von diesem günstigsten Standpunkte die Feier und den Zug sehen zu können. Schon lange, bevor das Kaiserpaar und der Hofstaat, der Gemeinderath, die Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses u. s. w. erschienen, hatten sie genug zu schauen und Gelegenheit, sich die Zeit angenehm zu vertreiben. Der Festplatz war ja mit seinen stylvoll sich an die Architektur der Museen anschließenden Bauten an und für sich eine Sehenswürdigkeit. Den Hintergrund bildeten die sehr glücklich geschmückten Gerüste der Museen; die einzelnen Pfähle und Querstangen waren mit Reisig umhüllt, die Eckpfähle trugen das kaiserliche Wappen, die Kreuzungspunkte der Querstangen und Pfähle kleine Schilde in Medaillonform mit Reisig-Umrahmung, welche abwechselnd im Felde die Buchstaben E und F J zeigten. Die officiellen Festtribünen vor den Museen, in ellipse-ähnlicher Form amphitheatralisch ansteigend, an den Ecken durch Obelisken und in ihrer ganzen Ausdehnung durch 24 choragische, mit stoßenden Adlern bekrönten Säulen, bildeten ein sehr gut stimmendes Gegenbild zu dem Festzelt mit den dasselbe flankirenden Pavillons. Die Säulen waren durch 24 österreichische, an Seilen hängende Flaggen und durch Reisigfestons verbunden. Die gegen das Zelt sehenden Wände der Festtribüne waren mit prächtigen Tüchern bekleidet, der Boden des Festplatzes mit Sand bestreut, so daß er mit den denselben einschließenden Bauten einer Arena glich. Vor der Festtribüne waren zwei Militär-Musikbanden postirt, welche ursprünglich bekanntlich in den kleinen Eckpavillons untergebracht werden sollten, die nun aber von Hofdamen eingenommen wurden, da die großen Pavillons mit den Hemichkle-Tribünen für die Aufnahme aller Gäste nicht ausreichten. Dem Architekten Otto Wagner wurde die schwierige Aufgabe, den Haupttheil der gesammten von ihm herzustellenden Schein-Architektur, das kaiserliche Zelt, obgleich es vierundzwanzig Stunden vor dem Festtage erst an Ort und Stelle gebracht und in dieser kurzen Frist in seiner Decoration vollendet werden sollte, so zu planen, daß es in der That alle anderen Bauten beherrschte. Das Hofzelt, inmitten der beiden großen Pavillons mit den halbrunden Colonnaden und den abschließenden Eckpavillons, erschien in der traditionellen Form der Zelte gehalten, in constructiver Form entstanden und architektonisch durchgebildet. Das Gerüst besteht aus polychromirten Holzsäulen, welche ein mit rothem Tuche überspanntes Dach tragen, dessen First durch zwei kaiserliche Adler betont ist. Das Zelt mit seinen Wänden, welche mit rothem Tuche umhüllte Seile armirten, mit seiner in Bronce-Ton gehaltenen Stickerei, seinem Baldachin mit den Prachtdecken, mit dem reichen Schmuck von frischen Rosen, den echten, aus dem ersten, zweiten und dritten Türkenkriege stammenden Trophäen, den goldtauschirten Rüstungen, den in den lebensvollsten Farben prangenden, die vier Jahreszeiten darstellenden Gobelins machte einen pompösen Eindruck; es war überdies mit Teppichen belegt und mit stylvollen Möbeln ausgestattet; die Zeltwand gegen die Burg war geschützt und bildete einen Vorhang, durch welchen das Kaiserpaar, seine Gäste und der Hofstaat eintraten. Ober dem Baldachin halten zwei gegen einander gestellte Greifen die vereinigten Wappen der Habsburger und der Herzoge in Bayern. Der Silhouette des Zeltes geben die darüber und über die beiden Pavillons hoch emporragenden kaiserlichen Standarten eine erhöhte Betonung; es war daher ebensowol durch seine Situirung als seine Decoration als die Hauptsache charakterisirt. Die beiden geschlossenen Pavillons waren im Innern mit rothem Damast tapeziert, mit venetianischen Spiegeln und entsprechenden Möbeln ausgestattet, der Boden mit Teppichen belegt. An den vier Ecken der Pavillons waren sehr gut bewegte, in Bronce-Ton gehaltene, von den Bildhauern Beyer und Lax ausgeführte Famen angebracht; die sinnigen Reliefs, welche die friesartigen Bogenzwickel schmücken: der Imperator mit dem Hymenäus und die Flora, der ein Genius Blumen in den Schoß streut, rühren von Benk her. Die Brüstungen und die Außenwände des Zeltes gegen den Festplatz waren mit Prachtdecken geschmückt, davor standen Palmen und Blattpflanzen. Die Wangen der Hemichkle-Tribünen waren mit Festons verziert; die Säulen trugen mit Reisig umrahmte Medaillons, in deren Felde das Wappen der Stadt Wien prangte. 

Der mit so vornehmer Pracht ausgestattete Platz war schon um Mitternacht von allem Verkehre abgeschlossen worden, damit die Zurichtungen keinen Schaden leiden und kein Unberufener die getroffenen Dispositionen hinsichtlich der Plätze störe. Der Raum war eben nur für die officielle Welt reservirt worden und reichte genau auch nur für diese aus. Längs der in drei Abtheilungen zerfallenden Festtribüne waren die ersten fünf Reihen in Logen umgewandelt, in welchen die Mitglieder des österreichischen Reichsraths und des ungarischen Reichtags, die Landesausschüsse der Provinzen, der Gemeinderath von Wien, die Deputation der Pester Stadtrepräsentanz, die Honoratioren von Serajewo und die übrigen Deputationsmitglieder sonder Zahl aus allen Theilen des Reiches placirt worden waren. In den Reihen, welche über diese Logen hinaus noch vorhanden waren, saßen jene durch Beziehungen oder Zufall bevorzugten Menschenkinder, die eine Karte auf die Festtribüne erlangt hatten. Obgleich man leicht berechnen konnte, daß der Zug hier erst in vorgerückterer Stunde werde vorbeidefiliren können, war die Tribüne um 10 Uhr Vormittags dennoch schon voll besetzt, und sie gewährte um diese Zeit einen wahrhaft glänzenden Anblick, ein Bild voll Leben und Farbe. Die Vertreter der officiellen Kreise hatten heute National-Costüm und Uniform daheim gelassen und das bürgerliche schwarze Festkleid angelegt. Was dadurch an Farbe verloren ging, ward reichlich durch das Imponirende der Massen ersetzt. Und gar, wer das Bild in seinen Details zu individualisiren vermochte, der konnte eine Augenweide finden, derengleichen sich nur selten bietet. Da saßen sie alle, die „berechtigten Eigenthümlichkeiten“ und „historisch-politischen Individualitäten“ dieses großen Reiches, friedlich beisammen. Da in der ersten Reihe rechts sieht man den scharfen Habichtskopf des ungarischen conservativen Staatsmannes Freiherrn v. Sennyey; neben ihm seinen persönlichen Freund und politischen Kumpan, den Grafen Anton Szecsen, der selbst hier die Wartezeit zu literarischen Studien benützt und sich tief in Lectüre versenkt. In unmittelbarer Nähe taucht der Kopf des endlich friedfertiger gewordenen Dr. Ladislaus Rieger neben der längst über Miliz und Radicalismus schlüssig gewordenen Excellenz Rechbauer auf. Neuer und alter Fortschritts-Club, linkes und rechtes Centrum – alle diese politischen Richtungen laufen wirr durcheinander; und erst die Landes-Automomie, die ist gänzlich aufgegangen in dem Centralismus der Festtribüne. Der strenge Charakter der officiellen Logen wird wohlthuend gemildert durch jene hellen Tinten, die in den oberen Reihen sieghaft überwiegen; denn hier haben schöne Frauen und holde Mädchen, in den lachenden Farben des Frühlings gekleidet, Platz genommen. Eine weiße Mantille wirkt hier intensiver als zehn Fracks.

Gegenüber in den an das Kaiserzelt angrenzenden Logengängen und Pavillons war concentrirt, was zum Hofe, zum Militär und zur Diplomatie gehört. Auf der rechten Seite grünte ein Wald von Ferderbüschen; vom Generalmajor aufwärts saßen dort die Spitzen der Armee dicht beisammen, das glänzendste Cadre, das je bei einem friedlichen Feste gesehen worden. Näher dem Kaiserzelte zu waren die Damen der Aristokratie und die Herren vom diplomatischen Corps placirt, ebenso auf der linken Seite der logenförmigen Tribüne; freilich nur ein geringer, aber dennoch glanzvoller Bruchtheil dieser Gesellschaftskreise, denn die meisten Angehörigen derselben hatten es vorgezogen, von Fenstern und Balconen aus das Schauspiel zu genießen. Man sah den Grafen Andrassy, wie immer bei prunkvollen Anlässen, in Generals-Uniform, mit seiner Gattin, mehrere der österreichischen Minister, den gemeinsamen Säckelwart Freiherrn v. Hofmann, mehrere Botschafter mit ihren Attachés, die Türken in Fez, den englischen Militär-Bevollmächtigten in seiner scharlachrothen Uniform, die Beamten des Auswärtigen Amtes und – nicht zum geringsten – einen Kranz vornehmer Frauen der Aristokratie in lichten, zumeist einfärbigen Toiletten. Diese große, einander betrachtende und besprechende Gesellschaft vertrieb sich die Zeit des Zuwartens in der angenehmsten Art. Es war den Insassen dieser Tribünen gestattet, die Plätze zu verlassen und auf dem weiten Plane in der Mitte zu spazieren. Da nun, gleichsam vom Centralpunkte des ganzen Festes aus, genoß man eine Um- und Fernsicht, die sich jedem Betrachter tief ins Gedächtniß prägen mußte. Nach abwärts erschloß sich die lange Zeile der Ringstaße mit ihrem Tribünenwall und dicht besetzten Fenstern; nach aufwärts ward der Blick festgebannt durch die mächtig aufstrebenden, gleichfalls übervölkerte Zuschauer-Gallerien tragenden großartigen Neubauten. Ringsum endlich zog sich der Kreis des Festplatzes, im Ganzen wie im Einzelnen das Interesse anregend. Zwei Militär-Capellen spielten abwechselnd, Husaren-Ordonanzen sprengten Straße auf, Straße ab. Die Mitglieder der Festcommission hatten noch eine letzte Anordnung zu treffen, so daß das bewegte Leben selbst hier, wo der officielle Charakter in seiner gemessenen Ruhe sich am strengsten ausprägen sollte, niemals zur Rast gelangte. Das ganze Festbild von Alles überragender Höhe überschauend, standen auf der Balustrade des äußeren Burgthores dichte Menschenmassen; sie hatten eine vortreffliches Observatorium für den Festplatz wie für den Zug, hatten aber natürlich keine Aussicht auf das Kaiserzelt und die hier sich abspielenden Vorgänge. Am spätesten füllten sich das Kaiserzelt, welches für die Mitglieder des Kaiserhauses und den Hofstaat bestimmt war. Erst gegen 10 ¼ Uhr fuhren die ersten Wagen vor, und denselben entstiegen nach einander sämmtliche in Wien wohnende und zum Feste hierher gekommene Erzherzoge mit ihren Gemalinnen und Kindern, sowie die sonstigen mit dem Kaiserhause in verwandtschaftlichen Beziehungen stehenden hohen Persönlichkeiten. Die Herren trugen durchgehends militärische Campagne-Uniform, die Damen Frühjahrsroben mit weißen Mantillen und französische Hüte derselben Farbe. Es entwickelte sich unter diesen Festgästen eine sehr lebhafte Conversation, welche bis zu dem Augenblicke gepflogen wurde, in welchem die Ankunft des Kaisers und seiner Familie erwartet wurde.

* * *

Die Ankunft erfolgte genau dem Programm entsprechend mit dem Glockenschlage 11 Uhr. Einige Minuten früher hatten die auf dem freien Plane postirten beiden Militär-Capellen ihre Stellung verändert. Die Mitglieder des Gemeinderathes verließen ihre Logen und traten in gerader Aufstellung vor das Kaiserzelt hin. Von der Seite des Paradeplatzes her kam der Männergesang-Verein unter Führung seines Vorstandes, seiner Banner- und Fahnenträger und postirte sich hinter dem Gemeinderathe. Die in dem Hofzelte anwesenden Mitglieder des Kaiserhauses eilten zu dem nach rückwärts führenden Einlaß hin, bildeten dort Spalier und empfingen den Kaiser, der am Arme der Kaiserin erschien. In diesem Augenblicke erhoben sich die auf dem Platze Anwesenden von ihren Sitzen. Die Herren entblößten das Haupt, die Militär-Capellen intonirten die Volkshymne, und unter dem brausenden Hochrufen der Menge erschien der Kaiser im Zelte. Er trug die Campagne-Uniform eines Generals der Infanterie. Die Kaiserin trug eine chamoisfarbene Robe mit einer breiten, aus schwerem schwarzen Atlas gefertigten Schleife; darüber trug die Kaiserin dieselbe mit Gold verzierte weiße Mantille, welche sie bei der Einweihung der Votivkirche angelegt hatte, ferner einen Sonnenschirm in der Farbe ihrer Robe, mit Spitzen übernäht, und einem weißen Hut französischer Facon. Die Kaiserin führte die kleine Erzherzogin Marie Valerie an der Hand, die ganz in Weiß gekleidet war und ihr Haar in frei herabhängenden Strähnen trug. Dem Kaiserpaare folgten Kronprinz Rudolph in Oberst-Uniform, Erzherzogin Gisela in hellblauer Toilette und ihr Gemal, Prinz Leopold. Als die Hochrufe ertönten, salutirte der Kaiser wiederholt, die Kaiserin neigte den Kopf zum Gruße, Beide dadurch für die ihnen gebrachten Ovationen dankend. Sodann trat Bürgermeister Dr. Newald, gefolgt von den beiden Vice-Bürgermeistern, vor und hielt an den Kaiser die folgende Ansprache: 

Eure Majestäten! Ehrfurchtsvoll danke ich für die Gnade, mit welcher Eure Majestäten die Huldigung der treuen Bevölkerung am heutigen Tage entgegenzunehmen geruhen. Im vollen Einklange mit den allseitig laut gewordenen Wünschen befanden sich die Vertreter der Reichshaupt- und Residenzstadt, als sie, zum lebendigen Ausdrucke der allgemeinen Begeisterung, einen Festzug anzuregen beschlossen.

Freudig folgten alle Kreise der Bevölkerung dem an sie ergangenen Rufe, und Bürgerschaft wie Adel, Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe waren einmüthig in dem Gedanken, unsere Huldigungsfeier in einer ihres erhabenen Zweckes würdigen Weise zu gestalten.

Allein nicht nur Wien rüstete sich zu dem Jubelfeste, aus allen Theilen, aus allen Gauen des großen Vaterlandes sind Tausende und aber Tausende erschienen, und inmitten der Vertreter des Gesammtreiches empfangen Eure Majestäten die Beweise unerschütterlicher Treue und Liebe.

Mögen Eure Majestäten huldvoll gestatten, daß unser Festzug, das wallende Banner Ihrer allzeit getreuen Stadt voran, sich entfalte, eröffnet von unserem begeisterten, aus vollem Herzen kommenden Rufe:

„Hoch lebe Se. Majestät der Kaiser!“
„Hoch lebe Ihre Majestät die Kaiserin!“

 Als der Bürgermeister seine Rede beendigt hatte, wiederholten sich die stürmischen Hochrufe, und nachdem dieselben verklungen waren, zog der Kaiser ein Blatt Papier hervor und verlas die nachfolgende Antwort an die Bürgermeister:

Es war Mein Wunsch, daß bei der Feier des 25. Jahrestages Meiner Vermälung alles kostspielige Gepränge vermieden werde.

Ich habe nur für Wien, Ihrem Ansuchen gemäß, eine Ausnahme gestattet und Mich bereit erklärt, den glänzenden öffentlichen Huldigungsact entgegenzunehmen, welchen die Gemeindevertretung Mir und der Kaiserin aus diesem Anlasse angeboten hat, und dessen Beginn Sie, Herr Bürgermeister, Mir soeben angekündigt haben.

Ich wünsche damit der schaffenden Arbeit auf allen Gebieten des Gewerbefleißes, des Handels und des Verkehrswesens, sowie den schönen Künsten einen öffentlichen Beweis Meines Wohlwollens, Meiner Anerkennung ihres Werthes im Staatsleben und Meiner schirmenden Fürsorge für ihre Interessen zu geben.

Ich freue Mich des seltenen und großartigen Schauspiels, das sich hier entwickeln soll, und spreche hierfür im vorhinein der Gemeindevertretung, die das Fest veranstaltet, den genialen Künstlern, welche die Entwürfe verfaßt und in das Leben eingeführt, den Gesellschaften, gewerblichen Genossenschaften und sonstigen Corporationen, sowie den einzelnen Persönlichkeiten, welche das Fest durch ihre Theilnahme und Mitwirkung ermöglicht haben, endlich den sämmtlichen Theilnehmern am Festzuge selbst – Meinen und der Kaiserin herzlichen Dank aus.

Nur die Nächstsitzenden vermochten die Worte des Kaisers zu vernehmen, auf der Festtribüne konnte man bei den riesigen Dimensionen des Festplatzes nichts hören. Als der Kaiser seine Rede beendigt hatte, ertönte abermals ein dreimaliger Hochruf, worauf dann der Wiener Männergesang-Verein die von Joseph Weilen gedichtete, von Weinwurm componirte Festcantate unter des Letzteren Leitung vortrug: die letzten Accorde klingen in der Weise der Volkshymne aus. Als der Gesang bis dahin gelangt war, erhoben sich die Anwesenden neuerdings von ihren Sitzen und erschollen wider die Hochrufe. Damit war die officielle Huldigung vorüber, die Mitglieder des Gemeinderates begaben sich in ihre Loge zurück, und der Männergesang-Verein begab sich auf die ihm zugetheilte Tribüne. Die Mitglieder des Kaiserhauses hatten der Huldigung stehend mit angewohnt; jetzt erst rangirten sich auch diese auf den Plätzen.

Die Damen nahmen nun ihre Plätze ein. Auf den grünen, in der vordersten Reihe stehenden Fauteuils ließen sich nieder: die Kaiserin, neben ihr die Erzherzogin Marie Valerie, zwischen Beiden stand der Kaiser; dann folgten die Erzherzoginnen Gisela und Marie. Der Kronprinz und sein Schwager Leopold standen auf der rechten Seite. Die übrigen Mitglieder des Kaiserhauses hielten sich mehr im Hintergrunde.

Einige Minuten später, nachdem die Insassen des Kaiserzeltes sich niedergelassen hatten, begann der Aufmarsch des Festzuges vor dem Kaiser. Die Tète desselben hatte bei der Albrechtsgasse Posto genommen, bis die officiellen Reden gewechselt und der Choral abgesungen waren. Auf das gegebene Zeichen ertönten die Fanfaren der berittenen Trompeter, erklangen die Glocken der benachbarten Kirchen, und unter der größten Spannung begann das Défilé. Der Kaiser verharrte auch jetzt stehend, desgleichen Kronprinz Rudolph und Prinz Leopold, welch Letztere ihre Augen mit Feldstechern bewaffnet hatten. Auch die Kaiserin sah mit Spannung dem Schauspiel entgegen, und Erzherzogin Marie Valerie bedrängte ihre kaiserlichen Eltern mit munteren Fragen, denen ihr Vater mit liebevoller Ausdauer Rede stand. Der Zug der Studenten ging vorüber unter brausenden Hoch-, Eljen- und Ziviorufen der Theilnehmer; der Kaiser salutirte fortwährend, die Kaiserin neigte dankend den Kopf. Die Turner und Schützen defilirten, jede einzelne Riege mit brausenden Hochrufen. In unabsehbaren Reihen folgten die Vereine und Gewerke, jeder und jedes seine besondere Huldigung vor dem Kaiserzelte bringend.

Alles Interesse vereinigte sich auf die dritte Abtheilung des Festzuges, auf die costümirten Gruppen. Dieselben erregten auch hier wie überall, wo sie bisher vorübergezogen, ein geradezu enthusiastisches Entzücken; freilich gelangte dasselbe auf dem Festplatze nicht zu so lautem Ausdrucke wie anderwärts, denn hier betrachtete man das in solcher Fülle und Pracht noch nie geschaute Bild vergangener Zeiten mit jener durch die Anwesenheit des Hofes hervorgerufenen Zurückhaltung, die etwa ein Théatre paré von einer gewöhnlichen Vorstellung unterscheidet. Allein das Gefallen und der Enthusiasmus haben noch eine andere als die laute Weise des Ausdruckes; sie theilen sich mit wie die Wirkungen einer elektrischen Kette, und dieser innige Rapport im Bewundern und Staunen hatte alsbald den ganzen großen Kreis vereinigt. Es war auch anders nicht möglich, denn hier, auf dem Culminationspunkte des Festes, rafften sich die etwa müde Gewordenen nochmals auf, boten die Theilnehmer des Festzuges Alles auf, um am Schönsten zu erscheinen, am wirksamsten in die Action zu treten. Man hat sogar nach dieser Richtung etwas zu viel des Guten gethan. Jede Gruppe wollte sich, wie begreiflich, nach Thunlichkeit effectvoll insceniren, möglichst selbstständig vor dem Kaiserzelt erscheinen; man ließ deßhalb hie und da ermüdende Pausen eintreten, deren Wirkung sich allerdings sofort wieder verflüchtigte, sobald die auftauchende Gruppe ihre Pracht entfaltete. Von der Kaiserloge aus verfolgte man den Aufmarsch der Costümirten, ihre Wagen und Actionen mit sichtlicher Freude. Als die vorüberziehende Flora mit ihren Gärtnermädchen Blumen gegen das Kaiserzelt hin streute; als die Weber ihren Webstuhl in Bewegung setzten; als Gutenberg aus der Presse ein Blatt hervorzog, auf welchem die Worte: „Fünfzehn Tage auf der Donau“ zu lesen standen, eine Erinnerung an das jüngste edirte Jagdwerk des Kronprinzen; als die Tischler, Schlosser und Gärber vorüberschritten und in ihrem Gewerbe wacker hantierten - da entstand im Kaiserzelt lebhafte Bewegung, und die Mitglieder des Hofes erwiderten auf die herzlichste Weise jede Huldigung. Kronprinz Rudolph, der beim Defiliren der Buchdrucker gerade anderwärts hin seinen Blick gelenkt hatte, wurde erst durch seinen Schwager Leopold auf die ihm persönlich geltende Ovation aufmerksam gemacht, der Kronprinz trat, angenehm betroffen, einen Schritt zurück, und die Röthe der Autoren-Freude ergoß sich über sein Gesicht. Bis hieher hatte man auf dem Festplatze jede laute Aeußerung des Beifalls zurückgedämmt; als aber die Gruppe der Künstlergenossenschaft in Sicht kam und mir ihr die wackeren Künstler, welche das Fest durch ihre Phatasie, ihr Talent und ihre Ausdauer zu nie geahnter Pracht und Schönheit erhoben - Allen voran der kleine Mann mit dem großen Kopfe und dem Auge eines Dichters: Hanns Makart - da konnte Niemand länger an sich halten, und mit Beiseitelassung aller Etiquette erdröhnte eine Salve des Applauses und ertönten stürmisch die Rufe: „Hoch die Künstler! Hoch Hanns Makart!“ Der künstlerische Schöpfer des Festzuges, in seinem einfach-ernsten Habit aus dem sechzehnten Jahrhunderte, hatte den breitkrämpigen Rembrandt-Hut vom Haupte genommen, als er den Festplatz entlang ritt, dankte durch ein Neigen des Kopfes und durch Winken mit der Hand für die ihm gewordene, allerdings reichlich verdiente Auszeichnung. Der Aufzug der Künstler-Genossenschaft ward durch das Wetter einigermaßen beeinträchtigt. Die Sonne, welche dem Festzugsunternehmen bis jetzt so günstig gelächelt hatte, daß die Leute auf der Festtribüne unter ihrer sengenden Kraft leiden mußten, versagte gerade in jenem Augenblicke die Mithilfe, in welchem man ihres Glanzes, ihrer belebenden Macht auf die Farben am meisten bedurft hätte. Eine Laune des Aprils hatte genau nur über den Festplatz dichtes, schwarzes Gewölk zusammengeballt, und als die Göttin der Schönheit, welche die Künstler an ihren Wagen gebannt hatten, vor dem Kaiserzelte erschien, fiel ein dichter Gußregen herab, der eine allgemeine Mobilisirung der Paletots verursachte und die kaiserliche Familie nöthigte, die vorderen Plätze zu verlassen und sich in Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen. Die gleich darauffolgende Gruppe erschien wie eine Illustration zu diesem neckischen Spiel der Natur: es war die „Jagd im Hochgebirge“, die herangezogen kam. Wie wenn ein erfrischender Lufthauch in die Gelehrtenstube eindringt und dieselbe mit seinem Duft, mit seinem kräftigenden Odem erfüllt, den Geist befreit aus dem Brüten über den vergilbten Büchern: so wirkte das Erscheinen dieses munteren und modernen, dem Leben abgelauschten Zuges nach der feierlichen Grandezza des bisherigen alterthümlichen Gepränges. Schreiend und pfeifend, jauchzend und „paschend“ kamen die Waidmänner einher, selbst frohgemuth und urwüchsig, deßhalb heiter und erfrischend auf die Zuschauer wirkend. Die voranschreitenden Cavaliere, zumeist Jagdgenossen des Kaisers, warfen die Hüte in die Höhe, grüßten nach dem Kaiserzelte hin und empfingen von dort freundlichen Gegengruß. Wie sie da fürbaß schritten, die Fürsten und Grafen im Lodenrock und in den Jagdstrümpfen, wurde das Interesse in den aristokratischen Logen ein vermehrtes, weil persönliches. Man sah endlich unter den Tausenden der Vorüberziehenden auch bekannte Gesichter. Als die Querpfeifen und Waldhörner Märsche, Signale und Ländler bliesen, die Herren mit den Händen im Tacte dazu „paschten“, die Jäger schrien und „juchezten“, da war die Scene wie mit Einem Schlage verändert; es herrschte der Frohsinn, wo früher die Bewunderung gewaltet hatte. Nach dem Jagdzuge kamen die Feuerwehren und Veteranen-Vereine einher, mit ihren zahlreichen Musik-Capellen und durch ihren militärischen Schritt die Freunde strammen Auftretens erfreuend. Die Wiener Feuerwehr machten den Anfang; die Mannschaft war in Parade ausgerückt, und ihr folgten die geschmückten Spritzen und Wasserwagen; daran schlossen sich die aus 168 Ortschaften herbeigeströmten Deputationen der Feuerwehren unter Führung ihres Obmanns, des Abgeordneten Dr. Wedl. Die Veteranen, aus 79 Städten Oesterreichs und Ungarns herbeigeeilt, und die 43 Gesangvereine aus Wien und Umgebung bildeten den Abschluß. Als Nachhut folgte ein Piquet Husaren.

Die 1500 Sänger bildeten einen dichten Halbkreis vor dem Kaiserzelt; ihr Dirigent Mair bestieg sein mitgebrachtes Pult, die Menschen ringsum erhoben sich, eine Militär-Capelle schickte sich zum Accompagnement an, und mächtig erscholl die Volkshymne. Indessen spielte der Telegraph und brachte die Kunde von dem Abschlusse des Festzuges nach dem Arsenale. In den Gesang der Vereine, das Spiel der Capellen, das Läuten der Glocken und die Zurufe der Menge mischte sich der Donner der Salven, die vor der Stadt abgefeuert wurden. Auch im Kaiserzelte hatte sich während dieser Scene Alles erhoben. Die Sonne war längst wieder unverhüllt auf ihrer Bahn erschienen; sie lieh zuletzt noch dem Feste ihre goldenen Strahlen. Der Kaiser eilte, von seinem General-Adjutanten Baron Mondel gefolgt, die Treppe des Zeltes hinunter, schritt auf den Dirigenten Mair zu, um diesem zu danken, und ließ den Bürgermeister rufen, um auch diesen noch einmal seine Anerkennung auszusprechen. Dann kehrte der Kaiser in das Zelt zurück, führte die Kaiserin und die Erzherzogin Marie Valerie aus demselben, die übrigen fürstlichen Personen folgten, die Insassen der Tribünen suchten ihre Wagen auf, und so gut es eben in dem unbeschreiblichen Gedränge möglich war, trachtete Jedermann, erfüllt von dem Erschauten und Erlebten, heimwärts zu kommen.

Die Festcommission theilt uns über den Huldigungsact noch Folgendes mit: Nach Schluß der Ovation wurde Bürgermeister Dr. Ritter v. Newald verständigt, daß ihn der Kaiser zu sprechen wünsche. Nachdem der Bürgermeister mit dem Gemeinderathe vorgetreten war, begab sich Se. Majestät von dem Kaiserzelte auf den Festplatz und sprach Ersterem in den huldvollsten Worten nochmals seinen Dank aus für das herrliche Fest und die erhebende Feier, welches sowol ihm wie der Kaiserin so viele Freude bereitet habe. Unmittelbar nach Beendigung des Festes hatte sich der Herr Obersthofmeister Baron Nopcsa in das Bureau des Bürgermeisters auf das Rathhaus begeben, um im Auftrage Ihrer Majestät der Kaiserin, welche nicht Gelegenheit fand, am Schlusse der Feier den Bürgermeister persönlich zu sprechen, diesem ihren huldvollsten kaiserlichen Dank zu überbringen.

Um 3/4 12 Uhr langte die Tète des Zuges vor der Augartenbrücke an. Die Corvorationen der beiden ersten Abtheilungen haben nach Passirung des Festplatzes ein lebhafteres Tempo eingeschlagen; sie kamen auch im ziemlich lockeren Verbande vor der Brücke an, woselbst sich die Auflösung rasch und anstandslos vollzog. Die Gruppen des costümirten Zuges, welche dem scharfen Tempo der vormarschirenden Abtheilungen nicht gefolgt waren, erreichten vollkommen geschlossen und in sich geordnet den Franz-Josephs-Kai. Hier zerstreuten sich die Berittenen und Fußgänger, währen die Mehrzahl der Festwagen über die Augartenstraße den Rückweg nach dem Prater nahm. Die Insassen der Festwagen hatten letztere erst nach Passirung der Brücke verlassen und mittelst der dort bereitstehenden Wagen den Heimweg angetreten. Die Auflösung der beiden letzten Abtheilungen, welche in strammer Haltung bis an die Brücke angerückt waren, erfolgte ebenso rasch und anstandslos, als jene der beiden ersteren. Bei der Auflösung des Festzuges konnte man an den Theilnehmern durchaus keine Müdigkeit beobachten, und schien es fast, daß die vielstündigen Strapazen durch die feierliche Stimmung der Festzugstheilnehmer gar nicht empfunden worden waren. Besonders gilt dies von den Theilnehmern des costümirten Zuges, welche in anerkennenswerther Rücksicht für das Publicum bis zum letzten Momente und bis zur berühmten „Rienzi-Tribüne“ dieselbe Ordnung und Haltung bewahrten, wie beim Auszug aus dem Prater.

Die bis 7 Uhr Abends im Präsidial-Bureau der Polizei-Direction eingelaufenen Rapporte constatiren, daß der Huldigungs-Festzug in größter Ordnung verlief und bis auf einen Unglücksfall durch scheu gewordene Fiakerpferde sich kein Unfall von Belang ereignete.

Ueber den ersteren liegt uns folgender Bericht vor: Um 12 Uhr 40 Minuten Mittags, unmittelbar nachdem die Gruppe der bildenden Künste den Stadtpark passirt hatte und sich dem Schwarzenbergplatze näherte, wurden in der Fichtegasse die Pferde des Fiaker-Eigenthümers Joseph Kittinger plötzlich scheu, rannten auf den Kolowratring, durch die mit Menschen dichtbesetzte Reit-Allee, den Stubenring hinab bis zur Zollamtsbrücke, gegenüber der Franz-Josephskaserne, wo sie von berittenen Wachleuten zum Stehen gebracht werden konnten. Vorher sind aber leider folgende Personen verletzt worden: Theresia Qual, Handarbeiterin, 42 Jahre alt, Landstraße, Hauptstraße Nr. 76 wohnhaft (eine leichte Verletzung am Kopfe); Katharina Fuhrherr, Private, Kegelgasse Nr. 4 wohnhaft (eine bedeutende Quetschung); Marie Kruppa, Dienstmagd, Siegelgasse Nr. 1 wohnhaft (eine unbedenkliche Quetschung am linken Fuße); Leopoldine Schwarz, Private, 58 Jahre alt, Apostelgasse Nr. 33 wohnhaft (eine Verletzung des Brustkastens, Grad derselben noch nicht bestimmbar), und Johann Kaubeck, Schmiedgehilfenssohn, 11 Jahre alt. Dieser wurde nächst der Zollamtsbrücke überfahren und am Oberschenkel schwer verletzt. Die Verunglückten, sowie sieben Personen, die durch diesen Vorfall ohnmächtig geworden waren, wurden schleunigst in die nächstgelegenen Rettungsanstalten der Sicherheitswache übertragen, wo ihnen von den anwesenden Aerzten Hilfe geleistet wurde. Der früher genannte Knabe, Kaubeck, wurde in das Rudolphsspital und die Dienstmagd Kruppa ins allgemeine Krankenhaus transportirt. Die übrigen Verunglückten konnten sich selbst in ihre Wohnungen begeben. Der Lenker des Fahrzeuges, der bei dem Versuche, die scheuen Pferde aufzuhalten, ebenfalls mehrfache Verletzungen erlitten hatte, wurde in Haft genommen.

Ein anderer Unfall, der jedoch von keinen ernsten Folgen begleitet war, ereignete sich auf der Festtribüne. Eine alte Dame stürzte nämlich in Folge eigener Unvorsichtigkeit von der Treppe C herab, verletzte sich aber nur leicht. Sie wurde mittelst Wagens in ihre Wohnung gebracht.

Auf der ganzen Strecke, die der Festzug passirte, kamen im Ganzen 40 bis 50 Ohnmachtsanfälle, zumeist bei Frauen und Kindern, vor. Alle erholten sich aber in kurzer Zeit.

Renitenzen gegen Militär und Wache kamen nur vereinzelt, häufiger Taschendiebstähle und Verhaftungen von Langfingern vor.

* * *

Ein in seiner Art seltenes Fest fand vorgestern Abends in den Saal-Localitäten „zum goldenen Sieb“ in der Paniglgasse statt. Sämmtliche Jäger und Sennerinnen aus Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Tirol u. s. w., welche beim Hochgebirgs-Jagdzug betheiligt sind, versammelten sich daselbst, eingeladen von den Cavalieren, welche diesen Jagdzug arrangirten und von welchen ein großer Theil persönlich erschienen war. Wo die Söhne der Alpenländer zusammenkommen, da fehlt es nicht an Liedern. Manch prächtiges Lied, mancher lustige Jodler erschallte zur Mundharmonika, dieser steten Begleiterin der Alpenländler. Hundertfältige „Juchzer“ ertönten, als auf Geheiß der Jagdherren Champagner aufgetischt wurde und die Salzburger Schwegelpfeifer zum Tanze aufspielten. Bald drehten sich die stämmigen Paare im Kreise. „Steirisch“ und „Ländler“ wechselten ab, und des Jubels war kein Ende. Manch einfache Rede wurde gesprochen, manches Hoch ausgebracht, und mancher Specialist in dem einen oder anderen Zweige ländlicher Kunst erntete reichen Beifall, so ein wetterbrauner Jäger, der mit wahrer Virtuosität den Ruf des balzenden Birkhahnes nachahmte. Gegenstand zahlreicher Ovationen war der Landeshauptmann von Salzburg, Hugo Graf Lamberg, und dessen Gemalin, welche im Jagdcostüme am Feste theilnahmen. Das Fest endete erst lange nach Mitternacht, und „Buben und Dirnen“ werden noch manchmal in einsamer Almhütte erzählen, wie lustig es in der „Wienerstadt“ zuging.

Ende des Berichtes der Neuen Freien Presse

Quellen:
Neue Freie Presse vom 28. April 1879

übertragen von hojos
im Jänner 2006

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